"Heldenplatz": Josefstadt-Premiere, 22 Jahre danach

Heldenplatz 2010: Sona MacDonald als Anna, Michael Degen als Robert Schuster und Elfriede Schüsseleder als Olga
Heldenplatz 2010: Sona MacDonald als Anna, Michael Degen als Robert Schuster und Elfriede Schüsseleder als Olga ©APA
Philip Tiedemann inszeniert das einstige "Skandalstück" von Thomas Bernhard mit Michael Degen in der Hauptrolle neu. Am Donnerstag ist Premiere im Theater an der Josefstadt.
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“Man wird heute zugeben, dass ‘Heldenplatz’ ein Stück ist wie nur für diesen Ort nur zu dieser Zeit”, schreibt Roland Koberg in seiner Claus Peymann-Biografie. “Es lässt sich kaum nachspielen, trotz seiner gut entwickelten Beziehungsstrukturen, was die geschwisterlichen Verhältnisse angeht, trotz der Schärfe, die sich in den Herrschaftshierarchien abbildet, und trotz des bewegenden Themas – die Hasserfahrung, die einen nicht aus den Klauen lässt.” Am Donnerstag (9.9.) tritt Philip Tiedemann im Theater in der Josefstadt zum Gegenbeweis an.

Jenseits der Uraufführung

Tiedemann (Jahrgang 1969), einst von Claus Peymann “entdeckt”, hat bereits mit einer Reihe von Aufführungen (die drei Peymann-Dramolette, “Der Ignorant und der Wahnsinnige”, “Die Macht der Gewohnheit”) gezeigt, dass es durchaus interessante Lesarten der Stücke Thomas Bernhards jenseits der Peymann’schen Uraufführungen gibt. Gerade bei “Heldenplatz” dürfte 22 Jahre nach der Uraufführung noch vieles zu entdecken sein, zumal damals die Vorab-Aufregung um durchgesickerte “Stellen” die tiefere Beschäftigung mit dem Stück behindert hatte.

Verbalisiertes Hamsterrad

So könnte nun weniger der mögliche Wahrheitsgehalt von Sätzen wie “Österreich selbst ist nichts als eine Bühne / auf der alles verlottert und vermodert und verkommen ist / eine in sich selber verhasste Statisterie / von sechseinhalb Millionen Alleingelassenen / sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige” interessieren, als die Gesamtanlage des Stücks, seine Musikalität und die Schichtungen unter der Oberfläche der Suada. Er sehe “Heldenplatz” als “eine weitergeführte Form von ‘Warten auf Godot'”, sagte der Regisseur in einem “Presse”-Interview. “Wir sehen Menschen, die wie in einem verbalisierten Hamsterrad glauben, sich unaufhörlich motorisch bewegen zu müssen, sie kommen aber keinen Schritt voran.”

Michael Degen als große Bernhard-Figur

Die Hauptlast des Textes trägt die Figur des Robert Schuster. Nach dem Begräbnis seines Bruders Josef, der, sich von ständigen “Sieg Heil”-Rufen verfolgt glaubend, sich noch vor seiner neuerlichen Emigration aus dem Fenster gestürzt hat, räsoniert der herzkranke “Professor Robert” nun stellvertretend für jenen über den politischen Zustand Österreichs 50 Jahre nach dem “Anschluss”. Die Rolle wurde zum Karrierehöhepunkt von Wolfgang Gasser. Drei Jahre nach dessen Tod spielt nun Michael Degen diese große Bernhard-Figur.

“Skandalös heilsames Theater”

Dass “Heldenplatz” über das “Bedenkjahr 1988”, zu dem es entstand, und auch über Österreich hinaus Wirkung entfalten kann, ist längst bewiesen. Bei einer Inszenierung 2003 in Zagreb hieß es etwa in kroatischen Zeitungen, “manche Momente scheinen geradezu satirisch auf die Situation und Politik in Kroatien Bezug zu nehmen”. Ein Jahr darauf ortete “Le Monde” bei einer Aufführung an der Comedie Francaise “skandalös heilsames Theater”. 2004 versuchte sich Sabine Mitterecker am Landestheater Linz an einer Neubewertung für Österreich. Und schon am 2. Oktober hat eine Neuinszenierung des Stückes am Tiroler Landestheater Premiere. Regie führt Schauspielchef Klaus Rohrmoser, Gerd Rigauer spielt den Robert Schuster.

Thomas Bernhard: “Heldenplatz”

Regie: Philip Tiedemann, Bühnenbild: Etienne Pluss, Kostüme: Stephan von Wedel, Musik: Ole Schmidt. Mit Michael Degen – Robert Schuster, Sona MacDonald – Anna, Elfriede Schüsseleder – Olga, Siegfried Walther – Lukas, Gertraud Jesserer – Hedwig, Marianne Nentwich – Frau Zittel

Theater in der Josefstadt, Premiere: 9. September, 19.30 Uhr, Weitere Vorstellungen: 10. bis 15.9.

Karten: 01 / 42700-300. www.josefstadt.org

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