Händchen halten im Altersheim

Ein Blick ins Geriatriezentrum Favoriten zeigt, dass das die Angst vor dem Altersheim oft unbegründet ist: die Menschen fühlen sich zu Hause, finden Anschluss an andere und manchmal sogar noch Liebe.

„Das ist unser Pärchen. Die beiden sind erst hier zusammengekommen.“ Stationsschwester Martina Pscheidl zeigt auf Herrn W. und Frau H. Sie sitzen Händchen haltend auf einer rustikalen Holzbank – beide sind um die 80 Jahre alt und leben im Pflegewohnbereich 6 des Geriatriezentrums Favoriten in Wien.

„Wir nennen uns Wohnbereich“, erklärt die Stationsschwester. „Der individuelle Charakter des Wohnens ist unser Credo.“ Schwester Pscheidl führt durch einen taghellen Gang – die Wände werden von Seidentüchern und Imitationen berühmter Bilder geziert. Ein Dali etwa, die zerrinnende Uhr. So etwas wie Zeit scheint hier keine Bedeutung zu haben – zumindest für die Bewohner nicht.

Wie zu Hause

„Oft schau’ ich mir Filme um 2.00 Uhr früh an oder manchmal um 11.00 Uhr vormittags – es spielt keine Rolle“, sagt Herr B. und deutet auf einen unbestimmten Punkt in seinem Zimmer: „Ich fühl mich gar nicht wie in einem Heim – für mich bin ich hier zu Hause.“

Um 10.00 Uhr gibt es eine Pause für das Pflegepersonal. Es wird Kaffee herumgereicht, Zigarettenpackungen liegen auf den Tischen, eine Ärztin schaut kurz vorbei: „Ihr könnt mit den Leuten am besten umgehen“, ist sie voll des Lobes für Stationsschwester Pscheidl und ihr Team.

„Mit dem Essen happert’s…”

Die Nachfrage bei den Bewohnern bestätigt das positive Bild. Alle sind großteils zufrieden – doch Frau H. hält sich mit Kritik nicht zurück: „Mit dem Essen happert’s halt ein bisschen.“ Ihr gegenüber sitzt Frau F. Beide rauchen durchschnittlich acht Zigaretten am Tag. „Ja“, sagt sie, „zu Hause würde ich mir schon was anderes kochen.“

Ein technisches Problem war kürzlich für das schlechte Essen verantwortlich, erklärt man. Die Speisen werden nämlich vorgekocht, eingekühlt und dann auf den jeweiligen Stationen nach dem „Cook & Chill-Verfahren“ wieder aufgewärmt.

Arbeit mit Menschen

Heute steht Kalbsschnitzel mit Spiralen auf dem Menüplan. Das technische Problem dürfte beseitigt worden sein – die insgesamt 24 Bewohner lassen es sich munden. „Heute hat es gut geschmeckt“, sind sich Frau H. und Frau F. einig. Beide blicken strahlend auf, als Schwester Elke Pristonig auf eine Zigarette in den Rauchsalon kommt. „Sie ist ein Engel“, sind sich die beiden alten Damen wieder einmal einig.

Schwester Elke wollte schon als kleines Kind „entweder Krankenschwester oder Polizistin“ werden. „Mir ist die Arbeit mit Menschen wichtig“, sagt sie und meint im gleichen Atemzug: „Bis zur Pension will ich aber nicht am Krankenbett arbeiten – das macht einen kaputt.“ Vor allem die langen Nachtdienste seien schlecht für jede Beziehung. „Familienfreundlich ist der Beruf nicht.“

Plötzlich heller Aufruhr: Ein Neuzugang sorgt für Hektik unter dem Pflegepersonal. Der Alltag für die Schwestern geht weiter, der gemütliche Plausch ist vorbei. Was bleibt, sind zufrieden tratschende Bewohner und natürlich „das Pärchen“ – Herr W. und Frau H. sitzen wieder Händchen haltend auf ihrer Bank.

Redaktion: Magdalena Zotti

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