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Gratis-Kinderimpfprogramm: Ärzte wünschen konsequenteres Impfen

Laut Ärzten wird oft zu spät oder nicht konsequent genug geimpft.
Laut Ärzten wird oft zu spät oder nicht konsequent genug geimpft. ©APA/BARBARA GINDL
Bereits seit über 20 Jahren gibt es das Gratis-Kinderimpfprogramm. Nach wie vor wird es jedoch nicht voll ausgenützt.

Seit über 20 Jahren trägt das Gratis-Kinderimpfprogramm zum Schutz der Kinder, aber auch indirekt zum Schutz vieler Erwachsener vor impfpräventablen Erkrankungen bei. Zwar nützen die meisten Eltern das Angebot, oftmals leider aber zu spät oder nicht ausreichend konsequent.

Masern könnten bereits ausgerottet sein

Daher sind beispielsweise die Masern immer noch ein Thema, obwohl sie eigentlich schon längst ausgerottet sein sollten. Auch die WHO-Ziele bezüglich Gebärmutterhalskrebs wird Österreich unter anderem aufgrund zu niedriger Durchimpfungsraten bei der HPV-Impfung nicht wie geplant erreichen. Erweitert wird der Schutz hingegen bei den Pneumokokken. Der seit 1. Februar verwendete Impfstoff deckt ein breiteres Erregerspektrum als bisher ab.

Mit dem Gratis-Kinderimpfkonzept haben alle in Österreich lebenden Kinder bis zum 15. Lebensjahr Zugang zu den wichtigsten Impfungen unabhängig von der finanziellen Situation ihrer Erziehungsberechtigten. "Derzeit werden im Rahmen des Kinderimpfkonzepts acht verschiedene Impfungen gratis verabreicht, die Schutz gegen 13 Erregergruppen bieten", sagt Priv.-Doz. Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek vom Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, Leitung Abteilung für Impfwesen. Ein Teil dieser Impfungen findet im Säuglings- beziehungsweise Kleinkindalter statt, der andere bei Schulkindern.

Österreich: Erfolg beim Rotavirus

Die Impfungen verzeichnen Erfolg. Während vor der Einführung der Rotavirus-Impfung mussten jährlich zwischen 2.900 und 4.400 Kinder wegen einer Rotavirus-Erkrankung ins Krankenhaus gebracht werden. Mit der Einführung der Impfung konnte die Anzahl der Hospitalisierungen um 90 Prozent gesenkt werden.

"Aus den Berechnungen der Durchimpfungsraten für Masern-Mumps-Röteln und Polio ist bekannt, dass Kinder in Österreich zu spät und nicht ausreichend konsequent mit der notwendigen Anzahl an Dosen geimpft werden", sagt Paulke-Korinek. Während Eltern oftmals glauben, die Kinder seien für die Impfungen zu jung, ist laut Paulke-Korinek das Gegenteil der Fall.

Impfungen im Säuglings- bzw. Kindesalter werden deshalb durchgeführt, da durch die Impfungen vermeidbare Krankheiten gerade bei Babys und Kleinkindern häufiger vorkämen und speziell in dieser Altersgruppe zu schwerwiegenden Verläufen führen könnten. "Es ist daher außerordentlich wichtig, mit den notwendigen Impfungen rechtzeitig zu beginnen und diese zeitgerecht abzuschließen, damit die Kinder möglichst früh gegen die entsprechenden Erkrankungen geschützt sind", so Paulke-Korinek.

Wenn nicht oder nicht rechtzeitig geimpft wird, hat das gravierende Folgen. So wurden etwa im Jahr 2019 in Österreich 151 Masernfälle registriert. Es handelt sich um einen Anstieg um fast das Doppelte im Vergleich zum Vorjahr. Fünfzehn Fälle mussten ins Krankenhaus gebracht werden.

Masern-Virus führt zu langfristigen Schäden

"Masern sind keine harmlose Erkrankung, sie bringen neben den Hauterscheinungen oft hohes Fieber und ein massives Krankheitsgefühl mit sich. Etwa 20 Prozent aller Erkrankten müssen mit Folgeerscheinungen bis hin zur Masernenzephalitis rechnen", sagt Prim. MedR. Ass.-Prof. DDr. Peter Voitl, MBA, Leiter der Kinderintensivstation im SMZ-Ost mit dem Spezialbereich Kinderkardiologie und Gründer des ersten Wiener Kindergesundheitszentrum Donaustadt.

"Eine Infektion mit dem Masern-Virus führt außerdem zu einem langfristigen Schaden des Immunsystems", sagt Priv. Doz. Dr. med Daniela Schmid, MSc, Leiterin der Abteilung für Infektionsepidemiologie & Surveillance des Bereichs Public Health an der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit . "Es wird angenommen, dass in der Prä-Masernvakzin-Ära mindestens die Hälfte der Kindersterblichkeit an Infektionskrankheiten Masern-assoziiert war."

"Auch bei den Pneumokokken kommt es immer wieder vor, dass Eltern ihre Kinder nicht vollständig impfen lassen", sagt Dr. Rudolf Schmitzberger, Impfreferent der Österreichischen Ärztekammer. Wichtig sei, dass der Impfzyklus (3 Teilimpfungen) wirklich eingehalten werde. "Bei nicht geimpften Kindern sehen wir Kinderärzte außer den gefährlichen invasiven Pneumokokken-Erkrankungen (IPE) häufig Fälle von immer wiederkehrenden Mittelohrentzündungen, die nicht nur äußerst schmerzhaft sind, sondern auch zu einer Flüssigkeitsbildung im Ohr und langfristig zu Höreinschränkungen führen können. Sehr viele davon kann man durch eine Pneumokokken-Impfung vermeiden."

WHO will Gebärmutterhalskrebs eliminieren

Auch beim Humane papilloma-Virus (HPV) ist die Zahl der Impfungen noch niedrig. "Wir schätzen, dass derzeit nur etwa jedes zweite Kind im entsprechenden Alter gegen HPV geimpft wird", sagt Paulke-Korinek. Auch bei dieser Impfung spielt der Impfzeitpunkt eine wichtige Rolle. "Idealerweise findet sie bereits im Alter von 9 Jahren statt, so wie es im Kinderimpfprogramm vorgesehen ist", erklärt Univ. Prof. Dr. Elmar Joura von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der Medizinischen Universität Wien und begründet auch, warum: "Bei einer frühen Impfung werden höhere Antikörperspiegel erreicht als später im Leben. Daher reichen bis zum 15. Lebensjahr zwei Teilimpfungen aus, später benötigt man drei. Außerdem kommt man mit der frühen Impfung einer ersten Infektion im Regelfall zuvor."

Die WHO hat sich zum Ziel gesetzt, den Gebärmutterhalskrebs zu eliminieren. Bis 2030 sollen dafür 90 Prozent aller Mädchen bis 15 Jahre gegen HPV geimpft werden und die Häufigkeit der Neuerkrankungen auf unter 4 pro 100.000 Frauenjahre gesenkt werden. "Österreich liegt derzeit bei etwa acht Erkrankungsfällen pro 100.000 Frauenjahre - also dem Doppelten des WHO-Zieles - und wird die Elimination ohne Verbesserung der Durchimpfungsrate und routinemäßigen Einsatz des HPV-Tests bei Frauen ab 30 voraussichtlich noch viele Jahre nicht erreichen", so Joura.

Gratis-Kinderimpfprogramm: Bessere Umsetzung gewünscht

Die Empfehlung im Kinderimpfprogramm seien gut, nur die Umsetzung nicht, so der Gynäkologe. "Österreich hat zwar ein sehr gutes Schulimpfprogramm und als erstes Land weltweit empfohlen, auch Buben zu impfen, dennoch ist die Umsetzung je nach Schule sehr variabel. Ein Lösungsansatz wäre die Opt-out-Variante, wie es sie zum Beispiel in England gibt", so Joura. Eltern müssten sich dann schriftlich gegen die Impfung entscheiden, ansonsten würde das Kind geimpft.

(Red)

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