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"Glückwunsch an Österreich" - trotz leichter Übersterblichkeit durch Coronavirus

Trotz leichter Übersterblichkeit wird Österreich für sein Krisenmanagement rund um das Coronavirus gelobt.
Trotz leichter Übersterblichkeit wird Österreich für sein Krisenmanagement rund um das Coronavirus gelobt. ©APA (Sujet)
"Glückwunsch an Österreich. Österreich und Länder wie Deutschland haben einen guten Job gemacht", so WHO-Europa-Regionaldirektor Hans Kluge angesichts der Coronakrise, obwohl das Coronavirus am Höhepunkt seiner Ausbreitung in Österreich zu einer leichten Übersterblichkeit in der Altersgruppe ab 65 Jahren geführt hat.

Weltweit bisher rund zehn Millionen bestätigte SARS-CoV-2-Infektionen und etwa 500.000 Todesfälle sind die aktuelle Bilanz der Pandemie. "Das Virus kann uns alle treffen. Am meisten aber leiden die Ärmsten und die Alten", sagte jetzt WHO-Europa-Regionaldirektor Hans Kluge im Gespräch mit der APA.

"Jeder Mensch, der jetzt SARS-CoV-2 zum Opfer fällt, ist eine Tragödie"

Nach SARS, der Influenza-Pandemie ("Schweinegrippe") der Jahre 2009/2010 und anderen Ausbrüchen von Viruserkrankungen in den vergangenen Jahren inklusive der Ebola-Epidemien in Afrika mit verschleppten Fällen stellt sich die Frage, wie die Welt in eine Situation wie jene rund um SARS-CoV-2 kommen konnte. Kluge, langjährig als Arzt tätig und seit Anfang Februar WHO-Regionaldirektor für Europa: "Wir waren mit SARS, MERS und der Influenza-Pandemie gewarnt. Aber unser Gedächtnis ist, was schlechte Nachrichten betrifft, schwach. Was wir wirklich unterschätzt haben, das sind die Schnelligkeit, mit der sich SARS-CoV-2 ausbreitet und das Ausmaß an Verwüstung, die es anrichtet." Sitz des WHO-Regionalbüros für Europa ist Kopenhagen.

"Jeder Mensch, der jetzt SARS-CoV-2 zum Opfer fällt, ist eine Tragödie", erklärte Kluge. Es ließe sich aber bereits sagen: "In Ländern, wo es eine gute medizinische Primärversorgung gibt und wo man es geschafft hat, die Spitäler zu schützen, konnte man Covid-19 besser managen. Denn Krankenhäuser sind oft ein Multiplikationsfaktor für Seuchen." Das gleiche gelte für Altersheime und ähnliche Einrichtungen. "Am Anfang waren es die Jungen, die Skifahren waren und sich ansteckten. Aber gelitten haben dann besonders die alten Menschen, die infiziert wurden."

Zumindest in vielen Staaten Westeuropas sei man nunmehr beim Zurückdrängen der Pandemie ziemlich erfolgreich gewesen, betonte der WHO-Europa-Regionaldirektor: "Unsere Organisation umfasst aber nicht nur die EU, wir haben 53 europäische Staaten als Mitglieder." Darunter befinden sich auch wesentlich ärmere und sozial schlechter gestellte Staaten, zum Beispiel Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR in Zentralasien.

Zu Österreich: "Wir sehen hier keine 'zweite Welle'"

Genau hier sehe man, dass das SARS-CoV-2-Virus eben nicht vor Landesgrenzen Halt mache oder auf nationaler Ebene besiegt werden könne: "Ich hatte vor wenigen Tagen Gespräche mit den europäischen Ländern mit weniger als einer Million Einwohner, zum Beispiel mit Andorra, Island oder Malta." SARS-CoV-2 bzw. Covid-19 suche einander benachbarte Regionen mit ähnlicher Struktur in ähnlicher Weise heim, nicht einzelne Nationalstaaten. Deshalb sollten alle Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie auch nicht nur national, sondern auf internationaler Ebene ergriffen und - im positiven Fall - auch wieder koordiniert beendet werden.

Die Situation sei in Ländern wie Deutschland oder Österreich derzeit recht stabil, betonte der gebürtige Belgier: "Wir sehen hier keine 'zweite Welle'. Das sind am ehesten 'Zacken'. Aber die Biologie des Virus hat sich nicht geändert. Es wurde nur durch die verschiedenen Maßnahmen zurückgedrängt."

Man müsse aber besonders mit dem Herbst 2020 sehr aufmerksam sein und im Zweifelsfall schnell reagieren. "Was passiert, wenn dann eine Mutter mit zwei Kindern mit 'Husten, Schnupfen, Heiserkeit', womöglich Influenza oder vielleicht gar SARS-CoV-2 in eine Arztpraxis kommt? Wir arbeiten an einem Algorithmus, um hier Handlungsanleitungen parat zu haben", sagte Kluge.

Ständiger Lernprozess um Coronavirus

Oberstes Gebot, laut dem WHO-Europa-Regionaldirektor: "Wir müssen alle jetzt schon verfügbaren Impfstoffe vermehrt anwenden." Die Produktionskapazitäten für Influenza-Vakzine sollten erhöht werden. "Wir brauchen für die Zukunft auch Lager für ausreichend viele Schutzmasken und Schutzkleidung. Hier müssen strategische Vorräte angelegt werden." Man befinde sich seit dem Beginn von SARS-CoV-2 in einem ständigen Lernprozess. Kluge: "Wissenschaft ist ein evolutionärer Prozess. Wir schreiten Schritt für Schritt voran. Das war beispielsweise so mit Hydroxychloroquin. Wir lernen." Das sei auch so bei den Schutzmasken gewesen. Auch die WHO unterliege in der aktuellen Situation einem ständigen Lernprozess. Erkenntnisse würden geprüft, dann angenommen oder wieder verworfen.

Derzeit gebe es jedenfalls kein Patentrezept gegen SARS-CoV-2, dessen Verbreitung oder die Covid-19-Erkrankung. Der WHO-Europa-Regionaldirektor: "Auch ein SARS-CoV-2-Impfstoff wird nicht das Wundermittel ('Magic Bullet'; Anm.) sein. Aber wir von der WHO arbeiten daran, dass die Menschen, welche die Vakzine benötigen, sie möglichst gerecht verteilt auch bekommen." Gerade in diesem Punkt sei die Organisation gefordert und gleichzeitig der beste Rahmen für ein gemeinsames Vorgehen der Länder der Welt. Mit einem wirksamen und breit anwendbaren Impfstoff sei am ehesten in etwa einem Jahr zu rechnen.

Europa und die Welt aber sollten auch langfristig die Lehren aus SARS-CoV-2 bzw. Covid-19 ziehen, sagte Kluge: "Das Thema der öffentlichen Gesundheit gehört an die Spitze der Prioritätsliste der Politik. Gesundheit und Wirtschaftsleben sind kein Widerspruch. Ohne Gesundheit gibt es keine Wirtschaft. (...) Für die Zukunft werden wir aber auch strategische Reserven gegen neue Pandemien und Simulationsmanöver für ein gutes Reagieren mit Gegenmaßnahmen benötigen - genauso, wie dies auch Polizei und Militär regelmäßig organisieren."

Leichte Übersterblichkeit in Österreich

In den Kalenderwochen 12, 14, 15 und 16 lag die Zahl der Todesfälle etwas außerhalb der erwarteten Bandbreite, errechnete die Landesstatistik Wien (MA 23). "Österreich ist aber bisher gut durch die Krise gekommen", sagte MA-23-Chef Klemens Himpele zur APA.

In der Kalenderwoche 15 (6. bis 12. April 2020) hatte es in Österreich 1.545 Todesfälle in der Altersgruppe "65 plus" gegeben. Die erwartete Bandbreite wurde jedoch mit 1.272 bis 1.462 Toten errechnet, zeigen die Daten der Landesstatistik Wien. Damit lag die Zahl der Todesfälle in der Altersgruppe ab 65 Jahren um 83 über dem Prognoseintervall. In einer Prozentzahl lässt sich die Übersterblichkeit in Österreich insgesamt nicht festmachen, sagte Himpele auf Nachfrage. Die Todeszahlen schwanken historisch in den einzelnen Kalenderwochen und Jahren "extrem stark", erläuterte der Experte.

Auch in der Kalenderwoche 5 (27. Jänner bis 2. Februar) - also vor dem Bekanntwerden der ersten Covid-19-Fälle in Österreich - gab es nach den Daten der MA 23 eine leichte Übersterblichkeit in Österreich. "Ich nehme an, dass das die Grippe ist", sagte Himpele. Bei der Übersterblichkeit rund um die Kalenderwoche 15 sei es jedenfalls "naheliegend", dass diese auf das Coronavirus zurückzuführen ist, da das "die Hochphase von Covid-19" in Österreich war, so der Experte.

"Alles nicht dramatisch"

Die Entwicklung in Österreich ist vor allem auf die Zahlen in Tirol und der Steiermark, wo es Übersterblichkeit in mehreren Kalenderwochen gab, sowie auf Niederösterreich (Übersterblichkeit in KW 15) zurückzuführen. Es "ist wenig überraschend", dass Tirol am stärksten betroffen war, sagte Himpele. Insgesamt sei aber "alles nicht dramatisch".

In den anderen Bundesländern war die Entwicklung der wöchentlichen Todesfälle in der Altersgruppe ab 65 Jahren unauffällig. Bereits Mitte Mai hatte die MA 23 für Wien errechnet, dass es in der Bundeshauptstadt keine Übersterblichkeit während der Corona-Pandemie gab. Nun erhoben die Landesstatistiker die Daten für alle Bundesländer und verfeinerten die Prognosen unter Einbeziehung der Lebenserwartung.

Wiener Experten beschäftigten sich mit Sterbezahlen europäischer Metropolen

Die Wiener Experten haben sich auch die Sterbezahlen anderer europäischen Metropolen angesehen. Die Art und Qualität der Daten erlaube keine Analyse auf Über- und Untersterblichkeit mit einem Prognoseband, "wie wir sie für Österreich durchgeführt haben", erläuterte Himpele. Dennoch seien in manchen Städten heuer starke Abweichungen der Todeszahlen nach oben zu sehen, zum Beispiel in Stockholm, Brüssel oder Paris. In Brüssel ist die Übersterblichkeit "brutal", sagte Himpele. In Paris sei auch bei den jungen Menschen ein deutlicher Ausschlag nach oben zu sehen.

In anderen Städten - wie in Berlin, Oslo und Wien - läuft die Todeszahlkurve 2020 unauffällig. Es gebe kaum nationale oder überregionale Muster, betonte Himpele. Sowohl in Nord- als auch Südeuropa finden sich Städte mit auffälligen und unauffälligen Todeszahlen. "Besonders deutlich wird das beim Vergleich von Mailand und Rom", hob der Leiter der MA 23 hervor. Während in der Hauptstadt der Lombardei die Todeszahlen 2020 aufgrund von Covid-19 in die Höhe geschossen sind, ist die Statistik in Rom unauffällig.

In den eigenen Analysen der Landesstatistik Wien sind alle Todesfälle von Personen mit Wohnsitz in einem österreichischen Bundesland erfasst, die im Inland verstorben sind und von der Statistik Austria aus dem Zentralen Personenstandsregister (ZPR) übernommen wurden. Es handelt sich um vorläufige Daten. Die Todesfälle der zwei aktuellsten Wochen sind noch nicht vollständig erhoben und werden von der Statistik Austria geschätzt.

(APA/Red.)

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