Gleichstellung: Wenig Veränderung durch bisherige Initiativen

Bis sich die Rollenbilder nachhaltig verändern, wird noch viel Zeit vergehen.
Bis sich die Rollenbilder nachhaltig verändern, wird noch viel Zeit vergehen. ©pixabay.com (Symbolbild)
Trotz zahlreicher Initiativen und Veranstaltungen ändert sich nach wie vor wenig am Gesamtbild der Frauen. Um tatsächlich Änderungen zu erwirken brauche es unter anderem ein ermutigendes Umfeld.

Zahlreiche Initiativen sollen Mädchen und junge Frauen für die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) begeistern. Maßnahmen wie Girls’ Day oder Mentoring-Programme ändern aber wenig am Gesamtbild. Zu diesem Schluss kommt die Sozialwissenschafterin Marita Haas in einer Studie. Um Rollenbilder aufzubrechen, brauche es ein ermutigendes Umfeld und strukturelle Maßnahmen.

Ermutigendes Umfeld in männlich dominierten Berufen

Haas hat in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt die Lebensgeschichte von Wissenschafterinnen in technischen Berufsfeldern untersucht. Unter anderem mit narrativ-biografischen Interviews wollte sie einen tieferen Einblick in die Verflechtungen von individuellen und äußeren Gender-Faktoren im Berufsleben erhalten. “Durch das offene Erzählen erfährt man viel über Verschränkungen der Biografie mit institutionellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen”, so Haas am Montag in einer Aussendung des FWF.

Den Analysen zufolge haben Frauen, die sich für männlich dominierte Berufe entscheiden, in der Regel ein ermutigendes Umfeld erlebt, etwa in der Familie, der Schule oder einer Organisation. Ein offener Zugang erleichtert es demnach, ungewöhnliche Karrierewege einzuschlagen. Meist sei es ein bildungsaffines Elternhaus, das ermutige, Dinge auszuprobieren oder ungewöhnliche Wege einzuschlagen, und die Haltung vermittle, “die Welt steht dir offen”.

Genderrollen müssen nachhaltig aufgebrochen werden

“Unsere Ergebnisse zeigen, dass es weniger um Vorbilder als um eine gewisse Offenheit in Bezug auf die Lebens- und Karriereplanung geht”, so Haas, die bis 2017 eine Hertha-Firnberg-Stelle am Institut für Managementwissenschaften der Technischen Universität (TU) Wien innehatte und nun als Lektorin und Beraterin zu den Themen Diversität und Gleichstellung tätig ist. Es kommt also auch den viel zitierten fehlenden Role Models weniger Bedeutung zu als etwa den fehlenden Strukturen für Geschlechtergleichstellung in relevanten Bereichen wie Bildung und Wirtschaft.

Wichtiger ist für die Expertin vielmehr die Frage, wie Förderungsstrukturen aussehen können, die Zusammenarbeit auf Augenhöhe anstreben, oder wie Rekrutierungsprozesse gestaltet sind. Um Gleichstellung in Unternehmen zu realisieren, müsse Gender jedenfalls genauso ernst genommen werden wie jedes andere Business-Ziel, betont Haas. “Das passiert nur, wenn es Top-down implementiert wird oder etwa auch durch Quotenregelungen. Ich verstehe die Kritik an Quoten, aber zuzusehen wie nichts passiert, ist wesentlich schlimmer.” Strukturelle Maßnahmen wie Quoten und Diversitätsinitiativen seien wesentlich, um festgeschriebene Genderrollen nachhaltig aufzubrechen.

Wiener Schüler: Interesse an Frauenrechten groß

Wiener Schüler haben laut einer Befragung von SOS Mitmensch großes Interesse an Mädchen- und Frauenrechten. Gleichzeitig haben die Jugendlichen jedoch “markante Wissenslücken” darüber, welche Handlungen gegen Mädchen und Frauen in Österreich verboten sind und wohin man sich wenden kann, wenn man Beratung oder Hilfe braucht. NGOs forderten deshalb am Montag eine Informationsoffensive zum Thema.Mädchen- und Frauenrechte sind laut der Befragung (291 Buben und Mädchen zwischen 13 und 15 Jahre an drei Neuen Mittelschulen und fünf AHS in Wien) für 100 Prozent der Schülerinnen und 96 Prozent der Schüler wichtig. Außerdem wollen mehr als zwei Drittel der Befragten mehr über gleiche Rechte von Frauen und Männern sowie zwei Drittel mehr über Gewalt, Mobbing und mögliche Schutzmaßnahmen erfahren.

Interesse größer als Wissensstand

Das Interesse ist damit derzeit allerdings deutlich größer als der Wissensstand: SOS Mitmensch hat bei einer Liste von elf Handlungen abgefragt, ob diese in Österreich verboten oder eben nicht verboten sind – vom ungewollten Griff zwischen die Beine oder auf den Hintern über Schwangerschaftsabbruch bis zu geringerer Bezahlung für Frauen oder erzwungenem Sex in der Ehe. Nur neun Prozent der Befragten konnten alle Punkte richtig einordnen, bei 90 Prozent waren es mindestens sechs von elf. Damit hätten die meisten nicht das notwendige Wissen, um alle Situationen zu erkennen, in denen ihre Rechte bedroht sind, warnt SOS-Mitmensch.

Auch das Wissen über Hilfseinrichtungen ist gering: Mehr als ein Drittel kann keine Beratungseinrichtung nennen, zwei Drittel wissen nicht, wohin sie sich wenden können, wenn sie daheim oder auf der Straße mit Belästigung oder Gewalt konfrontiert sind.

SOS Mitmensch fordert Informationsoffensive

Die Befragung stellt in diesem Zusammenhang “erhebliche Lücken bei der Wissensvermittlung in der Schule” fest. Demnach haben 40 Prozent der Burschen und Mädchen angegeben, sie hätten im Unterricht noch nie über Frauenrechte gesprochen oder könnten sich nicht daran erinnern. Zwei Drittel haben laut Erhebung noch nie Informationen über Beratungsstellen erhalten. Jeweils rund die Hälfte gibt an, dass in der Schule Mobbing und Gewalt gegen Mädchen und Frauen bzw. häusliche Gewalt noch kein Thema war. Etwa ein Drittel hat laut eigenen Angaben in der Schule nichts über gleiche Rechte von Frauen und Männern gelernt.

SOS Mitmensch fordert angesichts dieser Ergebnisse eine Informationsoffensive an den Schulen. “Es braucht Bewusstseins- und Stärkungsarbeit von früh an, um die Verletzung von Mädchen- und Frauenrechten abzuwehren. Wissenslücken machen die jungen Menschen verwundbar”, wird Sprecher Alexander Pollak in der Aussendung zitiert. Angelika Eisterer vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser sieht einen “Appell an uns und vor allem an die Politik, mehr in umfassende Informationskampagnen und flächendenkende Gewaltpräventionsworkshops zu investieren”; Schüler seien dabei eine wichtige Zielgruppe. Margarete Bican, Geschäftsführerin des Vereins Sprungbrett, warnt in diesem Zusammenhang vor drohenden Budgetkürzungen für Einrichtungen im Mädchen- und Frauenbereich.

(APA/Red)

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