"Gegen Polen geht's um alles oder nichts"

Für das österreichische Fußball-Nationalteam steigt bereits am Donnerstag eine erste Final-Partie. Herzog | Linz und Pogatetz fit | Letzter Sieg gegen Polen vor 14 Jahren

Nach der 0:1-Auftakt-Niederlage in Gruppe B gegen Kroatien benötigt die Mannschaft von Josef Hickersberger in Wien gegen Polen (20.45 Uhr) unbedingt drei Punkte, um die Chance auf die Viertelfinal-Teilnahme bei der EURO 2008 zu wahren.

Hickersberger macht sich über die Ausgangsposition keine Illusionen. “Jetzt geht es um alles oder nichts. Wir müssen gewinnen, das gleiche gilt aber auch für Polen. Man wird sehen, welches Spiel sich aus dieser speziellen Situation entwickelt, wie viel Risiko beide Mannschaften nehmen, wer die Oberhand behält und wer mehr Glück hat. Im Fußball entscheiden oft auch Zufälle”, sagte der 60-Jährige vor dem Duell mit den Polen, die ihren ersten EM-Auftritt mit einem 0:2 gegen Deutschland beendeten.

Dass die ÖFB-Chancen auch bei einem Remis noch theoretisch vorhanden sein könnten, interessiert Hickersberger nicht. “Mit einem Punkt können weder Österreich noch Polen leben, obwohl ein Punkt eher noch Polen reicht.”

Der Donnerstag-Gegner sei allein schon aufgrund der Tatsache, seine EM-Qualifikations-Gruppe vor dem aktuellen WM-Vierten und Turnier-Mitfavorit Portugal gewonnen zu haben, als starke Mannschaft einzustufen. “Daher muss Polen über eine hervorragende Mannschaft und Einzelspieler verfügen.”

Der Respekt ist so groß, dass der Teamchef zwar nicht auf eine derart massive Defensiv-Taktik wie gegen Kroatien, aber dennoch wohl nur auf zunächst schaumgebremste Angriffs-Bemühungen setzen wird. “Wir können nicht von Beginn an auf totale Offensive, oder wie Ernst Happel gesagt hat, auf ‘Hollywood” spielen. Das kann sehr leicht ins Auge gehen.”

Hickersberger erwartet alles andere als ein Angriffsfurioso beider Teams. “Es wird ein ausgeglichenes Spiel werden, in dem beide Mannschaften versuchen werden, zunächst kein Tor zu erhalten und vorne die sich bietenden Chancen zu nützen”, prophezeite der Niederösterreicher, der seine Kicker wegen der klaren Ausgangsposition aber immerhin in einer “psychologisch einfachen Situation” sieht.

Was die taktische Marschroute betrifft, will der Teamchef unrealistische Aufstellungs-Forderungen ausgemacht haben. “Alle Utopisten, die zwei Spitzen, dazu Harnik und Korkmaz an den Flügeln und Ivanschitz und Vastic im Mittelfeld wollen, werde ich wieder enttäuschen müssen”, kündigte Hickersberger an.

Neuerlich wehrte sich der Trainer vehement dagegen, seine vorsichtige Spielanlage für die Niederlage gegen Kroatien verantwortlich zu machen. “Wir müssen nachdenken über Ursache und Wirkung. Die Ursache für die schlechte Leistung zu Beginn war der Elfer und nicht die Taktik”, erklärte Hickersberger, führte auch die Nervosität als Grund an und ärgerte sich über anderslautende Spekulationen. “Natürlich kann man im Nachhinein behaupten, der Elfer wäre mit Vastic, Korkmaz und Kienast nicht passiert. Im Fußball ist viel Spekulation und Fantasie.”

Abseits des Grübelns über die eigene taktische Formation beschäftigt sich der Coach auch mit jener des Gegners. Nach dem Ausfall von Zurawski geht er davon aus, dass Saganowski als einziger echter Stürmer agieren könnte, außerdem rechnet er mit dem gebürtigen Brasilianer Roger in der polnischen Offensive. “Er ist wie alle Brasilianer technisch perfekt. Inwieweit er fit ist, ist noch nicht ganz klar”, lautete die Einschätzung von “Hicke”.

Der 60-Jährige beteuerte, man sei auf den Konkurrenten optimal vorbereitet. “Wir wissen alles über den Gegner, die Spieler bekommen DVDs von ihren Gegenspielern. Jetzt wird es auf die Tagesform ankommen und darauf, wie die Spieler mit dieser Situation zurecht kommen. Aber sie haben ja jetzt schon alle Turnier-Erfahrung. Das ist sehr wichtig, das weiß ich aus eigener Erfahrung”, meinte Hickersberger, der am Dienstagnachmittag mit der Mannschaft die Niederlage der Polen gegen Deutschland genau analysierte.

Seinen Widerpart Leo Beenhakker bezeichnete der ÖFB-Coach als “genialen Trainer”, der die Polen trotz der Hypothek, noch nie gegen Deutschland gewonnen zu haben, optimal auf die DFB-Auswahl eingestellt hatte. “Die Polen haben nach dem 0:1 sehr gut nach vorne gespielt, die Deutschen sind einige Male ins Schwitzen gekommen und haben Glück gehabt”, betonte der Niederösterreicher.

Positiv wertete Hickersberger, dass sich seine Mannschaft in einem topfitten Zustand befindet und dass Emanuel Pogatetz (Ristprellung) und Roland Linz (Bänderüberdehnung im Knöchel) am Dienstagvormittag wieder voll mittrainierten. Vor allem das frühe Comeback von Linz überraschte den Nationaltrainer. “Aber er hat schon mitbekommen, dass die Konkurrenz auch nicht schläft”, behauptete der 60-Jährige, ohne einen Hinweis darauf zu geben, ob er gegen Polen von Beginn an auf Kienast setzen könnte. Er verlange von allen Angreifern “totalen Einsatz. Dann muss man eben auch einmal Kopf und Kragen riskieren, um Bälle verwandeln zu können”.

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