Gefühl der Ohnmacht für Opfer "schwer ertragbar"

Was spielt sich ab im Kopf, wenn man während einer Routinetätigkeit plötzlich eine Waffe angehalten bekommt und entführt, möglicherweise auch mit dem Tod bedroht wird?

“Die Reaktion eines Menschen in einer derartigen Ausnahmesituation ist individuell unterschiedlich. Manche reagieren völlig gefasst und erleben erst viel später einen Zusammenbruch. Andere erstarren vollkommen oder werden gar panisch. Und manch einer tritt aus der Situation heraus und kann sich selbst dabei beobachten. So etwas rettet uns oft das Leben”, erklärte Claudius Stein, Leiter des Kriseninterventionszentrum Wien, im APA-Gespräch.

Eine Entführung oder Geiselnahme kann für das Opfer Folgeschäden haben, muss es aber nicht. Was Menschen aber sehr schwer ertragen und fast gar nicht handhaben können, ist das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht. Ein Problem wird es dann, wenn man das Erlebte nicht weiterverarbeiten kann. “Das ist wie ein zerbrochener Spiegel, der im Gehirn hängen bleibt”, meinte Stein.

Ein derartiger Vorfall überfordert die Verarbeitungsmöglichkeiten von Menschen, von allem wenn man mit dem Tod bedroht worden ist. “Man spricht von akuter Traumatisierung”, erklärte der Therapeut. Nach vier bis sechs Wochen ist man in der Regel in der Lage, das Erlebte wieder weitgehend verarbeitet zu haben. Danach spricht man von einer posttraumatischen Störung.

Ist das Gehirn überfordert, kommt es zum Zusammenbruch der Fähigkeit etwas weiterzuverarbeiten, erklärte Stein. Das kann sich in unterschiedlichen Symptomen äußern. Grundsätzlich unterteilt man drei Gruppen.

Die einen sind auch lange nach dem Vorfall noch “alarmiert”. “Solche Menschen sind nach der Geiselnahme immer noch auf der Hut. Sie sind schreckhaft, können nicht schlafen”, erklärte Stein. Sie schrecken zusammen, wenn nur das Telefon läutet oder jemand flüstert oder schreit. Eine zweite Möglichkeit sei, dass das Gehirn versucht, die Situation zu verarbeiten, indem es das Erlebnis immer wieder abspielt. “Das Geschehene prägt sich unauslöschlich ein”, sagte der Therapeut. Meist gelinge es aber nach vier Wochen, das abzuschalten.

In die dritte Gruppe fallen jene Menschen, die der Situation auszuweichen versuchen. “Weil sie dieses Flashback so schlecht aushalten, versuchen sie die Situation zu vermeiden”, meinte Stein. Sie können nicht zurück auf den Arbeitsplatz. Ein Flashback ist keine Erinnerung an das Erlebte, sondern man kehrt geistig wieder in die Situation zurück, wie wenn es real wäre.

Unmittelbar nach Ende einer Entführung oder Geiselnahme muss die Geisel in einen geschützten Raum mit vertrauten Personen gebracht werden. “Man muss sie auch vor Journalisten schützen”, meinte der Mediziner. Meistens ist es für das Opfer auch wichtig, einen Menschen zu haben mit dem es immer wieder über das Erlebte reden kann. Nicht jeder möchte das aber.

In den meisten Bundesländern gibt es Akutbetreuungsteams, die bei solchen Vorfällen immer eingeschalten werden. “Es ist üblich, dass sofort Fachhilfe geholt wird”, sagte Stein. Wichtig sei das Angebot, aber nicht jeder benötigt auch professionelle Hilfe. Die Akutbetreuung klärt ab, ob dem Betroffenen aus dem Erlebten ein akutes Problem erwachsen könnte. “Die Betreuer fragen dann auch nach Tagen noch einmal nach, wie es dem Opfer geht”, erklärte Stein.

Ob jemand gleich wieder an seinem Arbeitsplatz zurückkehren kann, ist individuell unterschiedlich. Manche wollen das, andere können einfach nicht. “Hier kann man nur an den Arbeitgeber appellieren, Verständnis zu haben und zu respektieren, wenn der Betroffene eine Zeit Krankenstand benötigt”, sagte der Traumatherapeut.

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