Gaddafi überlebte NATO-Luftangriff

Der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi hat in der Nacht auf Sonntag einen NATO-Luftangriff auf seine Residenz überlebt, bei dem sein jüngster Sohn Saif al-Arab und drei Enkelkinder ums Leben kamen.
Video I: Gaddafi-Sohn getötet
Video II: Benghazi feiert Anschlag
Stichwort: Die Gaddafi-Familie
Soldaten zu Vergewaltigungen angestiftet?

Der libysche Regierungssprecher Mussa Ibrahim verurteilte den “gezielten Angriff” auf Gaddafi als Verletzung des Völkerrechts. Die NATO betonte, dass der Luftschlag einem “Kommandozentrum” im Tripoliser Stadtteil Bab al-Aziziya gegolten habe. “Die Luftschläge richten sich auf militärische Ziele, nicht auf Individuen”, hieß es.

Gaddafi und Frau entgehen Luftangriff

Das libysche Fernsehen zeigte Bilder von dem Haus des Gaddafi-Sohnes, das bei dem Angriff völlig zerstört wurde. Muammar al-Gaddafi und seine Frau hätten sich im Gebäude aufgehalten, seien aber unverletzt geblieben, berichtete Ibrahim. Er verurteilte den Luftangriff scharf. “Jetzt gilt offenbar das Faustrecht. Es ist nun allen klar, dass das, was in Libyen derzeit passiert, nichts mit dem Schutz von Zivilisten zu tun hat.” Augenzeugen hatten am späten Samstagabend von drei schweren Explosionen im Stadtteil Bab al-Aziziya berichtet, in dem sich Gaddafis Residenz befindet. Über der Stadt wurden NATO-Flugzeuge gesehen. Nach den Explosionen war Flugabwehrfeuer zu hören.

Die NATO bombardiert seit Wochen militärische Ziele in Libyen. Grundlage dafür ist eine UNO-Resolution, die den Einsatz von militärischer Gewalt zum Schutz von Zivilisten in dem Bürgerkriegsland erlaubt. Die NATO-Angriffe werden als Unterstützung für die gegen Gaddafi kämpfenden Rebellen gesehen, die den Osten des Landes kontrollieren. In der Rebellenhochburg Benghazi löste die Todesnachricht des Gaddafi-Sohnes in der Nacht auf Sonntag spontane Freudenfeiern auf den Straßen aus. Der Tod von Saif al-Arab bedeute, dass sein Vater nun schwächer sei als zuvor, hieß es. Das Staatsfernsehen zeigte dagegen Gaddafi-Anhänger in Tripolis, die gegen den Angriff protestierten.

Ein NATO-Sprecher bestätigte den Luftangriff, doch habe dieser nicht Gaddafi gegolten. “Die Luftschläge richten sich auf militärische Ziele, nicht auf Individuen”, sagte ein Sprecher der Militärallianz am Sonntag in der Früh. Die libyschen Angaben über die Tötung von Mitgliedern der Gaddafi-Familie bezeichnete das Verteidigungsbündnis als “unbestätigte Medienberichte”. Man bedauere aber jedes Opfer.

Gaddafi-Sohn Saif al-Arab bei NATO-Angriff getötet

Saif al-Arab ist nicht zu verwechseln mit Gaddafis zweitältestem Sohn und möglichem Nachfolger, dem Wahl-Wiener Saif al-Islam (siehe: “Der Gaddafi-Clan”). Über den 29-Jährigen Saif al-Arab ist wenig bekannt. Der sechste Sohn Gaddafis hielt sich zwischen 2006 und Februar 2011 in München auf, wo er einen Sprachkurs und ein Studium absolvierte. Er soll sich auch als Baumaschinenhändler verdingt haben. Der Polizei fiel der Gaddafi-Sohn wegen seines besonders lauten Ferraris und Schlägereien in Nobel-Diskotheken auf. Die deutsche Justiz ermittelte gegen ihn auch wegen des Verdachts, im Jahr 2008 in einem Diplomatenauto Waffen transportiert zu haben.

Saif al-Arab ist wahrscheinlich bereits der zweite Sohn des libyschen Machthabers, der seit Ausbruch des Aufstandes gegen das Regime getötet wurde. Nach Angaben von Aufständischen war sein Bruder Khamies bereits Mitte März ums Leben gekommen, als ein Pilot der libyschen Luftwaffe seinem Kampfjet absichtlich über Bab al-Aziziya zum Absturz brachte. Von der Regierung in Tripolis wurden die Berichte jedoch bestritten.

Gaddafi: “Bis zum Tod kämpfen”

Der Angriff ereignete sich einen Tag nachdem Muammar al-Gaddafi in einer Fernsehansprache einen Machtverzicht kategorisch ausgeschlossen hatte. Er werde sein Land nicht verlassen und “bis zum Tod kämpfen”, sagte der seit 1969 autokratisch herrschende Oberst. Er sei aber zu Verhandlungen mit Frankreich und den USA bereit. “Wenn sie das Öl wollen, werden wir Verträge mit ihren Firmen abschließen, es ist nicht nötig, Krieg zu führen.” Während Gaddafis Ansprache schlug eine NATO-Bombe nahe des Fernsehgebäudes in Tripolis ein.

Die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen konzentrierten sich indes weiter auf die Hafenstadt Misrata. Die Gaddafi-Truppen setzten am Samstag ihre Angriffe auf den Flughafen der von 300.000 Menschen bewohnten Stadt fort. In der seit sieben Wochen von Regierungstruppen belagerten Stadt funktionierte am Wochenende das Handynetz wieder, und die französische Hilfsorganisation “Ärzte ohne Grenzen” (MSF) kündigte die Lieferung von 20 Tonnen Medikamenten an. Die NATO hinderte Gaddafi-Einheiten nach eigenen Angaben daran, im Hafen Wasserminen zur Zerstörung von Schiffen zu installieren. (APA)

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