Fritz Muliar: Josefstadt als künstlerische Heimat

Josefstadt als künstlerische Heimat: Fritz Muliar
Josefstadt als künstlerische Heimat: Fritz Muliar ©APA
Als "Schwejk" unvergessen, am Burgtheater mit Peymann zerstritten, Kammerschauspieler und Josefstadt-Ehrenmitglied: Das war Fritz Muliar.

Für viele war er der Inbegriff des Volksschauspielers: Als Kabarettist beliebt, als Nestroy-Darsteller geübt, auf allen Bühnen zu Hause, dabei nie nur Satiriker, sondern stets Charakterdarsteller. Nicht nur als “braver Soldat Schweijk”, sondern auch in seiner eigenen Biografie hat Fritz Muliar das Wien, Österreich und Mitteleuropa seiner Generation ebenso verkörpert, wie unermüdlich kritisch verarbeitet. Sein “langer Weg eines ereignisreichen, oft schweren, aber brennend interessanten und letztlich glücklichen Daseins”, wie Muliar vor wenigen Jahren seine Autobiografie einleitete, ist nach fast 90 Jahren zu Ende gegangen.

 

Fritz Muliar wurde am 12. Dezember 1919 in Wien-Neubau als uneheliches Kind geboren. Sein leiblicher Vater war ein Tiroler k.u.k. Offizier, der sich um seinen Sohn nicht kümmerte und später Nationalsozialist wurde, Muliars Mutter Leopoldine Stand, eine engagierte Sozialdemokratin, heiratete dann den russisch-jüdischen Juwelier Mischa Muliar. Bereits im Alter von 17 Jahren verhalf die legendäre Grande Dame der Kleinkunst, Stella Kadmon, dem aufstrebenden Schmähführer zu einem Debüt im Kabarett “Der liebe Augustin”. Nach einer Zeit als Operettenbuffo am Innsbrucker Landestheater kam Muliar zu Karl Farkas ins “Simpl”, ehe der Krieg seine Laufbahn schmerzlich unterbrechen sollte.

Im Kriegsdienst, wo ihn ein österreichischer Kamerad wegen wehrkraftzersetzender Reden denunzierte, wurde Muliar wurde zum Tod verurteilt und dann zu fünf Jahren begnadigt. Nach Ende der Gefangenschaft startete eine beispiellose Karriere: Von 1951 bis 1963 war er am Wiener Volkstheater engagiert und spielte parallel dazu dreizehn Jahre lang im Kabarett “Simpl”. Von 1964 bis 1977 war das Theater in der Josefstadt seine künstlerische Heimat, 1974 wurde er Mitglied des Burgtheaters, dem er bis zu seiner Pensionierung 20 Jahre lang angehörte. 1994 kehrte er wieder in die Josefstadt zurück. Daneben entstanden Kinofilme wie “Wien, du Stadt meiner Träume” unter Willi Forst und “Der veruntreute Himmel” unter Ernst Marischka sowie Literaturverfilmungen wie “Schwejk” nach Jaroslaw Haseks Klassiker, oder der “Bockerer”.

Mit Felix Mitterers Einpersonenstück “Sibirien” erreichte Muliar 1992 einen seiner größten künstlerischen Erfolge, im November 2007 feierte er in den Kammerspielen sein 70-jähriges Bühnenjubiläum mit dem eigens für ihn geschriebenen Mitterer-Stück “Der Panther”. Seinen 80. Geburtstag feierte er mit dem Stück “Besuch bei Mr. Green” von Jeff Baron auf der Bühne, zu seinem 90er am 12. Dezember war die Uraufführung einer eigens geschriebenen Fortsetzung geplant: “Mr. Greens zweite Chance”. Seine Leidenschaft für die Bühne lebte Fritz Muliar bis knapp vor seinem Tod: Gestern Nachmittag war er noch in “Die Wirtin” in der Josefstadt zu sehen.

Immer mehr beschäftigte sich der beliebte Conferencier in den vergangenen Jahren allerdings mit Kleinkunstabenden, etwa als Interpret jüdischer Witze und der Kaffeehausliteratur, von Alfred Polgar und Anton Kuh bis zu Hans Weigel und Friedrich Torberg. Viel gelesen wurden seine heiteren, teils autobiografischen Bücher: “Das beste aus meiner Jüdischen Witze- und Anekdotensammlung”, “Wenn Sie mich fragen” oder “War’s wirklich so schlimm”. Seine Biografie “Melde gehorsamst, das ja!”, eine Aufzeichnung seiner “Lebensabenteuer” erschien 2003 im Styria Verlag. Nachzulesen gibt es da zahlreiche Anekdoten, auch über Muliars zahlreiche Freundschaften im österreichischen Theaterleben – etwa mit Elfriede Ott, Lore Krainer, Herbert Prikopa, Helmuth Lohner und Otto Schenk.

Dass der bekennende Sozialdemokrat und Freimaurer Muliar allerdings auch ein streitbarer Mensch war, stellte er nicht nur in seiner langjährigen Tätigkeit als Publikums- und Stiftungsrat im ORF unter Beweis, sondern auch in Auseinandersetzungen innerhalb des Theaterlebens. So hatte er schon 1990 im Zorn über eine weitere Vertragsverlängerung für Direktor Claus Peymann seine Pensionierung angedroht und 1997 eine “Anti-Peymann-Artikelserie” in der “Kronen Zeitung” gestaltet – der Streit mit dem nunmehrigen Chef des Berliner Ensembles war erst im vergangenen Oktober in einer Klage wegen Rufschädigung weitergegangen.

Geehrt wurde Muliar vielfach, u. a. mit dem Professoren-Titel, Ehrenmitgliedschaften von Burgtheater und Josefstadt, dem Nestroy-Ring, dem Großen Silbernen Ehrenzeichen der Republik. Zum Ehrenbürger wurde Muliar auch in Groß-Enzersdorf erkoren, wo er mit seiner Frau Franziska lebte. Mit ihr hatte er die beiden Söhne Alexander und Martin, sein erster Sohn Hans starb 1990. “Trotz meines Glaubens an Gott hab ich mich nicht dazu durchringen, auch an ein Leben nach dem Tod zu glauben”, schrieb Muliar in seiner Autobiografie. “Nur die Taten eines Menschen leben weiter. Und so lange man von einem Menschen spricht, ist er wohl gestorben, aber nicht tot.”

 

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