Frankreich: Moslems protestieren

Die Moslems in Frankreich haben erbost auf den Nachdruck der Zeichnungen in der Tageszeitung "France Soir" reagiert. Auch "Die Welt" drückte die Karikaturen.

Die französische Boulevardzeitung „France-Soir“ hat am Mittwoch die zwölf umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed aus dem dänischen Blatt „Jyllands-Posten“ nachgedruckt. „Ja, man hat das Recht, Gott zu karikieren“, hält das Blatt auf seiner Titelseite fest. Die größte dänische Zeitung steht seit der Veröffentlichung der Karikaturen im Zentrum von massiven Protesten aus der islamischen Welt.

Man könne von den Karikaturen halten, was man wolle, sie seien jedoch in keinerlei Weise rassistisch gemeint oder setzten eine Gemeinschaft herab, schreibt „France-Soir“. In der Kontroverse um die Karikaturen gehe es um das „Gleichgewicht“ zwischen dem Respekt von religiösen Überzeugungen und der Meinungsfreiheit in der Demokratie.

“Bigotte Reaktionäre”

„France Soir“ verstand den Abdruck der umstrittenen Karikaturen als „Demonstration für Meinungsfreiheit und gegen religiöse Intoleranz“. Unter der Überschrift „Ja, wir haben das Recht, uns über Gott lustig zu machen“ druckte das Blatt außerdem auf seiner Titelseite eine Zeichnung, die Buddha, den christlichen und jüdischen Gott sowie den moslemischen Religionsstifter Mohammed gemeinsam auf einer Wolke zeigt, die über der Erde schwebt. Der Gott der Christen wendet sich dabei an den islamischen Propheten und sagt: „Beklag Dich nicht, Mohammed, wir alle werden hier lächerlich gemacht.“

In einem Kommentar auf der Titelseite begründet die Redaktion des „France Soir“ ihre Entscheidung, die zwölf Karikaturen zu veröffentlichen. Die Zeichnungen hätten die moslemische Welt geschockt, weil die Darstellung Allahs und seines Propheten verboten sei, heißt es darin. „Weil aber kein religiöses Dogma die Auffassungen einer demokratischen und säkularen Gesellschaft bestimmen kann, veröffentlicht ’France Soir’ die umstrittenen Karikaturen.“

„France Soir“ widmete den Zeichnungen nun zwei Innenseiten. Chefredakteur Serge Faubert schrieb zudem: „Schluss mit den Belehrungen dieser bigotten Reaktionäre! Diese verurteilten Karikaturen enthalten nichts, was eine rassistische Absicht ausweist oder eine Gemeinschaft als solche verunglimpfen will.“ Dann fügte er hinzu: „Nein, wir werden uns niemals für die Freiheit, unsere Meinung zu sagen, uns Gedanken zu machen und Überzeugungen zu haben, entschuldigen.“

Französische Moslems erbost

„Dies ist eine Schande, das ist eine echte Provokation angesichts von Millionen Moslems in Frankreich“, sagte der Vorsitzende des Moslem-Beirats CFCM, Dalil Boubakeur, am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Die französische Regierung reagierte zurückhaltend. Regierungssprecher Jean-Franñois Copé sagte, sein Land sei der Meinungsfreiheit verpflichtet, aber im „Respekt für den Glauben eines Jeden“.

Zwei moslemische Verbände prüften rechtliche Schritte gegen die Veröffentlichung der Karikaturen in der Mittwochsausgabe von „France Soir“. Der Chef des Verbandes FNMF, Mohamed Bechari, warf dem wirtschaftlich angeschlagenen Blatt vor, es wolle „seine finanziellen Probleme auf dem Rücken der Moslems austragen“. Boubakeur wollte nach eigenen Angaben auf dessen Wunsch hin mit dem dänischen Botschafter in Paris zusammentreffen.

Copé verwies gegenüber Journalisten auf das Prinzip der freien Meinungsäußerung. Im übrigen sei das Land auch der weltanschaulichen Neutralität (Laizität) verbunden, diese Freiheit müsse dabei „in einem Geist der Toleranz und im Respekt für den Glauben eines Jeden“ ausgeübt werden.

Die umstrittenen Zeichnungen, die zuerst im September 2005 in der dänischen Regionalzeitung „Jyllands-Posten“ veröffentlicht worden waren, zeigen unter anderem einen Propheten mit einem Turban in Form einer Bombe. Eine andere Karikatur zeigt Mohammed, der moslemische Selbstmord-Attentäter im Paradies mit den Worten empfängt: „Stopp, stopp, wir haben keine Jungfrauen mehr!“ „France Soir“ rechtfertigte den Nachdruck damit, genau wie den dänischen Kollegen gehe es dem Blatt nicht um Provokation, sondern um das Gleichgewicht zwischen Glauben und Meinungsfreiheit in einer Demokratie.

“Welt”: Mohammed-Karikatur auf der Titelseite

Der Nachdruck der umstrittenen Mohammed-Karikatur einer dänischen Zeitung in deutschen Medien ist nach Ansicht des Chefredakteurs der Zeitung „Die Welt“ eine journalistische Pflicht. „Das ist jetzt ein politischer Vorgang“, sagte Roger Köppel am Mittwoch der dpa. Somit liege die Dokumentation des Vorgangs im „Auftrag der Presse“. Die „Welt“, die die umstrittenen Karikaturen bereits in früheren Ausgaben gedruckt hatte, brachte auf der Titelseite eine Reproduktion einer Zeichnung, die Mohammed mit einer Bombe als Turban zeigt, an der die Lunte brennt.

Die im Axel-Springer-Verlag erscheinende Zeitung hatte in ihrer Mittwoch-Ausgabe auf der Titelseite eine Karikatur gedruckt, die einen bärtigen Mann mit einem Turban in Form einer Bombe auf dem Kopf zeigt. Auf einer hinteren Seite wurden weitere Karikaturen aus der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ abgebildet.

„Man muss das Corpus Delicti dieser Auseinandersetzung zeigen, aber auch auf die moralischen Proteste hinweisen“, sagte Köppel. Die Karikatur sei in der „Welt“ am Mittwoch nicht zum ersten Mal veröffentlicht worden, allerdings erstmals auf der Titelseite. Bemerkenswert sei, dass das Merkmal einer offenen Gesellschaft, auch das Religiöse humoristisch zu betrachten, nun derart unter Beschuss gerate. „Eine dänische Zeitung muss sich für etwas entschuldigen, was zu ihrer Freiheit gehört.“

Erstaunt ist Köppel von der Dimension des Protests, der sich auch gegen den Staat Dänemark richte. Der Streit, der unter anderem zu einer Bombendrohung gegen die Zeitung „Jyllands-Posten“ und zu Aufrufen zum Boykott dänischer Produkte führte, ist für Köppel „ein grundsätzlich journalistisch interessantes Thema“. Es beinhalte die Problematiken von Migration, unterschiedlichen Wertmaßstäben und den Schwierigkeiten beim Aufeinanderprallen einer säkularen und nicht säkularen Kultur. „Das wird uns weiter beschäftigen“, sagte Köppel.

Bei allen Veröffentlichungen müsse man das journalistische Ethos bewahren und vorsichtig sein. „Ich persönlich finde aber nicht, dass die Karikatur zu weit geht.“ Möglicherweise, sagte Köppel, werde der Vorgang auch bewusst von religiösen Scharfmachern ausgeschlachtet.

Der Sprecher des Deutschen Journalisten-Verbandes, Hendrik Zörner, bewertete die Veröffentlichung als Verstoß gegen den Kodex des Presserats. Dieser betrachtet Veröffentlichungen, „die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können“, als unvereinbar mit der Verantwortung der Presse. Der Verbandssprecher sieht den Beleg für die Verletzung der religiösen Gefühle in den Massenprotesten gegen die Karikaturen in der arabischen Welt. Daran änderten auch die Morddrohungen gegen den Karikaturisten nichts: Der Pressekodex gilt, auch wenn es Morddrohungen gegen Journalisten gibt“, sagte Zörner.

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