Für Mozart war Haydn ein "Vater, Führer und Freund"

Freundschaft der Komponisten voller gegenseitiger Bewunderung - "Von Haydn habe ich gelernt, wie man Quartetten schreiben muss".

Am 16. Februar 1785 schrieb Leopold Mozart einen aufgeregten Brief an seine Tochter Nannerl, um ihr mitzuteilen, welch große Ehre ihm, vor allem aber ihrem Bruder Wolfgang, widerfahren war: Joseph Haydn persönlich hatte sich an ihn mit den Worten “Ich sage Ihnen vor Gott, als ehrlicher Mann, Ihr Sohn ist der größte Komponist, den ich als Person und dem Namen nach kenne” gewandt. Und tatsächlich sollte der Ruhm Mozarts den seines Freundes später weit überholen – und auch das 2009 begangene Haydn-Jahr wird kaum an die Ausmaße des Mozart-Jahres von 2006 heranreichen. In einem sind sich Forscher und Interpreten allerdings einig: Ohne Haydn wäre Mozart so kaum denkbar.

Der Salzburger Überflieger gehörte zu den Vielen, die ihn “Papa Haydn” nennen durften – doch die Beziehung zwischen dem erfolgssicheren, gesetzten Haydn und dem unsteten Mozart darf nicht vorschnell als Schüler-Mentor-Verhältnis abgestempelt werden. Denn Haydn brachte dem Jüngeren nicht nur väterliche Zuneigung, sondern tiefe Bewunderung auf Augenhöhe entgegen. Heute wird er allerdings gerne als “Treppe zu Mozart” gesehen, als notwendige, wenn auch nicht ganz so bedeutende Vorstufe. “Das ist schade, denn Haydn ist mehr, aber dieses einzigartige Genie Mozart ist größer”, sagt etwa Pierre Boulez in einem neu erschienenen Interviewband über Haydn von Walter Dobner (“Unser Haydn”, Böhlau Verlag).

Wo sich die beiden zum ersten Mal begegneten, ist nicht überliefert, erste Erwähnungen handeln von einem privaten Musikabend, an denen sie die 1. Violine (Haydn) und die Bratsche (Mozart) eines Streichquartetts übernahmen. “Von Haydn habe ich gelernt, wie man Quartetten schreiben muss”, sagte Mozart, widmete sechs von ihnen Haydn und verfasste ein emotionales Vorwort an seinen “Vater, Führer und Freund”. Als “Führer” betätigte sich Haydn für Mozart allerdings vor allem, indem er in seinen adeligen Kreisen die Werbetrommel für ihn rührte. Als er während seines Aufenthaltes in England von Mozarts Tod erfuhr – vermerkt in seinem Tagebuch – bedauert er, dass sich England nun diesem größten Komponisten, den er kannte, nicht mehr würde zu Füßen werfen können.

Haydn komponierte mehr und mit weitreichenderen Konsequenzen für die Musikgeschichte, soviel scheint festzustehen. Aber Mozart ist eben Mozart – “einmalig in seinen dramatischen Ideen, in seinem Sinn für Melodie”, wie Riccardo Muti es ausdrückt. Jedoch: “Die Harmonie bei Haydn ist kühner als bei Mozart” und Haydn war “mehr Architekt” sowie “der Vater der Symphonie”. In der Orchestrierung setzte er neue Maßstäbe, so manche Form der Kammermusik rief er ganz beiläufig ins Leben – und wurde kopiert. “Mozart hätte einen anderen Weg genommen, Beethoven hätte einen anderen Weg genommen”, zitiert Walter Dobner den Primarius des Alban Berg Quartetts, Günter Pichler.

Denn seinen Namen als Vater der Wiener Klassik erwarb sich Haydn nicht nur wegen seines Einflusses auf Mozart, sondern auch auf den dritten im Bunde, Ludwig van Beethoven. Dabei hätte schon dieser Mozart als Lehrer vorgezogen – nur der hatte keine Zeit für das junge Talent aus Bonn, und Beethoven “landete” letztlich bei Haydn. Vor der Abreise nach Wien erhielt er von einem Freund brieflich jenen vielzitierten Trost, in dem die Trias der Wiener Klassik erstmals gemeinsam genannt wird – und der vielleicht am besten das offenbar schon sehr alte Zerrbild vom Lehrer Haydn und dem Genie Mozart ausdrückt: “Durch unermüdlichen Fleiß erhalten Sie Mozarts Geist aus Haydns Händen.”

 

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