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Flucht nach Europa als Ausweg: "Niemand verlässt sein Land aus Spaß"

Warum Menschen flüchten
Warum Menschen flüchten ©APA/HELMUT FOHRINGER
Es war kein freiwilliger Aufbruch, als Emmanuel Mbolela 2002 seine Heimat, die Demokratische Republik Kongo verließ - die Alternative wäre Gefängnis, Folter und vielleicht sogar der Tod gewesen.

Im Interview mit der Austria Presse Agentur (APA) erzählt er von seiner zweijährigen Odyssee quer durch Afrika, warum er den Begriff “Schlepper” nicht mag und was er heute von der europäischen Flüchtlingspolitik fordert.

Die Flucht nach Europa

Nachdem Mbolela die Sahara zwischen Mali und Algerien durchquert hatte – der “härteste Teil der Reise”, wie er selbst sagt – wurde er in Marokko Zeuge systematischer Menschenrechtsverletzungen. Der Flüchtlingsstatus des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR sei nichts wert gewesen, die marokkanische Polizei habe Migranten in der Wüste ausgesetzt und dann mit ihren algerischen Kollegen “Ping-Pong gespielt”.

Damals wurde der frühere Wirtschaftsstudent zum Aktivisten. Mithilfe des UNHCR kam er 2008 in die Niederlande, wo er seitdem als Teil des Netzwerkes “Afrique-Europe-Interact” für die Rechte von Flüchtlingen kämpft. Am Mittwoch war Mbolela auf Einladung des Wiener Instituts für internationalen Dialog und Zusammenarbeit in Wien.

Herr Mbolela, warum haben Sie 2002 ihr Heimatland verlassen?

Emmanuel Mbolela: Die Demokratische Republik Kongo war seit ihrer Unabhängigkeit von Belgien stets eine Diktatur. Als Student war ich innerhalb der Oppositionspartei UDPS (Union für Demokratie und den Sozialen Fortschritt) aktiv und musste deshalb ins Gefängnis. Es gelang mir zu entkommen, aber ich musste das Land sofort verlassen, um mein Leben zu retten. Und so begann meine Reise von der Demokratischen Republik Kongo in die Republik Kongo, Kamerun, Nigeria, Benin, Burkina Faso, Mali und über Algerien nach Marokko.

Sie sprechen von “Reise”, da denkt man doch an etwas Angenehmes….

Mbolela: Nein, für mich war es nicht angenehm. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben mein Land verlassen – unter sehr speziellen Bedingungen, ich war ja dazu gezwungen. Und ich wusste nicht einmal wohin ich ging, ich hatte einzig das Ziel mein Leben zu retten. Zudem hatte ich keine Papiere, es war also sehr, sehr schwierig.

Ihr Ziel war also nicht von Anfang an, nach Marokko und später nach Europa zu gelangen?

Mbolela: Nein, nein. Ich hatte gar nicht die Zeit, irgendetwas zu organisieren. Eigentlich war die Republik Kongo mein Ziel, dort wollte ich bleiben. Aber die dortige Regierung hatte gerade mit der Demokratischen Republik Kongo einen gegenseitigen Flüchtlingsaustausch vereinbart und schickte alle dorthin zurück. Ich war also gezwungen, nach Kamerun weiterzufliehen, doch auch dort bekam ich kein Asyl.

Ich habe dann angefangen, den anderen Flüchtlingen zu folgen. Zuerst nach Benin und dann immer weiter und weiter, bis ich schließlich in Marokko war. Von Marokko aus gelangte ich dann über ein Resettlement-Programm des UNHCR in die Niederlande.

Für den Weg von der Demokratischen Republik Kongo nach Marokko brauchten Sie zwei Jahre, wie kann man sich Ihre Reise vorstellen? Wie lange blieben Sie in einem Land?

Mbolela: Das variiert von Land zu Land. Es gab Staaten, in denen bin ich in der Früh angekommen und bereits am Abend habe ich sie wieder verlassen. Die meiste Zeit, nämlich ein Jahr, habe ich in Mali verbracht.

Die Zeit, die man in einem Land verbringt, hängt auch davon ab, wieviel finanzielle Mittel man hat. Wenn man in einem Land ankommt und kein Geld mehr hat, ist man gezwungen mal hier, mal dort zu arbeiten. Ich hatte zwar die Unterstützung meiner Familie und konnte sie anrufen und um Geld bitten, aber das habe ich nur im äußersten Notfall getan.

Was war der schwierigste Teil Ihrer Flucht?

Mbolela: Am härtesten war die Durchquerung der Sahara, also der Weg von Mali nach Algerien. Weil wir keine Papiere hatten, mussten wir den Weg durch die Wüste nehmen. Dort war ich immer wieder Gewalt ausgesetzt, moralischer und physischer Gewalt. In der Wüste sind es vor allem kriminelle Banden, die immer wieder Menschen attackieren und sogar töten. Auch unsere Transportmittel waren sehr prekär. Zudem wurde ich Zeuge von unglaublicher Gewalt, die Frauen und Kindern angetan wurde.

Haben Sie die Hilfe von Schleppern in Anspruch genommen, etwa um Grenzen zu überqueren?

Mbolela: Ich persönlich vermeide es, das Wort “Schlepper” zu verwenden. Aber der Weg durch die Sahara etwa, das ist keine Reise, die man einfach so macht. Da braucht man immer Menschen, die einem helfen. Sie reisen zuerst von Bamako nach Gao. Wenn Sie dort angekommen sind, kontaktieren Sie jemanden, der ihnen Adressen von Menschen gibt, die Ihnen sagen wie sie nach Tessalit kommen. Und von dort ins algerische Tamaransset und so weiter. Manchmal zahlt man dafür, manchmal zahlt man nicht, das hängt auch von der persönlichen Beziehung ab.

Aber ich habe auch Menschen kennengelernt, die tatsächlich die Hilfe von Schleppern im klassischen Sinn in Anspruch genommen haben. Von Menschen, die die gesamte Flucht von Anfang bis zum Ende organisieren.

Sie haben vier Jahre lang in Marokko verbracht bevor sie nach Europa kamen, wie erging es Ihnen dort?

Mbolela: Dort war es auch sehr schwierig. Ich bin zwar vom UNHCR als Flüchtling anerkannt worden, aber nicht von den marokkanischen Behörden. Somit hatte ich nicht das Recht zu arbeiten oder zu studieren. Auch gab es regelmäßig Razzien in den frühen Morgenstunden. Ich bin dreimal ganz knapp entkommen.

Alle ohne Papiere wurden in Busse gesetzt, man nahm ihnen ihre Wertsachen ab und brachte sie ins marokkanisch-algerische Grenzgebiet. Dort sagte die marokkanische Polizei: “Geht da rüber” und die Algerier: “Kommt nicht zu uns”. Es ist wie ein Ping-Pong-Spiel.

Wie sind Sie mit der Situation umgegangen?

Ich habe begonnen zu kämpfen und eine Organisation für die Rechte von Flüchtlingen gegründet. Wir haben auch Kontakt zu europäischen Aktivisten aufgenommen. Denn hinter all diesen Menschenrechtsverletzungen in Marokko steckt auch die EU. Sie gibt Marokko Geld für die “Flüchtlingsabwehr” und macht sich somit zum Komplizen. Die EU akzeptiert, dass Marokko Flüchtlinge in die Wüste abschiebt. Deshalb kämpfe ich, weil das eine Politik ist, die tötet.

Seit 2008 leben Sie in den Niederlanden, was wünschen Sie sich von der europäischen Flüchtlingspolitik?

Mbolela: Europa muss verstehen warum die Menschen kommen. Niemand verlässt sein Land aus Spaß. Die Gründe sind nicht nur politisch, sondern eben auch wirtschaftlich. Die wirtschaftlichen Gründe sind großteils von Europa verursacht, deshalb verdienen auch Wirtschaftsflüchtlinge Rechte.

Mein eigenes Land besitzt zum Beispiel 75 Prozent der weltweiten Koltan-Reserven. Dieses Erz wird von multinationalen Konzernen abgebaut und nach Europa gebracht, wo es die Industrie weiterverarbeitet. Wenn Kongolesen aber nach Europa kommen und in dieser Industrie arbeiten wollen, schickt man sie zurück. Sie wollen unsere Reichtümer, uns aber nicht.

Müsste man nicht auch in den Herkunftsländern der Flüchtlinge ansetzten?

Mbolela: Europa hat die Technologie und Afrika hat die Ressourcen, beide sind zur Zusammenarbeit verpflichtet. Europa muss aufhören Krieg nach Afrika zu tragen und diktatorische Regime zu unterstützen, um an Ressourcen zu kommen. Stattdessen fordere ich Europa auf, eine Form der Zusammenarbeit zu finden, wie sowohl Afrikaner als auch Europäer von afrikanischen Rohstoffen und von europäischer Technologie profitieren können. Zwar gibt es auch jetzt schon Verträge über die “wirtschaftliche Zusammenarbeit”, aber das ist nur ein Name, und in Wirklichkeit kommen die Europäer nach Afrika, um zu dominieren.

(Das Gespräch führte Barbara Essig/APA)

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