Familienausflug in Oranje

3:0 gegen Italien, 4:1 gegen Frankreich. Selbst das bereits bedeutungslose letzte Gruppenspiel gegen Rumänien machten die niederländischen Fans zum Fußball-Fest.

Der Geist seiner Anhänger dürfte auch auf das Nationalteam übergesprungen sein. Selten hat das Klima in einer niederländischen Mannschaft nach außen so perfekt gewirkt. “Das ist die beste Gruppe, in der ich im Nationalteam jemals gespielt habe”, sagte Stürmerstar Ruud van Nistelrooy. Und der hat immerhin bereits 64 Länderspiele auf dem Buckel.

Brillante Offensivspieler hatte die Niederlande schon in der Vergangenheit in Hülle und Fülle produziert. Als homogene Einheit hatten sie sich aber nur selten präsentiert. Der aktuellen Mannschaft fehlen Reibebäume, wie es einst Patrick Kluivert oder Clarence Seedorf gewesen waren. Immer wieder betonen die Spieler den Teamgeist, der in der Mannschaft herrscht. Auch Teamchef Marco van Basten attestiert seiner Elftal, eine eingeschworene Gemeinschaft zu sein. “Alle ziehen an einem Strang. Es gibt keinerlei Probleme.”

Das war nicht immer so gewesen. Die Integration der Spieler aus den ehemaligen Kolonien – vorrangig aus dem Surinam – hatte das Team in der Vergangenheit vor unüberwindbare Probleme gestellt. Immer wieder war es zu Streitigkeiten zwischen den Ethnien gekommen, die sich in Turnieren negativ ausgewirkt hatten. Van Basten aber hat viele ähnliche Charaktere, ja gute Freunde in seinem Kader – und viele haben auch ihre Familie mit in die Schweiz gebracht.

Nach ihren Triumphen im Stade de Suisse in Bern hatte die Spieler der erste Weg zu ihren Frauen und Kindern geführt. Wesley Sneijder herzte seinen Sohn Jessey, Keeper Edwin van der Sar holte sich Gratulationen von seiner Tochter Lynn und Dirk Kuyt nahm Töchterchen Noelle auf den Arm. Selbst rund um die Trainings tollen die Kids in den Trikots ihrer Väter auf dem grünen Rasen. “Es tut uns gut, wenn sie bei uns sind”, sagte Van der Sar. “Das gibt uns Ruhe und Kraft. Die Stimmung ist großartig.”

Die Szenerie wirkt sympathischer als die Shopping-Touren, mit denen die englischen Spielerfrauen – von der Boulevardpresse WAGs für “Wives and Girlfriends” genannt – bei der WM in Deutschland die Klatschspalten gefüllt hatten. Und dennoch kommt auch der Glamour-Faktor in Oranje nicht zu kurz. Sylvie und Rafael van der Vaart sind für die Niederlande das, was David und Victoria Beckham für England sind. “Das ist überhaupt kein Problem für mich”, versicherte der HSV-Regisseur. “Fußball hat uns sehr viele Möglichkeiten gegeben und dafür müssen wir dankbar sein.”

Dankbar sind die Niederländer auch ihren Anhängern, die ihnen zu Zehntausenden in die Schweiz gefolgt sind. “Wir haben ganz besondere Fans. Das ist schon immer so gewesen”, erklärte Van Nistelrooy. “Es hilft, wenn man so viel Unterstützung im Rücken weiß.” Mehr als 100.000 – zählt man die Schweizer in orangen Leibchen dazu, sogar bis zu 150.000 – hatten in den vergangenen Wochen Bern unsicher gemacht. Nun bereitet sich Basel, wo die Oranjes am 21. Juni ihr Viertelfinale bestreiten, auf den großen Ansturm vor.

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