Faktencheck: Angeblicher Kokain-Konsum Selenskyjs

In mehreren viralen Videos im Internet wird derzeit fälschlicher Weise behauptet der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe ein Drogenproblem.
In mehreren viralen Videos im Internet wird derzeit fälschlicher Weise behauptet der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe ein Drogenproblem. ©Ukrainian Presidential Press Office via AP
Im Internet ist zum Ukraine-Krieg viel Desinformation zu finden. So wird dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj derzeit in einigen viralen Videos unterstellt, ein Drogenproblem zu haben.

In einem Artikel lautet die Headline etwa "Kokainwahn im Drehstuhl", User unterstellen ebenfalls einen Kokain-Konsum. Der vermeintliche Beweis hält jedoch dem Faktencheck nicht stand.

Falsche Behauptungen: Präsident Selenskyj soll Kokain konsumieren

Einschätzung: Es gibt keinerlei Hinweise, dass Selenskyj in seinen Videos durch Drogen beeinträchtigt ist. Die vermeintliche Kokainspur auf seinem Tisch ist eindeutig als Tischverzierung zu identifizieren.

Überprüfung: Mehrere Behauptungen zum angeblichen Drogenkonsum Selenskyjs stützen sich auf einen Kameraschwenk in seinem jüngsten auf Instagram veröffentlichten Video. Bei Sekunde 15 sind mehrere weiße Streifen auf dem Tisch zu sehen.

Bei Bildern dieses Videoausschnitts wurde in Artikeln und sozialen Medien auf die weißen Linien verwiesen. Dabei wird ein Kokain-Konsum nahegelegt. Das Video Selenskyjs kursiert dabei oft in schlechterer Bild- und Audioqualität.

Linien auf Selenskyjs Tisch sind Spiegelungen von Verzierungen

Im Video auf seinem offiziellen Account klärt sich alleine durch die bessere Bildqualität auf, was die weißen Linien im Video darstellen. In Wirklichkeit handelt es sich bei den längeren Linien um Verzierungen auf dem Tisch und bei den kürzeren um die Spiegelung eines aufgestellten Bilderrahmens auf der Tischoberfläche.

Dies lässt sich durch andere Aufnahmen von Selenskyjs Schreibtisch verifizieren. Die Schreibtischunterlage ist mit einem Rahmen aus Doppellinien verziert.

Prorussische Kreise unterstellen Selenskyj Drogenprobleme

Selenskyj wird von Kritikern und prorussischen Kreisen immer wieder Drogenkonsum etwa mit Alkohol oder Kokain unterstellt. Beweise liefern die angeführten Videos keine. Selenskyj unterzog sich im ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2019 auf eigene Initiative einem Drogentest, nachdem es zu dieser Zeit ebenfalls Drogenvorwürfe gegeben hat. Dieser fiel negativ aus.

Selenskyj führte nach Vorwürfen 2019 einen Drogentest durch

Den Aufruf zu einem zweiten Test verweigerte Selenskyj, da er Provokationen durch seinen Kontrahenten am dafür vorgesehenen Ort befürchtete. Er erklärte aber, dass er bereit sei, Tests in anderen internationalen Labors durchzuführen, und dass er keine Drogen konsumiere.

Angeblicher Drogenkonsum in der Ukraine ist russische Propaganda

Der angeblich exzessive Drogenkonsum in der Ukraine ist auch Teil der Russischen Propaganda. Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnete die ukrainische Führung im Februar als "drogenabhängige Neonazis".

63 Prozent aller Russen waren wegen Drogendelikten inhaftiert

Russland ist für seine harte Drogenpolitik bekannt. Die US-Behörde Bureau of International Narcotics and Law Enforcement Affairs verwies im "International Narcotics Control Strategy Report" 2018 auf Angaben bei einer Konferenz in St. Petersburg, wonach 63 Prozent aller in Russland inhaftierten Personen wegen Drogendelikten einsaßen.

Einer Analyse von Parlamentsdebatten aus dem Jahr 2021 zufolge nimmt Russland Drogen als Bedrohung für die eigene Bevölkerung wahr und sieht das Problem als von anderen Ländern importiert an.

Ende der Entzugsprogramme für Drogenabhängige auf der Krim

Nach der Annexion der Halbinsel Krim wurden dort Entzugsprogramme für Drogenabhängige eingestellt, infolgedessen es auch zu einem Anstieg von HIV-Infektionen gekommen sein soll. Da Russland etwa kein Methadon zur Behandlung von Drogensüchtigen erlaubt, kam es zu zahlreichen Todesfällen durch Überdosen oder Suizid.

Politische Gegenspielern wird gerne Nähe zu Drogen unterstellt

Politisch unliebsamen Gegenspielern eine Nähe zu Drogen zu unterstellen, ist eine gängige Strategie, um die Person in ein schlechtes Licht zu rücken. Bekannte Beispiele sind etwa manipulierte Videos der demokratischen US-Politikerin und Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi (20). Reale Videos von Interviews und Reden Pelosis wurden dabei in der Geschwindigkeit reduziert, damit es so wirkt, als wäre die Politikerin betrunken und nicht zurechnungsfähig. Die Videos wurden Millionen Male angesehen.

(APA/Red)

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