Fahrer von türkischem Bischof wegen Mordes angeklagt

Nach dem gewaltsamen Tod eines katholischen Bischofs in der Türkei ist Mordanklage gegen dessen Fahrer erhoben worden. Das teilte das zuständige Gericht in der Hafenstadt Iskenderun am Freitag mit. Luigi Padovese war am Donnerstag in seinem Haus in Iskenderun erstochen worden. Unmittelbar nach der Tat wurde sein Fahrer festgenommen, den Behördenvertreter als psychisch krank bezeichneten.
Mord an Bischof Luigi Padovese
Katholischer Bischof in der Türkei ermordet

Die italienische Nachrichtenagentur ANSA meldete unter Berufung auf eine Bekannte Padoveses, der Italiener habe seinem Fahrer bei der Überwindung von dessen Depression helfen wollen. Padovese habe knapp eine Stunde vor seinem Tod in einem Telefonat mit der italienischen Nonne Eleonora de Stefano erklärt, er wolle seinem Fahrer helfen, wieder auf die Beine zu kommen, berichtete ANSA.

Rätselhafter Mord an katholischem Bischof

Vor der katholischen Kirche im südtürkischen Iskenderun weht die vatikanische Flagge auf Halbmast. Ein indischer Priester ist aus dem nahen Adana gekommen, um eine Messe für den Hausherrn zu lesen. “Lasst uns für den Bischof beten, der nun nicht mehr unter uns ist”, sagt Pater Fransua Dondu zur Gemeinde; eine Gläubige wird ohnmächtig und muss hinausgetragen werden. Bischof Luigi Padovese, der Apostolische Vikar von Anatolien und Vorsitzende der türkischen Bischofskonferenz, liegt da bereits bei der Gerichtsmedizin von Iskenderun – ermordet von seinem eigenen Leibwächter: einem Katholiken.

In einem Anfall von religiösem Wahn habe er dem Bischof die Kehle durchgeschnitten, sagt der Tatverdächtige im Polizeiverhör. Die Aussage weckt öffentliches Misstrauen, sind in der Türkei doch schon öfter Christen von nationalistischen Eiferern angegriffen worden, die sich später auf geistige Umnachtung herausreden wollten – so wie der Jugendliche, der vor vier Jahren den katholischen Priester Andrea Santoro in Trabzon ermordete. Im Fall von Padovese sprechen die Schilderungen von Familie und Freunden des Bischofs allerdings tatsächlich eher für eine menschliche Tragödie.

“Wie Vater und Sohn waren sie”, beschreibt ein christlicher Bekannter in Iskenderun das Verhältnis zwischen Padovese und dem 26jährigen Murat Altun, der seit viereinhalb Jahren als Fahrer und Leibwächter für den Bischof arbeitete. Der junge Mann stammt aus einer katholischen Familie, die seit Jahrzehnten im Dienste der Kirche steht. Der Vater wurde nach 20-jährigen Diensten vor einigen Jahren pensioniert, und auch die Geschwister arbeiten für die Gemeinde.

Seit Padovese im Jahr 2004 nach Iskenderun versetzt wurde, entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Familien. Wenn die Verwandten des Bischofs aus Mailand zu Besuch kamen, wohnten sie in Iskenderun bei der Familie Altun, wie Padoveses Bruder Sandro im türkischen Fernsehen erzählte. Umgekehrt wurde Murat Altun stets als Familienfreund bei ihnen untergebracht, wenn er Padovese mit dem Auto nach Italien fuhr – zuletzt in diesem Frühjahr, als die Vulkanasche über Europa den Bischof am Fliegen hinderte.

Dass der junge Mann psychologische Probleme hatte, war dem Bischof bekannt. Padovese habe sogar die Kosten für seine Behandlung übernommen, erzählt sein Bruder. Zuletzt war Murat Altun drei Tage lang stationär auf der psychiatrischen Station des staatlichen Krankenhauses behandelt und erst am vergangenen Sonntag entlassen worden. Wenn Padovese ohne ihn auf Reisen war, erkundigte er sich nach Angaben seiner Familie stets telefonisch, ob Murat auch seine Medikamente genommen habe.

Bedroht gefühlt habe sich der Bischof aber weder von ihm noch von sonst jemandem, sagen Sandro Padovese und seine Frau Liliana. Deshalb habe er von sich aus auf den polizeilichen Personenschutz verzichtet, den ihm die türkischen Behörden zugeteilt hatten. Doch an diesem Donnerstag zückte Murat Altun im Vorgarten der bischöflichen Wohnung plötzlich ein Küchenmesser und stach auf seinen väterlichen Freund und Gönner ein, bis der sich nicht mehr regte.

Ob es ein Zufall sei, dass Altun gerade eine Woche zuvor psychiatrisch behandelt wurde, oder ob der junge Mann sich damit einen strafrechtlichen Freifahrtschein zur Ermordung des Bischofs besorgt habe, fragte sich nicht nur die Tageszeitung “Zaman” am Freitag. Der Leibwächter könnte ja von dritter Seite aufgewiegelt oder mit dem Mord beauftragt worden sein. Offen blieb dabei dennoch die Frage, warum ein gläubiger Katholik und guter Familienfreund sich zur Ermordung seines Bischofs benutzen lassen sollte. Bei den Vermittlungen werde kein Verdacht ausgeklammert, versprachen die Behörden.

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