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F: "Seiltänzer" geschnappt

Er nannte sich "Seiltänzer-Räuber". Und mit der scheinbaren Leichtigkeit eines Zirkusartisten entkam Miloud Hai nach seinem Jahrhundert-Raub zwei Jahrzehnte lang allen Fahndern.

Doch zu Weihnachten fiel der Kopf des „Jahrhundertraubes“ von 1986 in der Banque de France ins Netz der Polizei. Sein Familiensinn wurde dem 48-jährigen Algerier zum Verhängnis: Hai hatte mit drei Vettern, den Gebrüdern Zerouali, einen Juwelier überfallen. Bei der Überwachung aller Wohnungen der Familie Zerouali stieß die Polizei auf den lang gesuchten Berufsverbrecher.

Bereits 1992 war Hai in Abwesenheit wegen des Überfalls auf die Zentralbankfiliale in Saint-Nazaire zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der Raub am 3. Juli 1986 ging in die Kriminalgeschichte ein: Die Bande erbeutete säckeweise druckfrische Geldscheine im Wert von 88 Millionen Franc (13,4 Millionen Euro). Es war die zweithöchste Geldsumme, die im 20. Jahrhundert in Frankreich geraubt wurde. Hai soll damals acht Millionen Franc kassiert haben. Er hatte die Waffen gelagert und die Autos besorgt. Nach ihrem Millionencoup schickten die Täter Handzettel an Zeitungen und unterzeichneten mit „Seiltänzer-Räuber“.

Für den Raub hatte sich eine merkwürdige Mischung internationaler Verbrecher und Polittäter zusammengefunden. Drei Algerier, drei Franzosen, ein Chilene und zwei Italiener aus dem Umfeld der linksradikalen Untergrundorganisation Prima Linea waren dabei. Sie überfielen den über der Bankfiliale wohnenden Kassierer Roger Camus und nahmen seine Familie als Geisel, um ihn zur Öffnung der Tresore zu zwingen. Camus, der dabei angeschossen wurde, erkannte den Anführer: Miloud Hai. Nach dem Überfall schickte die Bande Camus ein Päckchen mit Zigarren und Parfüm und der Notiz: „Noch einmal unsere ganze Entschuldigung für diese schreckliche Nacht.“

Doch die Polizei arbeitete nicht vergebens. Anfang 1988 wurde Hai gefasst. Als mehreren Bandenmitgliedern 1992 der Prozess gemacht wurde, fehlte der Hauptangeklagte aber: Hai war wegen eines Verfahrensfehlers wieder auf freien Fuß gesetzt worden und untergetaucht. Seitdem war er nicht zu greifen. Seinen Schlafplatz verließ er laut der Zeitung „Libération“ stets um fünf Uhr morgens, um nicht „um sechs Uhr früh festgenommen zu werden“. Doch das war nicht früh genug. Ausgerechnet vor dem Weihnachtsfest erwischten die Fahnder den „Seiltänzer“, als er sein Versteck bei einer Verwandten aus der Zerouali-Sippe verlassen wollte.

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