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Experten warnen vor Lockerungen des Corona-Lockdowns

Die Regierung beriet sich mit Experten.
Die Regierung beriet sich mit Experten. ©APA/BKA/DRAGAN TATIC
Am Samstag beriet die Regierung mit einer Expertenrund über die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Laut Experte Wagner sei die Neuinfektions-Rate für ein Aufmachen "viel zu hoch".

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in Österreich dürften verlängert, möglicherweise sogar verschärft werden. Die Bundesregierung beriet sich Samstagfrüh mit einer Expertenrunde im Kanzleramt, danach warnten die beigezogenen Wissenschafter eindringlich vor einer Lockerung des derzeit gültigen Lockdowns. Die Rate der Neuinfektionen sei für ein Aufmachen "aus unserer Sicht viel zu hoch", sagte MedUni-Wien-Vizerektor Oswald Wagner.

Sieben-Tages-Inzidenz viel zu hoch

"Die Neuinfektionen gehen nicht mehr stark genug zurück", so der Experte bei einer Pressekonferenz im Kanzleramt. Die Sieben-Tages-Inzidenz habe sich zuletzt zwischen 130 und 150 eingependelt. "Es müssen Maßnahmen getroffen werden, diese Inzidenz deutlich zu senken", betonte er. Ziel sei, diese auf "deutlich unter 50" zu senken. Die Tagesinzidenz von 50 sei "deutlich ein Grenzwert", betonte er.

Statistiker Erich Neuwirth merkte an, eine "schöne Zielvorstellung" wäre ein Wert von 25. Es gehe darum, Maßnahmen zu ergreifen, um die Neuinfektionen auf Zahlen zu bringen, "die beherrschbar sind", bei denen etwa das Kontakt-Tracing wieder funktioniere, sagte der Experte.

Virusmutation B.1.1.7. als Grund für Warnung

Eindringlich warnte die Expertenrunde vor der nun auch in Österreich angekommenen neuen britischen Virusvariante B.1.1.7.. "Wir wissen, dass sie wesentlich infektiöser ist als der bisherige Wildtyp", sagte Wagner. "Es ist eine Situation, die man als Game Changer sehen kann", erklärte auch der Mikrobiologe Andreas Bergthaler. "Das Virus ist infektiöser, darauf müssen wir eingehen."

Gleichzeitig betonte Bergthaler, dass die bisherigen Maßnahmen grundsätzlich weiterhin geeignet seien, das Virus einzudämmen, auch die neue Variante. Da aber die Dynamik eine größere sei, müsse man eben überlegen, welche zusätzlichen Maßnahmen man ergreift. Denn die Zahlen seien insgesamt zu hoch, das belaste nicht nur das Gesundheitswesen und erschwere das Kontakt-Tracing, sondern berge auch die Gefahr weiterer Mutationen. "Wenn wir versuchen, die Zahlen runterzubringen, ist das unser Ticket möglichst rasch zu einem Normalzustand zu kommen."

Herwig Ostermann von der Gesundheit Österreich GmbH betonte, es gehe angesichts der neuen Virus-Mutation darum, Zeit zu gewinnen. Denn man gehe derzeit davon aus, dass bei der britischen Mutation die Infektiosität um den Faktor 0,5 erhöht ist. Das ergebe bei einem derzeitigen Reproduktionsfaktor von rund 1 eine Verdoppelungszeit bei den Neuinfektionen von circa einer Woche bei der neuen Variante. "Man sieht eine sehr hohe Dynamik."

Diese Verdoppelungszeit könne man nur verlängern, indem man die effektive Reproduktionszahl auch der (derzeit noch vorherrschenden) Wildvariante runterbringt. Wenn es gelingen würde, die effektive Reproduktionsrate auf 0,8 zu drücken, dann vergrößere sich das Zeitfenster weiter, in der Maßnahmen greifen können - insbesondere die Impfungen. "Die Reproduktionszahl definiert das Zeitfenster, das verbleibt, um die Bevölkerung mit Impfungen zu schützen."

Lockdown müsse verlängert werden

Der Lockdown müsse jedenfalls verlängert werden, um dieses Ziel zu erreichen - und für alle Bereiche gelten, sagte Wagner. Auf eine Dauer wollte er sich nicht konkret festlegen, dies sei eine politische Entscheidung aber: "Ich denke, das wir mit zwei oder drei Wochen dieses Ziel erreichen müssen."

Eine klare, eindringliche Forderung richtete der Vizerektor an die Politik, was die Einschränkung der Bewegungen der Bevölkerung angeht. Dazu sei es vor allem notwendig, Homeoffice zur Pflicht zu machen (dort wo es möglich ist). Dies sei auch in Hinblick auf die Schulen und Kindergärten wichtig, wo derzeit teils deutlich über 50 Prozent der Kinder zur Betreuung anwesend sind. "Dass so viele Kinder in den Kindergärten und Schulen in Betreuung sind hängt ja auch damit zusammen, dass die Eltern arbeiten gehen. Es ist ganz wichtig, dass Homeoffice eingeführt wird und auch verpflichtend gemacht wird. All diese Eltern können und sollten dann Kinder auch zuhause betreuen", betonter er.

Einsatz von FFP2-Masken soll verpflichtend werden

Verpflichtend werden soll nach Ansicht der Experten auch der Einsatz von FFP2-Masken - und zwar "in allen Bereichen, wo wir zusammentreffen", wie Neuwirth sagte. Auch der Ein-Meter-Abstand müsse auf zwei Meter ausgedehnt werden, dazu seien regelmäßige Tests notwendig. Diese FFP2-Pflicht sollte auch nach Ende des Lockdowns aufrecht bleiben, sagte Wagner. Denn damit könnte nach Erreichen der Ziel-Inzidenz bewirkt werden, dass dann kein weiterer Lockdown notwendig werde.

Entscheidung für Sonntag erwartet

Eine Entscheidung über die weitere Vorgangsweise soll seitens der Regierung am Sonntag verkündet werden. Bereits am Freitagabend wurde nach einem Gespräch zwischen Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und den Landeshauptleuten klar, dass es wohl zu keiner Aufweichung der Maßnahmen kommen wird. Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) erklärte im Anschluss an die abendliche Unterredung, er rechne mit der Verlängerung des Lockdowns "bis weit in den Februar hinein". Lockerungen wird es seiner Ansicht nach nicht geben, auch die ab dem 25. Jänner angedachten Schulöffnung dürften seiner Einschätzung nach nicht kommen.

Zu dem Samstagfrüh erfolgten Expertengespräch waren auf Einladung von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) auch die Landeshauptleute - per Videokonferenz - zugeschaltet. Auch der Simulationsexperte Niki Popper (TU Wien), Stefan Thurner vom complexity Science Hub und Virologin Elisabeth Puchhammer nahmen am Gespräch teil. Kaiser forderte bei diesem Gespräch, darauf zu achten, dass Maßnahmen auch realistisch umsetzbar sind: "Es nützt nichts, wenn mathematische Überlegungen am Reißbrett gezeichnet werden, die in der Theorie funktionieren, die die Menschen aber nicht leben können." Homeoffice zur Pflicht zu machen, damit diese Eltern dann auch gleichzeitig ihre Kinder zu Hause betreuen sollen, gehe an der Lebensrealität von Eltern komplett vorbei.

Im Anschluss stand noch ein Gespräch mit den Sozialpartnern im Kanzleramt an. Am Abend soll es dann eine weitere Videokonferenz mit den Landeshauptleuten geben. Mit der Verkündigung der Entscheidung über das weitere Vorgehen hinsichtlich des Lockdowns ist für Sonntagvormittag zu rechnen, für den späteren Vormittag ist eine Pressekonferenz im Kanzleramt in Aussicht genommen.

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(APA/Red)

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