Experte befürchtet "langen Krieg voller Bösartigkeiten"

Die Lage im militärischen Kriegsverlauf in der Ukraine spitzt sich immer mehr zu.
Die Lage im militärischen Kriegsverlauf in der Ukraine spitzt sich immer mehr zu. ©Photo by Daniel LEAL / AFP
Laut Oberst Markus Reisner wird der Krieg in der Ukraine immer verheerender - am Boden, so wie in den Köpfen der Menschen. Beide Seiten schenken sich einander nichts.

Beide Seiten schaffen zunehmend Narrative über "verbotene Biolabore", "mögliche Chemiewaffeneinsätze", "dutzende gezielte Angriffe auf Krankenhäuser", "Einsatz von schlecht ausgebildeten Wehrpflichtigen", "Schüssen und Angriffen auf humanitäre Konvois", analysiert Oberst Markus Reisner, Leiter der Entwicklungsabteilung der Theresianischen Militärakademie, im Gespräch mit der APA.

Ukraine und Russland wollen sich gegenseitig "entmenschlichen"

Er spricht von einer "kognitive Kriegsführung in seiner höchsten Ausprägungsstufe". Es geht nun darum die jeweils andere Seite zu "entmenschlichen". Dazu dienen gezielte Mittel der Beeinflussung als Teil einer psychologischen Kriegsführung. Eine übliche Methode in Zeiten von Kriegen. Diese Narrative bestimmen ab sofort wie und was wir über den Krieg denken und welches Urteil wir fällen.

Russisches Militär bereitet sich auf Angriff auf Kiew vor

Aber auch im derzeitigem militärischem Kriegsverlauf vor Ort spitzt sich die Lage immer mehr zu. Der russische Militärkonvoi, der zuletzt nordwestlich von Kiew in der Nähe des Flughafens Antonov gesehen wurde, hat sich weitgehend aufgelöst. Die russischen Verbände haben sich um die Stadt gruppiert. "Die Russen haben in den letzten Tagen umfangreiche Kräfte herangeführt, sich reorganisiert und bereiten sich auf die nächste Phase ihrer Einsatzführung vor."

Dies könnte der erwartete Angriff auf Kiew sein. Gelingt er und mit ihm die Gefangennahme oder Vertreibung der ukrainischen Regierung könnte immer noch eine schnelle Entscheidung fallen. Kiew ist nun von drei Seiten eingeschlossen. Selbst die kurzfristige Abwehr von russischen Verbänden (wie bei Browary) ändert daran nichts.

Kernkraftwerk "Ukraine Süd" dürfte nächstes Ziel von Russen sein

Am besten laufe es für die russischen Angreifer im Süden. Seit mehreren Tagen fließt bereits Wasser aus dem Dnepr über einen wichtigen Kanal in Richtung Krim. Eine Trockenheit wie seit 2014 auf der Krim jedes Jahr herrschte, ist somit zukünftig ausgeschlossen. Ein wesentliches Ziel der russischen Operationsführung wurde hier erreicht. Zudem stehen die Russen bei Mikolajw bereits hinter dem Dnepr, der einzigen wirklichen starken Verteidigungslinie der Ukrainer. "Ich denke, dass sie mit einem Vorstoß von Mikolajew in Richtung Norden unbedingt das Kernkraftwerk 'Ukraine Süd' besetzen wollen. Dann wären neun von 15 ukrainischen Reaktoren besetzt und sie hätten somit 60 Prozent der Stromversorgung in ihrer Hand."

Hohe russische Verluste gemeldet

Mit der jüngsten Ankündigung, ausländische Kämpfer anzuwerben, wolle der russische Präsident Wladimir Putin einerseits Angst und Schrecken verbreiten (Stichwort: "Assads Schergen" analog zu den bereits im Einsatz stehenden tschetschenischen "Kadyrow-Kämpfern"), anderseits von Söldnern "die schmutzige Arbeit erledigen lassen" aber auch den toten Soldaten eine andere Nationalität (als die russische) geben." Denn die hohen russischen Verluste erschüttern - nach konservativen Schätzungen sind mindestens 3.000 russische Soldaten tot, das ist mehr als Amerika in 20 Jahren Afghanistan-Konflikt verloren hat. Auf der anderen Seite sehe man hingegen Freiwillige aus dem Westen (u.a. UK und Kanada) in Scharen in Richtung Ukraine ziehen.

Experte: Ukrainer werden weiterkämpfen

"Gelingt es in den nächsten Wochen den Russen nicht, ihre Ziele zu erreichen, so wird aus dieser Auseinandersetzung ein langer Krieg voller Bösartigkeiten, analog zu dem andauernden Stellvertreterkrieg in Syrien werden", meint der Experte, mit laufenden Menschenrechtsverletzungen, zehntausenden toten Zivilisten und Millionen von Flüchtlingen.

Russland selbst werde als Nuklearmacht nicht angegriffen werden, "aber es solle - so der Wunsch des Westens - am besten durch die Sanktionen von innen zerfallen und in sich zusammenbrechen". "Die Ukrainer werden weiterkämpfen, mit der Hoffnung auf einen EU-Beitritt vor Augen", so Reisner. Für Europa werde sich der Erfolg der Sanktionen erst mittelfristig weisen. Und es werde sich auch erst auf der Zeitachse zeigen, ob Russland mit möglichen "asymmetrischen Antworten" (z.B. Verringerung von Öl, Gas, Weizen, seltenen Erden Lieferungen") nicht doch auch noch den einen oder anderen Joker in diesem schrecklichen Krieg ausspielen kann.

(APA/Red)

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