Entlarvende Satire für Momente der Wahrheit: "Brüno"

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Es ist soweit: Die Satire rund um den britischen Komiker Sacha Baron Cohen, der als schwuler österreichischer Modejournalist auftritt und dabei für einige Aufregung sorgt, startet in den Kinos. Der erste Trailer: | Brüno in Action: | Österreicher warten auf Brüno | Brüno am Brandenburger Tor | Sind wir nicht alle ein bisschen Brüno? | Brüno - Lookalike-Contest in Wien Wann und wo im Kino?
Sacha Baron Cohen alias Brüno II
Sacha Baron Cohen alias Brüno I
Brüno in Berlin
Brüno Trailer
Brüno - Der erste Trailer

Ein offenes Zurschaustellen von Homosexualität untergräbt die Moral unserer Gesellschaft und provoziert bewusst Unruhen, ist der Moskauer Bürgermeister überzeugt. Und untermauerte seine These vor dem heurigen Song Contest, indem er bei einer Kundgebung etwa 40 schwule und lesbische Demonstranten gewaltsam festnehmen ließ. Dass er mit seiner Einstellung nicht alleine dasteht, hat nicht nur der polnische Präsident schon bewiesen, sondern weiß auch der britische Komiker Sacha Baron Cohen (“Borat”) eindrucksvoll zu entlarven. In der Satire “Brüno” (ab 9. Juli im Kino) deckt seine gleichnamige Kunstfigur, ein offensiv schwuler österreichischer Modereporter, Homophobie und, ja, schlichte Dummheit in den USA gnadenlos auf.

Dabei lässt sich ein thematischer roter Faden bei “Brüno” gar nicht so leicht festmachen. Am Anfang befinden wir uns auf einer Fashion-Show in Mailand, später in der TV-Branche, bald beim Versuch, um jeden Preis ein Celebrity zu werden – und zwar nicht irgendein Sternchen, sondern “der größte österreichische Superstar seit Adolf Hitler” oder, vielleicht noch treffender, “der größte schwule österreichische Superstar seit Arnold Schwarzenegger”. Und Brüno schreckt auch nicht davor zurück, für ein bisschen Ruhm den Nahostkonflikt lösen zu wollen oder mit einem Führer der Al-Aksa-Terrorbrigaden über ein scharfes Geisel-Video zu verhandeln. Wenn Osama bin Laden doch nur nicht so dem Weihnachtsmann ähneln würde.

Baron Cohen führt Interviews, die meist einem ähnlichen Schema folgen, oder tritt laut vor einer großen Menge auf. Eine lose (und zugegeben nicht sehr originelle) Story hält die einzelnen Szenen zusammen, die – vielleicht einer der größten Kritikpunkte an der Filmvermarktung – fast zur Gänze schon von YouTube bekannt sind. Um die Illusion der Seriosität zu wahren, ist Brüno mit einer Unzahl eingeweihter Mitstreiter und Fake-Webseiten unterwegs, denn – und davon lebt das Ganze – die Entblößung soll ja erst vor der Kamera geschehen. Genau diese Momente der “Wahrheit” einzufangen, die Reaktionen auf den Gesichtern und die unüberlegten Aussagen von Promis und Normalos, ist nicht nur die große Kunst, sondern war Universal Pictures auch 42,5 Millionen Dollar für die Rechte und die Bereitschaft einer aufwendigen juristischen Nachbearbeitung wert.

Das Ergebnis spricht für sich: Einige Sequenzen – wie ein kurzes Interview mit Paula Abdul auf nackten Mexikanern sitzend oder die Adoption des schwarzen Babys O.J. – sind in ihrer Einfachheit bestechend, andere – wie etwa jene im Nahen Osten oder beim homoerotischen Ringkampf im Gitterkäfig – gar nicht so ungefährlich. Da von vornherein oft nicht bekannt ist, in welche Richtung einzelne Szenen laufen, lässt sich naturgemäß auch ein Drehbuch nur schwer verfassen. Vielmehr darf man stets hoffen, dass die verrücktesten und unwahrscheinlichsten Dinge vor der Kamera einfach passieren – eine reine Erwartungshaltung, die im Mainstream-Kino sonst wohl so gut wie nie der Fall ist.

Die FAZ bezeichnete Baron Cohen daher zurecht als “einen der letzten wahren Künstler und eine Ein-Mann-Freiheitsbewegung”. Tatsächlich wird bei dem Parade-Satiriker aus einfacher Comedy mehr eine Art kultureller Feldforschung über weit verbreitete Ressentiments. Was bei “Borat” zu Rassismus und Antisemitismus schon bestens gelang, fällt bei “Brüno” zu Homophobie jedenfalls auch auf äußerst fruchtbaren Boden. Wenn am Ende er und sein ihm verfallener Assistent Lutz (der Schwede Lutz Hammarsten) nach etlichen Hochs und Tiefs wieder zueinanderfinden, haben Baron Cohen und sein Regisseur Larry Charles alles erreicht, was sie wollten – nicht zuletzt einen mehr als sehenswerten Film.

Der 38-jährige Sacha Baron Cohen lebt selbst als gläubiger Jude mit Verlobter und Tochter in Los Angeles, seinen pseudo-österreichischen Kauderwelsch hat sich der Cambridge-Absolvent bei seiner kurzen Studienzeit in Wien angeeignet. Aus dieser Zeit dürfte wohl auch die in Klagenfurt geborene Kunstfigur Brüno stammen, die er gemeinsam mit dem Rapper Ali G. und dem kasachischen Reporter Borat in “Da Ali G. Show” populär machte. Die Premiere von “Brüno” in Los Angeles fand übrigens ausgerechnet am Todestag von Michael Jackson statt, weswegen sich zahlreiche Fans nicht vor dessen Stern am “Walk of Fame” versammeln konnten. Dieser befindet sich unmittelbar vor dem Kino im abgesperrten Straßenbereich. Dafür ließ Baron Cohen “aus Respekt vor der Familie” einen Ausschnitt des Films entfernen, in dem er La Toya Jacksons Handy ausborgt und bei Michael anruft. Tristes Ergebnis: Kein Anschluss unter dieser Nummer.

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