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Empörung über Washington

Kofi Annan lässt sich selten aus der Reserve locken. Umso so größer war die Aufmerksamkeit, die er in der Nacht zum Mittwoch mit einem Hieb in Richtung Washington erregte.

Als „falsch“ und „unglückselig“ etikettierte der Generalsekretär der Vereinten Nationen das Prozedere, das den USA die erste ungekürzte Kopie des irakischen Waffendossiers in die Hand spielte. Auch einige Mitglieder des Weltsicherheitsrates ließen ihrem Unmut freien Lauf.

Norwegen, das seinen Sitz zum Jahreswechsel an Deutschland abtritt, fühlt sich nach den Worten seines Außenministers Jan Petersen im Rat als „Land zweiter Klasse“ behandelt. Syrien, die einzige arabische Nation im Sicherheitsrat, sprach von einer Verletzung diplomatischer Grundrechte. Der syrische UN-Botschafter Mikhail Wehbe verwahrte sich empört gegen die Bevorzugung der fünf ständigen Ratsmitglieder und verlangte, dass alle 15 Mitglieder des höchsten UN-Entscheidungsgremiums das gleiche unzensierte Material aus Bagdad vorgelegt bekommen.

Der amtierende Ratspräsident Alfonso Valdivieso aus Kolumbien hatte den fünf ständigen Ratsmitgliedern – USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich – am späten Sonntagabend eine vollständige Kopie des Waffendossiers zugesagt. Welche Gründe ihn dazu bewogen hatten, einen am Freitag gefassten anders lautenden Beschluss des Gremiums aufzuheben, bleibt eines der vielen Diplomaten-Geheimnisse.

Noch mehr Unverständnis kam auf, als die Fünf nicht zeitgleich von UN-Chefinspekteur Hans Blix mit dem 12 000 Seiten umfassenden Dossier versorgt wurden, sondern nur die US-Regierung einen Satz in die Hand bekam. Sie kopierte das Material, das über Krieg und Frieden entscheiden kann, in Washington und leitete es an Moskau, Peking, London und Paris weiter. Prompt warf Bagdad den USA vor, die Kontrolle über seine Waffendeklaration ergriffen zu haben, um diese zu zensieren und dem Rest der Welt nach Belieben manipuliert vorzulegen.

Böse Zungen am UN-Hauptsitz behaupten, die US-Regierung habe Kolumbien mit der Drohung erpresst, seine Wirtschaftshilfen einzustellen, sollte Valdivieso den Irak-Bericht nicht umgehend herausgeben. Aus Washington hieß es dazu nur, dass US-Außenminister Colin Powell am Wochenende mit Regierungsvertretern in Bogota über die Zusammenarbeit im Sicherheitsrat gesprochen habe. Powell hatte bei seinem jüngsten Besuch in dem lateinamerikanischen Land eine kräftige Aufstockung der Militärhilfe versprochen.

Ein kolumbianischer Diplomat gab gegenüber der „New York Times“ zu, dass sein Land „eine politische Entscheidung“ zu Gunsten von Washington getroffen habe. Eigenen Angaben zufolge revidierte Valdivieso den Ratsbeschluss in der Nacht zum Montag, nachdem er sich telefonisch mit den anderen Mitgliedern seines Gremiums verständigt hatte.

Annan merkte im Studio des Britischen Rundfunksenders BBC dazu an, an der Entscheidung selbst sei nichts auszusetzen, „aber der Ansatz und der Stil waren falsch“. Auf Hörerfragen aus aller Welt holte er zur Überraschung von Diplomaten noch weiter aus und erklärte ungewöhnlich unverblümt: „Das war unglückselig, und ich hoffe, so etwas wiederholt sich nicht.“

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