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Eine strategische Freundschaft

Gerhard Schröder mag sich über seine Wiederannäherung an den US-Präsidenten freuen, doch mit Wladimir Putin kann er nicht konkurrieren.

Während der deutsche Bundeskanzler von George W. Bush gerade mal 40 Minuten lang in einem New Yorker Hotel empfangen wurde, durfte der russische Staatschef ganze zwei Tage beim US-Präsidenten auf dessen Landsitz in Camp David verbringen. Und während Bush ein kurzes Händeschütteln und ein dürres Statement reichten, um den Streit mit „Gerhard“ abzuhaken, überhäufte er „Wladimir“ mit warmen Worten und Umarmungen.

„Ich mag ihn“, beschrieb Bush am Samstag zum Abschluss des zweitägigen Gipfels seine Gefühle für den Russen. Putin sei ein „guter Kerl“ – dabei hatte der Russe seinem amerikanischen Freund in den vergangenen Monaten das Herz nicht gerade erwärmt; leistete er doch im UN-Sicherheitsrat zusammen mit Schröder und dem französischen Präsidenten Jacques Chirac hartnäckigen Widerstand gegen Bushs Kriegspläne für den Irak. Während des Kriegs sorgten dann US-Vorwürfe, russische Firmen hätten Saddam Hussein mit Rüstungsgütern versorgt, für dicke Luft. Und zuletzt forderte Putin, wieder im Verein mit Schröder und Chirac, die Korrektur eines US-Resolutionsentwurfs, der darauf abzielt, den Irak vorerst unter amerikanischer Kontrolle zu belassen.

Sein Verhältnis zum russischen Präsidenten will Bush dennoch nicht belastet wissen: „Weil wir eine vertrauensvolle Beziehung haben, sind wir in der Lage, jede Meinungsverschiedenheit über ein einzelnes Thema zu überwinden“. Ob das Vertrauensverhältnis tatsächlich unbeschädigt ist, mag zwar bezweifelt werden – fest steht aber, dass Bush und Putin politisch aufeinander angewiesen sind. Der Russe blieb denn auch eher unsentimental und verwies auf die „strategischen Interessen“, die beide Staaten verbänden.

Eines der verbindenden Elemente ist das schwarze Gold. Die USA wollen ihre Ölimporte aus Russland erhöhen, um die Abhängigkeit vom Nahen Osten zu reduzieren. Putin kündigte kurz vor dem Gipfel bei einem Besuch der Wall Street an, Russland wolle der größte Öllieferant der USA werden. Beide Staaten teilen darüber hinaus das Interesse an einem stabilen Nahen Osten, in dem terroristische Bewegungen ihren Rückhalt verlieren und der Zugang zu den Ölressourcen gesichert ist.

Weniger freundschaftliche Gefühle als die konvergierenden Interessenlagen scheinen somit auch die Beilegung des Irak-Streits zu erleichtern: Während Bush wirtschaftliche und militärische Unterstützung für den Wiederaufbau braucht, will Putin die Interessen russischer Ölunternehmen sichern, die mit Saddam Hussein lukrative Verträge geschlossen hatten.

Angesichts des massiven innenpolitischen Drucks, unter dem Bush wegen des Chaos im Irak steht, erschien Putin in Camp David jedoch in der stärkeren Position. Nicht nur, dass er auf Zeit spielen konnte und jede Hilfszusage für den Irak unter Hinweis auf das ausstehende UN-Mandat vermied. Auch bei einem weiteren Reizthema, dem iranischen Atomprogramm, machte er keine Zugeständnisse und hielt an der russischen Unterstützung für den Reaktor in Bushehr fest. Und sein vielleicht größter Erfolg war, dass Bush die tschetschenischen „Terroristen“ verurteilte – was Putin daheim als Rückhalt für seine Politik der harten Hand in der Kaukususrepublik verkaufen mag.

Vieles spricht dafür, dass Putin die freundschaftlichen Dienste des US-Präsidenten in absehbarer Zeit erwidern wird. So signalisierte er Kompromissbereitschaft in den Verhandlungen über die neue Irak-Resolution, indem er eine nur schrittweise Machtübergabe an eine eigenständige irakische Regierung unterstützte. Und Experten halten es auch für möglich, dass Putin mit Truppen aushilft. Zwar werde er wohl keine Kampftruppen schicken, aber vielleicht Einheiten für den Aufbau der Infrastruktur und den Schutz der Grenzen, so Jon Wolfsthal von der Carnegie-Stiftung in Washington.

Russische Truppen im Irak wären ein Prestigegewinn für Bush, der damit seine Umarmungspolitik gegenüber dem Mann aus Moskau gerechtfertigt sehen könnte. Der Bundeskanzler dagegen hat einer Entsendung deutscher Truppen in den Irak eine Absage erteilt – bleibt es dabei, muss er jedoch wohl in Kauf nehmen, dass er in der Gunst des US-Präsidenten nicht mehr zu Putin aufholen kann.

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