Ebadi fordert radikale Reformen

Die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi hat die Ehrung vom Freitag genutzt, um radikale Reformen in ihrem Heimatland einzufordern.

In einem Interview verlangte die Menschenrechtlerin am Wochenende die Abschaffung des islamischen Strafrechts, das Steinigung und Amputation von Gliedmaßen vorsieht. Iranische Fundamentalisten verurteilten die Verleihung des Friedensnobelpreises an Ebadi als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“ des Landes. Reformer lobten dagegen die Entscheidung des Nobelkomitees, den Preis erstmals an eine Moslemin zu vergeben.

Der Nobelpreis für Ebadi mache das Land stolz und gebe den Reformen neuen Auftrieb, sagte der Geistliche Naser Kawami am Samstag. „Als gewählter Abgeordneter danke ich dem Nobelkomitee für seine richtige Wahl. Ebadi verdient die Auszeichnung für ihren tapferen Einsatz für die Menschenrechte.“

Der ehemalige Abgeordnete Hamid Resa Taraki kritisierte indes, das Norwegische Nobelkomitee sei von seinem ursprünglichen Ziel abgewichen, den Frieden zu fördern. Es sei jetzt ein „politisches Werkzeug“ in der Hand von Ausländern, die sich in die Belange des Iran einmischen wollten. Der Nobelpreis unterstütze säkulare Bewegungen und stehe im Widerspruch zu den Idealen der Islamischen Revolution von 1979.

„Die Zeit der Revolution ist vorbei“, hielt Nobelpreisträgerin Ebadi in einem Interview mit der französischen Zeitung „Le Monde“ (Samstag-Ausgabe) dagegen. Die Iraner seien von 1979 tief enttäuscht. Ebadi sprach sich für eine scharfe Trennung von Kirche und Staat aus und forderte tiefgreifende politische, gesellschaftliche und Bürgerrechtsreformen. „Das islamische Recht muss durch ein modernes Strafrecht ersetzt werden, wie es in allen Demokratien existiert“, zitiert sie die Zeitung.

Die staatlichen iranischen Medien hatten am Freitag nur zögerlich und mit mehrstündiger Verspätung über die Verleihung des Nobelpreises berichtet. Die reformorientierten Zeitungen berichteten am Samstag auf der Titelseite über Ebadi, die regierungsnahen Blätter ignorierten sie weitgehend. Die fundamentalistische „Jomhuri-e-Eslami“ berichtet auf Seite zwei kurz über das Ereignis unter der Überschrift: „Westen gibt Ebadi Friedensnobelpreis“.

In ihrem Engagement insbesondere für Frauen und Kinder habe sich Ebadi auch von Drohungen nicht erpressen lassen, hieß es in der Würdigung des Nobelkomitee am Freitag. Die 56-Jährige war die erste Richterin des Landes. Gemeinsam mit einem Anwalt wurde sie im Juli 2000 festgenommen. Beide sollten in die Aufnahmen eines Videobandes verwickelt sein, das angeblich Verbindungen zwischen Regierungsvertretern und fundamentalistischen Unruhestiftern aufdeckte. Sie wurden nach drei Wochen aus der Haft entlassen und zu Bewährungsstrafen verurteilt. Gleichzeitig wurde ihnen für fünf Jahre untersagt, in ihrem Beruf zu arbeiten. Das Verbot wurde jedoch nicht durchgesetzt.

Ebadi ist die erste Moslemin und die erste Vertreterin ihres Landes, die mit der weltweit wichtigsten politischen Ehrung ausgezeichnet wurde. Die 56-jährige wertete den Preis als Unterstützung ihres Kampfes für Menschenrechte und Demokratie im Iran und forderte die Freilassung aller politischen Gefangenen in ihrem Heimatland.

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