Donna Leon wird 60

„Ich hab’ einfach drauflos geschrieben“ - Donna Leon wird 60. Die Amerikanerin, die seit 15 Jahren in Venedig lebt, hat bisher zehn Krimis mit Commissario Brunetti veröffentlicht.

Es passiert gar nicht so selten, dass Donna Leon in den engen Gassen Venedigs von Fremden angesprochen wird – meist von Deutschen. Zwar wohnt sie im Viertel Canareggio, das Touristen eher selten frequentieren, doch eifrige Deutsche finden ihre Spuren überall. „Sie sind immer sehr höflich, immer sehr nett“, sagt die amerikanische Krimiautorin, deren deutschsprachige Fangemeinde mittlerweile in die Millionen geht. Am Samstag (28. September) wird Donna Leon 60 Jahre alt – ihren sympathischen Commissario Brunetti will sie weiter auf Fahndung durch die Lagune schicken.

Die Idee zum Schreiben kam der Schriftstellerin eher zufällig, als sie in der Oper La Fenice in Venedig war. Sie habe danach einfach drauflos geschrieben, um sich ein bisschen zu amüsieren. Immerhin schon fast 50 Jahre alt war sie damals. „Ich wollte mir nur beweisen, das ich ein Buch schreiben kann“, meinte sie dazu. Das Ergebnis war „Das Venezianische Finale“ über den Mord an der Oper. In Amerika war das ein Flop, die deutsche Ausgabe von 1993 wurde jedoch ein Bombenerfolg. Seitdem wurden ihre Krimis zwar in 19 Sprachen übersetzt, doch die Deutschen und Österreicher lieben Commissario Guido Brunetti am meisten.

„Er ist intellektuell und auch emotional interessant“, meint die Autorin, „aber er ist ein ganz normaler Mann. Ich nehme an, es gibt viele Männer wie Brunetti.“ Gerade das macht ihn so liebenswert. Der Fahnder in Zivil, der so gar nichts Polizeiliches an sich hat, liebt gutes Essen, hat leichte Figurprobleme, aber vor allem liebt er seine Stadt und seine Frau Paola.

Zehn Krimis hat die Autorin bislang um diese Figur herum gesponnen. Natürlich geht es um Mord und Verbrechen, den Sumpf der Korruption, Frauenhandel, Umweltkriminalität und Sextourismus, doch ebenso geht es um die Schönheit von Venedig, das stille Wasser der Kanäle, das Moos an den Wänden der Palazzi. Und immer wieder um Brunettis Ehefrau Paola, die wunderbare Pasta kocht, über Henry James promoviert hat und ihren Mann ermahnt, den Schal nicht zu vergessen, wenn er im venezianischen Winter auf Verbrecherjagd geht.

Der Kommissar ist ein sensibler Mann, auch im Beruf, alles andere als ein Macho-Fahnder. „Spinnfäden – seine Neugier musste so leicht und luftig sein wie Spinnfäden, seine Fragen mussten so behutsam tasten wie die Schnurrhaare einer Katze“, spricht er etwa in „Sanft entschlafen“ zu sich selbst. Spricht so ein Polizist? Eher ein Künstler.

Dann ist da noch dieser leidige Vorgesetze namens Giuseppe Patta, der aus Sizilien nach Venedig kam, auf der Terrasse des Gritti-Hotels oder im Caf- Florian am Markusplatz das Leben genießt – und ansonsten dem braven Commissario das Leben schwer macht. „Selbst im Land der gut aussehenden Männer war Patta ein auffallend gut aussehender Mann. Er hatte ein gemeißeltes Römerprofil“, heißt es von ihm.

Das Geheimnis ihres Erfolgs, so meint die grauhaarige ehemalige Lehrerin Donna Leon, liegt „an dem Paradox der Gegenüberstellung von Venedig, dem schönen Venedig, und den gemeinen verbrecherischen Charakteren“. Sie selbst lebt seit über 15 Jahren in der Stadt. „Ich habe mich in diese Menschen verliebt, in ihre Art zu genießen, in ihre wunderbare Sprache“, sagt sie.

Den Genuss mit allen Sinnen, das mögen ihre Fans an dem Commissario. Allein schon wie er nach Feierabend seinen Heimweg gestaltet. Erst in die Bar auf eine „mit Schinken umwickelte dünne Brotstange, die er mit einem Glas Chardonnay hinunterspült“. Dann auf den Markt, um frischen Salat zu kaufen. Und dann zu Hause: „Rote und gelbe Paprikastreifen schmorten in einer dicken Tomatensoße, aus der es nach Sardellen duftete. „Tagliatelle?“, fragte er hoffnungsvoll.“

Bis heute weigert sich die Amerikanerin übrigens strikt, ihre Bücher ins Italienische übersetzen zu lassen. „Ich will nicht, dass man glaubt, ich maße mir an, über mein Gastland zu urteilen“, sagt sie dazu. Vermutlich würden die Italiener ihr Schwärmen fürs Italienische auch gar nicht so recht verstehen.

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