Dominique Meyer: Staatsopern-Subvention "nicht in Ordnung"

Ab September 2010 ist Dominique Meyer der neue Staatsoperndirektor. Im Interview spricht er über die finanzielle Lage des Hauses, die kulturelle Situation in Wien und die Übergangszeit.

Im September 2010 ist es soweit: Nach drei Jahren Planungszeit trifft der Franzose Dominique Meyer die Direktion an der Wiener Staatsoper an. Sein kleines Vorbereitungsbüro hat der künftige Opernchef nicht an seiner neuen Wirkungsstätte, sondern im benachbarten Haus der Bundestheater-Holding. Dort traf ihn die APA kurz vor seinem Abflug nach Paris, wo er mit seiner Familie die Weihnachtstage verbringen wird, ehe er für den Jahreswechsel wieder nach Wien kommt.

APA: Seit Ihrer Designierung zum Staatsopern-Direktor ab 2010/11 im Jahre 2007 hat sich das wirtschaftliche Umfeld stark verändert. Haben Sie in Ihren bisherigen Planungen mehr um Geld streiten müssen als erwartet?

Meyer: Dass das Budget der Staatsoper nicht in Ordnung ist, das ist ganz klar. Es gibt nur zwei Millionen Euro Unterschied zwischen den Subventionen von Staatsoper und Burgtheater (Anm.: Derzeit erhält die Staatsoper 51,5 Mio. Euro Basisabgeltung, das Burgtheater 48,2 Mio.). Ich habe nichts dagegen, wenn das Burgtheater viel Geld kriegt. Aber man sagt immer, dass die Staatsoper national und international sehr wichtig ist. Wir haben 150 Musiker und 100 Tänzer, 100 Choristen, 45 Sänger im Ensemble, die wichtigsten Sänger der Welt am Haus. Das ist mehr als zwei Millionen Euro wert. Die Pariser Oper kriegt 110 Mio. Euro, die Staatsoper hat 51 Millionen. Ich sage nicht, dass Wien soviel Geld ausgeben soll wie Paris, aber seit vielen Jahren hat die Staatsoper nicht mehr Geld gekriegt. Es gibt immer weniger Unterschied zwischen Staatsoper, Burgtheater und Volksoper. Und es gibt eine Grenze.

APA: Stehen da neue Konflikte im Bundestheater-Verband bevor oder mehr Kooperation? Oder auch mit dem Chef des Theaters an der Wien, Roland Geyer?

Meyer: Unsere kleine Welt der Musikkultur ist wie bei Asterix und seinen Freunden, die in einem kleinen Dorf sind, und die Römer sind überall. Wir müssen zusammenhalten. Unser gemeinsames Ziel soll sein, dass wir dem Publikum einen Blumenstrauß anbieten sollen, der so bunt und reich sein soll wie möglich. Wir haben bereits mit dem Roland Geyer diskutiert. Wozu soll man einen Krieg führen? Alles können wir nicht teilen, aber wir diskutieren. Das habe ich dauernd in Paris gemacht, und dort haben wir fünf Opernhäuser. Wenn man sich verstehen will, kann man sich verstehen.

APA: Konnten Sie die Verhandlungen mit dem Staatsopernorchester über zusätzliche Proben am Haus schon abschließen?

Meyer: Wir haben gemeinsam ganz gut gearbeitet, aber wir sind noch nicht fertig. Ich habe das Gefühl, dass das Orchester eine gute Lösung finden will. Holding-Chef Georg Springer ist wichtig in den Diskussionen, und ich glaube, dass wir die Unterstützung von Ministerin Claudia Schmied bekommen. Ich bin ziemlich optimistisch. Jedes Mal, wenn wir ein Problem in der Planung gehabt haben – wenn etwa die Wiener Philharmoniker eine Reise vorhaben und wir gleichzeitig Wichtiges tun müssen – haben wir immer die bestmögliche Lösung gefunden.

APA: Heißt das, Sie bekommen mehr Geld für die Abgeltung von zusätzlichen Proben?

Meyer: Es ist zu früh, um die Entscheidung der Verhandlungen bekanntzugeben. Aber ich glaube, dass es nicht mehr lange dauern wird.

APA: Hat die Wirtschaftskrise Ihre Planungen beeinflusst?

Meyer: Nein, was wir in den zwei, drei ersten Jahren machen, war schon geplant. Wenn das mal auf Schiene ist, dann gibt es wenige Möglichkeiten. Man muss bei wirtschaftlichen Krisen ruhigbleiben. Nach dem Attentat in New York haben wir (Meyer leitet bis Saisonende das Theatre des Champs-Elysees in Paris, Anm.) drei Monate wenig Karten verkauft, das ist dann zurückgekommen. Auch in Paris spüren wir die Krise, unsere Kunden sparen so wie nie. Aber sie werden auch einmal aufhören zu sparen. Seit einem Monat ist die Auslastung wesentlich besser.

APA: In etwas mehr als neun Monaten übernehmen Sie die Leitung der Wiener Staatsoper. Wie empfinden Sie die derzeitige Übergangs-Situation?

Meyer: Ioan Holender hat mich gut empfangen und mir am ersten Tag schon die Schlüssel der Oper gegeben. In Wien werden manche Kleinigkeiten dramatisiert, ich sehe keine große Schwierigkeit in der Situation. Es ist eine sehr schwere, lange Übergangsperiode für mich, ich muss gleichzeitig meine Pflicht in Paris tun und meine zukünftige Wiener Periode vorbereiten. Das braucht sehr viel Energie und Zeit. Gleichzeitig ist es hoch interessant. Ich habe wunderschöne Projekte in Paris und bin begeistert, das fertig zu machen. Es sind viele wichtige Künstler dort, es wird eine schöne zweite Hälfte der Spielzeit.

APA: Woran wird man im September merken, dass die Staatsoper eine neue Leitung hat?

Meyer: Das ist für mich nicht so wichtig. Ich stelle mich selbst nicht in die erste Reihe, für mich ist der Spielplan wichtig, die Besetzung, die Premieren, die Regie.

APA: Aber muss man nicht das Wiener Opernpublikum mit besonderer Präsenz für sich gewinnen?

Meyer: Ich habe in Paris eine sehr nahe Beziehung zu meinem Publikum. Ich bin jeden Tag eine halbe Stunde am Eingang des Theaters, also ich weiß ganz genau, was die Leute denken und erwarten.

APA: Werden Sie das in Wien auch so handhaben?

Meyer: Ja, ich glaube. Das habe ich bis jetzt immer getan, warum nicht.

APA: Bei der “Macbeth”-Premiere haben sich im Haus die Buhrufer stark in den Mittelpunkt gedrängt. Das Staatsopernpublikum hat nicht erst einen Direktor schnell wieder aus der Stadt verjagt.

Meyer: Wünschen Sie mir das?

APA: Wir wollen wissen: Wie ist Ihr Gefühlszustand bei einem derartigen Buhorkan?

Meyer: Eine Premiere ohne Buhrufe ist heute eine Seltenheit. Die Wiener glauben immer, hier sei die einzige Stadt, wo das stattfindet. In der Tat geschieht es überall. Ob ich das mag, ist eine andere Frage. Ich bin von Buhrufen nicht begeistert, aber sie existieren. Das ist wie Luft, Schnee, hohe Temperaturen, Wind – das muss man akzeptieren, das ist ein Teil von unserer Welt.

APA: Wie stark werden Sie sich denn gegen diesen Wind stellen, mit wagemutiger Regie, zeitgenössischer Oper, Uraufführungen?

Meyer: Dass man ein bisschen mehr Stücke des 20. Jahrhunderts spielen kann, ist wahr. Aber man kann nicht nur in eine Richtung gehen, sondern muss die Balance finden. Wir spielen 50 Stücke in jeder Spielzeit. Wir planen wichtige Klassiker des 20. Jahrhunderts, beispielsweise einen Janacek-Zyklus. Aber wir machen auch einen Mozart-Zyklus, wir werden Barockstücke spielen und Wagner- und Verdi-Premieren haben, wie es in Wien gehört. Ich will auch nicht nur eine Art von Regie. Regietheater – wenn es zu einem Stück passt, warum nicht? Aber nicht zu allen Stücken. Ich möchte, dass wir für jedes Stück eine Lösung finden, die wirklich zum Stück passt. Eine Premiere ist im Wiener System eine Investition. Eine Anzahl von Experimenten können Sie auch in der Staatsoper machen, aber nicht ständig.

APA: Wie werden Sie denn mit den Jahrzehnte alten Inszenierungen im Repertoire umgehen?

Meyer: Ich kann nicht das ganze Repertoire in fünf Jahren renovieren. Wir werden die Anzahl der Premieren erhöhen, auf sechs in meiner ersten Spielzeit. Aber das ist längst nicht genügend, wenn man alle alten Inszenierungen in die Mülltonne schmeißen will. Es gibt alte Inszenierungen, die nicht mehr leben, die müssen wir auswechseln. Es gibt alte Inszenierungen, die noch ganz lebendig sind, wo man nur das Bühnenbild und vielleicht die Beleuchtung, die Regie beleben muss. Das werden wir tun. Zum Beispiel den “Rosenkavalier”, die “Tosca” oder die “Fledermaus”. Otto Schenk wird zurückkommen und seine “Rosenkavalier”-Inszenierung selbst auffrischen.

APA: Werden Sie die Bespielung des Eisernen Vorhanges mit zeitgenössischer Kunst beibehalten? Und das Kinderzelt sowie die Übertragungen auf den Karajan-Platz?

Meyer: Die Antwort ist klar: ja. Das Kinderopernzelt bleibt eine Weile, mindestens noch ein Jahr. Wenn wir auch die Probebühne haben werden, können wir auf der Hauptbühne Kindervorstellungen machen. Das halte ich für wichtig, ich habe in Paris in zehn Jahren 230.000 Kinder in die Oper gebracht. Wenn man bei den Kindern eine gute Beziehung zur Oper aufbauen will, muss man das unbedingt im großen Raum machen.

APA: Ist die Finanzierung für die Probebühne schon fix?

Meyer: Das ist in Planung, und es wird geschehen, bis September 2011.

APA: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit ihrem Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst entwickelt?

Meyer: Es ist eine Freude, mit ihm arbeiten zu dürfen. Er wird 35 Abende pro Spielzeit dirigieren, viele verschiedene Opern: Einen Da Ponte-Zyklus, Wagner-Premieren, den “Ring”, den Janacek-Zyklus, eine Verdi-Premiere und auch Repertoire-Vorstellungen. Dirigenten sind manchmal eifersüchtig, das ist Welser-Möst nicht. Er selbst hat vorgeschlagen, Christian Thielemann einen “Ring” dirigieren zu lassen. Wir reden dauernd über Projekte und Besetzungen, heute etwa über eine Premiere im Jahr 2015. (lacht)

APA: Fangen Sie etwa schon an, bereits für Ihren Nachfolger zu planen?

Meyer: Es stimmt, es ist manchmal ein bisschen theoretisch, wenn man etwas so frühzeitig plant. Aber auch angenehmer, weil alle Sänger noch frei sind. Wir werden im Herbst 2014 einen “Rigoletto” machen, Bariton und Tenor haben wir besetzt. Aber den Sopran will ich nicht entscheiden, das ist zu früh.

APA: Davor gibt es noch 2013, das große Wagner- und Verdi-Jahr.

Meyer: Wir werden die Geburtstage feiern, das muss man. Persönlich bin ich von Geburtstagen nicht so begeistert, wenn alle gleichzeitig die gleichen Stücke spielen, dann hat man Besetzungsschwierigkeiten. Aber das haben wir von Anfang an vorbereitet, wir werden 2013 die weltbesten Sänger für Wagner und Verdi haben.

(Das Gespräch führten Wolfgang Huber-Lang und Georg Leyrer/APA)

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