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Diskriminierung und Vorurteile: Alltag bulgarischer Roma

Egal ob sie "Zigeuner" oder "Roma" genannt werden, die negative Einstellung der Bulgaren der Minderheit der Roma gegenüber hängt nicht von Bezeichnungen ab.

Verallgemeinerungen und Vorurteile wegen hoher Kriminalität in armen Roma-Ghettos, bettelnder Frauen mit Kinder und Straßendieben, die überwiegend aus den Ghettos kommen, rücken die Minderheit in kein gutes Licht. Auch die Bilder von „dunklen“ Prostituierten auf Landstraßen und Pferdekarren, die Unfälle und Staus inmitten von Großstädten verursachen, sind dem Image nicht zuträglich.

Die Bewohner der zweitgrößten Stadt Bulgariens, Plowdiw, fühlen sich gegenüber den Roma ungerecht behandelt, wie eine Meinungsumfrage aus dem Vorjahr zeigt. Da diese ihre Stromrechnungen in dem Roma-Ghetto im Viertel Stolipinowo nicht bezahlen, sind die Plowdiwer der Meinung, dass sie es sind, die für die Schulden ihrer „dunklen“ Mitbürger aufkommen müssen. Spekulationen der bulgarische Zeitungen „Dnevnik“ und „Monitor“ zufolge gehen die unbezahlten Stromrechnungen bereits in Millionenhöhe, genaue Zahlen wurden aber nicht veröffentlicht.

Stolipinowo gilt in Bulgarien mittlerweile als eine Art Symbol der „Roma-Willkür“, der Streit um die Stromrechnungen zieht sich bereits über mehr als ein Jahrzehnt. Gleichzeitig mutmaßte „Monitor“, dass einige der sogenannten „Zigeunerbarone“ ihre Bäckereien im Ghetto nur deshalb eröffnet haben, um dort den kostenlosen Strom zu nutzen. Stolipinowo fand im Vorjahr auch durch eine Hepatitis-Epidemie den Weg in die Medien. Große Roma-Viertel existieren in fast allen Bezirksstädten, am Bekanntesten sind jene in Plowdiw, Widin und Sliwnen, das oft als „Hauptstadt“ der Roma bezeichnet wird.

Die Diskriminierung der Roma begann schon in der Zeiten vor der Wende, als es ganz selbstverständlich war, dass Arbeiter der Müllabfuhr oder Putzfrauen Angehörige der Minderheit waren. Die Integration scheiterte nicht nur damals, auch später schlugen Eingliederungsversucher bei Ausbildung und in Schulen fehl. Nach der Wende und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in den 90er Jahren kapselten sich Roma-Gemeinschaften ab und litten immer mehr an Arbeitslosigkeit, steigender Kriminalität und Drogenkonsum.

In den letzten Jahren gelang es einigen Roma, in den Großstädten Arbeit in einer Wirtschaftsnische zu finden. Sie transportierten Bauschutt oder Müll mit ihren Pferdekutschen ab, oder sammelten Metallabfall. Kürzlich verbat der Gemeinderat von Sofia die Pferdekarren im Zentrum der Stadt aber, da diese Unfälle und Staus verursachen. Die Kommission für Schutz gegen Diskriminierung entschied, dass eine solche Entscheidung diskriminierend sei und empfahl, sie außer Kraft zu setzten. Dadurch wurde jedoch nur eine weitere Welle der Empörung innerhalb der bulgarischen Bevölkerung heraufbeschworen.

Die beiden Hauptgründe für die Abneigung vieler Bulgaren gegen die Roma haben aber nichts mit Stromrechnungen oder Pferdekutschen zu tun. Vor allem die Großfamilien der Roma sind den Bulgaren als sogenannte „Reproduktionsgefahr“ ein Dorn im Auge. Auch am „Wahlstimmenkauf“, der in Roma-Ghettos betrieben wird, stößt man sich in Bulgarien. Besonders in kleineren Gemeinden können Familienclans Ergebnisse „umkippen“ und entscheiden. Zeitungen verbinden den „Stimmenkauf“ mit der türkischen Partei DPS, was rassistische Emotionen zusätzlichen anheizt. Die Probleme, etwa Arbeitslosigkeit oder schlechte Krankenversorgung, mit denen die Minderheit zu kämpfen hat, werden nicht nur von den Medien kaum diskutiert.

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