Die Zeitansage bekommt eine neue Stimme

Die Zeitansage ist tot, es lebe die Zeitansage: Nach 35 Jahren bekommt das legendäre Telefonservice eine neue Nummer und eine neue Stimme.

Wenn einem Stimmen, die man nur aus dem Radio oder von Warteschleifen diverser Servicelines kennt, plötzlich in aller Lebendigkeit gegenüberstehen und noch dazu ganz unbefangen vor sich hinplaudern, ist man zunächst verblüfft, muss man doch erst einmal Optik und Akustik gedanklich zusammenbasteln. Das kann ein wenig dauern. Für Angelika Lang ist das nichts Neues. Während andere noch eifrig staunen, betritt sie bestens gelaunt und locker das Aufnahmestudio, um einen überaus bedeutsamen Satz ins Mikro zu hauchen: “Es wird mit dem Summerton, 11 Uhr, 23 Minuten und 40 Sekunden.”

Dabei wäre Nervosität nichts verwerfliches. Nicht in diesem Fall. Angelika Lang tritt nämlich die Nachfolge einer Legende der Telekommunikationsgeschichte an. 35 Jahre drang unter der Rufnummer 1503 die Stimme von Renate Fuczik aus dem Hörer. Die Zeitansage gehörte zu jenen Institutionen, die automatisch von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Irgendwann im Leben eines Österreichers war es so weit; ob mit Wählscheibe, Tastentelefon oder Handy – der Bekanntheitsgrad der vier Ziffern hat Popstar-Dimensionen. Kaum jemand weiß mit 1503 nichts anzufangen. Ende Mai ist damit Schluss, wenn auch nicht endgültig. Denn die Zeitansage darf an anderer Stelle und mit anderer Stimme weiterleben.

“Du, da warst mir jetzt zu privat.” Der Kollege am Schnittpult spricht in Rätseln. Dann ist wieder der “21er ein bisserl abgebogen”. Kopfschütteln bei den stillen Beobachtern. Lang aber nickt und nimmt einen Schluck Wasser. “Geh weg, du Frosch.” Und weiter im Text: “Es wird mit dem Summerton, 20 Uhr, 17 Minuten und 10 Sekunden.” Bei “sechs Minuten und…” drängt sich ein kleiner Lachanfall dazwischen. Kein Problem. “Da waren die Sekunden zu stark, gell?”. Abermals fliegen kryptische Wortfetzen hin und her, ein paar Regler werden verschoben; dann wieder der Satz mit dem Summerton. Immer und immer wieder. Und jedes Mal exakt die selben Tonlagen. Perfekt. Nach nicht einmal 25 Minuten ist alles im Kasten.

“Ich hab mir das alles viel schlimmer vorgestellt”, tänzelt die Profistimme mit reichlich Radio-Erfahrung aus der Kabine und lobt den Cutter, der mit einem ausgeklügelten System in null Komma nichts 24 Stunden Zeitansage für die Ewigkeit zusammengeschnitten hat. Sechs bis acht Sekunden dauert eine “Einheit”, dann folgt eine kurze Pause und anschließend kommt der atomuhrgeeichte Piep.

Sie sei zuerst erschrocken, wie sie gehört hat, dass die Zeitansage abgeschaltet und neu aufgenommen wird, meint Angelika Lang. “Die Nummer hat ja auch mich mein ganzes bisheriges Leben begleitet. Jetzt stirbt halt wieder so ein Geräusch und wird durch ein anderes ersetzt – so ähnlich wie bei der Schreibmaschine und dem Computer. Aber ich hoffe, dass die Menschen meine Stimme langsam ebenso liebgewinnen wie die alte.”

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