Deutsche Fans: "Wir ham-den-Dom-gesehn!"

Sie tanzten lautstark Polonaise, verlangten ihren Nebelhörnern alles ab und stimmten sich mit Schlachtgesängen auf das Spiel gegen Österreich ein - die deutschen Fans in Wien.    | 

Sie sorgten damit am Montag bereits in den Mittagsstunden für Ländermatch-Atmosphäre. Am Stephansplatz dominierte der deutsche Akzent “Wir-ham-den-Dom-gesehn! Wir-ham-den-Dom-gesehn! Wir-ham, wir-ham-den-Dom-gesehn!” Es waren geschätzte 200 Anhänger in Schwarz-Rot-Gold, die friedlich “Ole! Ole! und “Deutschland! Deutschland” skandierten, während man auffallend viele “Suche Ticket”-Schilder sah.

Österreich-Fans waren noch nicht zu sehen, was aber für diese Tageszeit nicht verwunderlich war. Lediglich einige vorbeiziehende Schulklassen hielten mit rot-weiß-roten T-Shirts und Kopfbedeckungen dagegen. Ihr “Wir singen Rot-Weiß-Österreich” fiel noch etwas schüchtern aus. Die Polizei hatte zwar schon sicherheitshalber Stellung bezogen, musste vorerst aber nicht einschreiten.

Fest in schwarz-rot-goldener Hand befand sich am Montagnachmittag das Lokal-Viertel “Bermudadreieck” in der Wiener Innenstadt. Nahe dem Schwedenplatz waren fast ausschließlich Fans der deutschen Nationalmannschaft zu sehen. Als Hauptnahrungsmittel wurde Bier konsumiert, ruhig, entspannt, vielleicht auch etwas müde von den stundenlangen Anfeuerungen am Stephansplatz ließen sich die DFB-Anhänger ein letztes Mal vor dem Marsch auf’s Ernst-Happel-Stadion nieder.

Aus der Ferne war ein “Che sera, sera – wir sch… auf Cordoba!” zu vernehmen, doch in den Lokalen rund um die wohl berühmteste “Tankstelle”, das “Krah-Krah”, wurde gerastet, geruht und diskutiert. “Ohne Deutschland wär’ hier gar nichts los!”, hallte es zwar durch die Rotenturmstraße, auf den Grünflächen des Morzinplatzes gaben sich die Deutschland-Fans aber einem ausgedehnten Mittagsschläfchen hin.

Von erbitterter Rivalität oder gar Feindschaft war im “Bermudadreieck” keine Rede. Rot-weiß-rot und Schwarz-rot-gold mischten sich mitunter zu munteren Gesprächsrunden. “Wie es ausgeht? 3:2 – aber diesmal für Deutschland”, brachte ein dreifarbig bemalter Fan die allgemeine Stimmung in seinem Lager auf den Punkt. Sprachs und bestellte eine neue Runde von diesen “Krügerln”.

Österreich Aufwärm-Party in Wiener Fanzone vor dem Spiel gegen Deutschland

Partystimmung in der Wiener Fanzone: Deutsche und österreichische Fussballfans haben bereits seit Montagvormittag das 100 000 Quadratmeter grosse Areal in Wien bevölkert – beidseitig siegessicher.

Als verbindendes Element fungierte die Falco-Musicband, welche die Siegesparolen einzelner Gruppen übertönte und in gemeinsame Tanzeinlagen verwandelte. Statt Schmähgesten gab es Verbrüderungsszenen einzelner Fans in rot-weiss-rot und schwarz-rot- gold – zumindest für ein kurzes Erinnerungsfoto.

«Das sieht man doch alles sportlich. Ein Spiel soll verbinden», erklärte ein junger Vorarlberger. Ähnlich die Meinung seines Foto- Partners Christian aus Baden-Baden: «Es muss halt Spass machen, die ganze EM, es muss alles fair gehen, gewinnen wird halt der bessere.»

Fest an einen Sieg glaubten wenige Stunden vor den Match dennoch beide Parteien. «Weil wir bis jetzt kein Glück hatten», begründete der Österreich-Fan Marcel seinen Glauben an den Sieg der rot-weiss- roten Kicker. Sein leiser Nachsatz: «Und die Deutschen sind nicht in Form.

«Das wird es nicht geben. Nie im Leben», so das knappe Kommentar einer Gruppe Deutscher. Seit Sonntag bereite man sich in Wien bereits biertrinkend auf den Sieg vor.

Geruhsamer ging es am Montagnachmittag vor dem Spiel Polen- Kroatien in der Salzburger Fanzone zu und her. Noch beherrschten bummelnde Touristen, Einheimische, Strassenmusikanten sowie Security-Mitglieder und Volunteers das Bild der Altstadt. Nur da und dort waren vereinzelt Schlachtenbummler auszumachen.

Deutsche machten Westbahnhof zum “Westfanhof”

Wirklich viel gesprochen wurde am Montagnachmittag am Wiener Westbahnhof nicht – es wurde hauptsächlich skandiert. Tausende Fans der deutschen Nationalmannschaft schwappten via Sonderzüge über die Bundeshauptstadt. Dass sie sich dabei selbst begrüßen mussten (“Hurra, hurra, die Deutschen die sind da!”) tat der ausgelassenen und zu jeder Zeit friedlichen Stimmung keinen Abbruch. Der Länderkampf der Sprechchöre endete übrigens unentschieden, denn auch die mit der Bahn aus den Bundesländern angereisten Österreich-Fans hatten allerlei Dezibel auf Lager.

“Skifahren, das ist alles was ihr könnt, alles was ihr könnt, alles was ihr könnt!”, lautete ein beliebter Stimmungsmacher der DFB-Anhänger. Darauf konterten die “Ösis” selbstbewusst: “Ohne Deutschland fahr’n wir in die Schweiz!” (zum Viertelfinale gegen Portugal, Anm.) Was wiederum die Replik “Ihr seid nur ein Punktelieferant…” zur Folge hatte. Und wenn einmal die jeweils andere Fan-Gemeinde keine Lust auf Sprechgesang hatte, dann wurde das schon etwas verstaubte “Aleee, aleee, alee, alee, aleeee – eine Straße, mit vielen Bäumen, ja das ist eine Allee!” aus dem rot-weiß-rot oder schwarz-rot-goldenen Hut gezaubert.

Es blieb jedoch beim gegenseitigen Necken, das meist damit endete, dass man sich mit Bierdose oder -flasche zuprostete. Um 16.05 Uhr traf schließlich der letzte von drei Sonderzügen aus Deutschland am Westbahnhof ein, der an diesem – schon vor Anpfiff – denkwürdigen Länderspieltag zum “Westfanhof” mutierte. Das Polizeiaufgebot war zwar beträchtlich, brauchte aber nie einzuschreiten. Mangels Österreich-Fans verhallte das “Schade, Ösis, alles ist vorbei…” im Bahnhofsgebäude.

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