Der versiegelte Brief des Soldaten Döblin

Ein beeindruckendes und bedrückendes Werk, aber auch eine kleine kaschierte Sensation: Der versiegelte Brief des Soldaten Döblin" ist dem Mathematiker Wolfgang Döblin (17. März 1915 in Berlin - 21. Juni 1940 in Housseras, Vogesen), Sohn des Schriftstellers Alfred Döblin ("Berlin Alexanderplatz"), gewidmet.

Warum? Seit 2000 ist die mathematische Forschung um ein tragisches und optimistisches Kapitel gleichermaßen reicher. Man entdeckte nämlich im Archiv der Akademie der Wissenschaften zu Paris einen längst verschollenen Brief in Form eines Schulheftes mit mathematischen Formeln vom Sohn des Schriftstellers Alfred Döblin. Der reiht ihn post mortem in die Walhalla der großen Mathematiker des 20. Jahrhunderts ein.

In den Vorkriegsjahren war Alfred Döblin zusammen mit seiner Familie nach Paris emigriert. Sein Sohn Wolfgang studierte an der Sorbonne Mathematik, nahm die französische Staatsbürgerschaft an und wurde 1939 rekrutiert und an die Front geschickt. 1940, nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich, setzte er seinem Leben kurz vor der unvermeidlichen Gefangennahme in Housseras ein Ende und wurde dort bestattet.

Erst vor kurzem wurde in Paris ein Manuskript entdeckt, das sich in einem von ihm bei der Académie des Sciences in Paris deponierten versiegelten Umschlag befand.  In diesem Manuskript  nahm Döblin einen später von dem Japaner Ito entwickelten  Teil der Wahrscheinlichkeitstheorie  vorweg, der heute unter anderem die Grundlage großer Teile der Finanzmathematik bildet.

Schon während seines Studiums beeindruckt Wolfgang Döblin seine Lehrer mit seiner analytischen denke. Er ist gerade 20 Lenze jung, als er in die französische Mathematikergesellschaft, die “Société Mathématique de France” eingeführt wird. Dort lernt er den 30 Jahre älteren Mathematiker Paul Lévy kennen und schätzen. Lévy war Professor an der polytechnischen Uni in Paris. Drei Tage nach der Kapitulation Frankreichs machte er seinem jungen Leben ein jähes Ende. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis die leidliche Vita in ihrer gesamten tragischen Tragweite erkannt wurde. Alfred und Erna Döblin ließen sich 1957 an der Seite ihres Sohnes in Housseras beisetzen.

Der Dokumentarfilm führt an die wichtigsten Schauplätze dieser verhängnisvollen Irrfahrt zwischen Deutschland und Frankreich. Er zeichnet mit Hilfe der Aufzeichnungen und Korrespondenzen Wolfgang Döblins, der Aussagen seiner Brüder und anderer Zeugen, die ihn als Student und Soldat gekannt haben, die fatale Verkettung von Entscheidungen, Fügungen und Ereignissen nach, die den 25-Jährigen schließlich in eine ausweglose Situation brachten. In den Film kommen auch andere zu Wort zwei Brüder Wolfgang Döblins, darunter der Ende 2005 verstorbene Claude Doblin die Pariser Mathematiker und Berichterstatter der Académie des Sciences Prof. Bernard Bru und Prof. Marc Yor sowie Zeugen des Geschehens in Housseras während der Kapitulation im Juni 1940.

Döblins Schaffen, vor allem die Recherche zu diesem einzigartigen Fall, ist spannender als jeder Krimi. Insider wussten seit jeher, dass Wolfgang Doeblin an die 30 wissenschaftliche Arbeiten geschrieben hat – und das in nur vier Jahren von 1936 bis 1940. Aber auch für sie stellt das so spät entdeckte Manuskript eine wissenschaftliche Sensation dar. Warum aber wurde es erst im Jahre 2000 geöffnet?

Fazit: nicht nur für Schule, Wissenschaft und Forschung ein engagierter und sorgsam recherchierter Doku-Film, der nebenbei fatale deutsche Kriegsgeschichte erhellt. Ein good Movie par Excellenze.

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Text: Jean Lüdeke

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