Der Prozess

Beklemmende Wahrheiten und Hintergründe über das Verfahren gegen 13 Tierschützer wegen Beteiligung an einer kriminellen Organisation offenbart der Dokumentarfilm "Der Prozess" von Gerald Igor Hauzenberger, der am Freitag in den österreichischen Kinos anläuft. Alle Spielzeiten auf einen Blick

Im vergangenen Mai wurden alle Angeklagten nach 14 Prozessmonaten freigesprochen, die Staatsanwaltschaft kündigte aber bereits tags darauf Berufung an – worauf auch der Film an seinem Ende hinweist und somit einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

“Der Prozess”, bei der heurigen Viennale als beste österreichische Doku preisgekrönt, startet mit Einblicken in die Arbeit der Tierschützer, zeigt auch, wie sie dabei attackiert werden und mit der Polizei in Kontakt kommen. Auch das Filmteam stößt auf wenig Gegenliebe, mehrfach wird die Zerstörung der Kamera angedroht, die Polizisten warnen in “Wir dürfen alles”-Manier vor der Beschlagnahmung. In diesen Szenen stellen sich Film und Zuseher automatisch auf die Seite der Aktivisten. Bilder von angeschossenen und verendenden Tieren, von lachenden Jägern, die noch zuckende Tiere an den Hinterbeinen hochhalten, werden die meisten Menschen wohl nicht kalt lassen.

Einige der Angeklagten nehmen ausführlich Stellung, geben Einblicke in ihr Leben. Nicht jeder Zuseher wird sich mit den Hardcore-Tierschützern und ihren Einstellungen anfreunden können, zu befremdend mag deren Lebensweise auf den Durchschnittsbürger wirken. Ausschnitte aus selbst gefilmten Videos von den nach den Hausdurchsuchungen völlig verwüsteten Wohnungen sorgen aber dennoch für Kopfschütteln.

Neben den Tierschützern kommen auch Politiker zu Wort, Amnesty International Österreich-Generalsekretär Heinz Patzelt gibt seine Einschätzung ab, die Linzer Strafrechtsprofessorin Petra Velten erklärt Hintergründe und Entstehung des Verfahrens. Viel Raum nimmt die Kritik am Mafia-Paragrafen 278a ein. Von direkt beteiligter staatlicher Seite wurde dagegen jegliche Stellungnahme verweigert. Weder das Innenministerium wollte etwas zu dem Fall sagen, noch wurden Interviews mit Soko-Mitgliedern genehmigt.

Einzig Claudia Bandion-Ortner, damals noch VP-Justizministerin, fand sich zweimal vor der Kamera wieder. Dabei redet sie über den Sinn des Paragrafen und ausufernden Terrorismus – in der zweiten Sequenz sieht man, wie sie und zahlreiche andere österreichische Politiker, vom damaligen Vizekanzler Josef Pröll (V) bis zum FPK-Chef Uwe Scheuch, sich am Jägerball – also einer von den Tierschützern bekämpften Lobby – vergnügen.

Gut rübergebracht wird die oftmals skurrile und beklemmende Atmosphäre vor Gericht. Dafür wurden die Zeichnungen eines Angeklagten, er ist Künstler, mit verlesenen Gerichtsprotokollen unterlegt. Sie führen dem Zuseher auf drastische Weise vor, wie stupide und nervlich belastend der Alltag bei Gericht gewesen sein muss.

Was vielleicht ein wenig fehlen mag, ist eine erklärende Stimme aus dem Off. Obwohl von den handelnden Personen und durch Texteinblendungen einiges erklärt wird, bleibt die Frage, ob sich auch jene wirklich auskennen, die den Film völlig ohne Vorwissen anschauen – sofern das überhaupt passieren mag. Eines ist “Der Prozess” mit Sicherheit: etwa zwei Stunden dokumentierte Zeitgeschichte, die auch in Zukunft noch für Kopfschütteln sorgen wird.

(APA)

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