Der Gott des Gemetzels

Mit einer Starparade und einer populären Vorlage hat sich der polnisch-französische Regisseur Roman Polanski (78) für seinen ersten Film nach dem gescheiterten Auslieferungsverfahren an die USA zurückgemeldet. Alle Spielzeiten auf einen Blick

Und auch wenn die dialoglastige Adaption von Yasmina Rezas Theaterstück “Der Gott des Gemetzels” über weite Strecken wie ein boulevardeskes Fernsehspiel wirkt, so wird der Wettbewerbsfilm der Filmfestspiele von Venedig doch mit Sicherheit ein großes Kinopublikum begeistern. Dafür sorgen schnelle Wortgefechte sowie die starken Darsteller Christoph Waltz, Kate Winslet, Jodie Foster und John C. Reilly. Ab Freitag im Kino.

In Venedig hat “Carnage”, wie der Film im Original betitelt ist, viel Gelächter und oftmals Szenenapplaus geerntet. Das Kammerspiel stellt zwei bürgerliche Ehepaare in den Mittelpunkt, die nach einem gewalttätigen Vorfall zwischen ihren Söhnen nach und nach ihre eigenen sozialisierten und bemühten Werte- und Moralvorstellungen untergraben. Waltz und Winslet sind dabei als aufgeklärte Liberale bei den bodenständigen Konservativen Foster und Reilly zu Gast, was nicht zuletzt von den politischen Einstellungen, aber auch von den grundsätzlichen lebensphilosophischen Konzepten her eine Menge Zündstoff liefert.

Polanski bettet die zunehmend aggressiver werdende Konfrontation in zwei Szenen ein, die im Brooklyn Bridge Park in New York mehrere streitende Kinder zeigt. Die restliche bitterböse und schwarzhumorige Tragikomödie über bleibt er dagegen eng bei seinen Protagonisten, deren Einstellungen und Ideale immer mehr demaskiert und dekonstruiert werden. Waltz hat als zynischer Anwalt einige starke Szenen zu Beginn des Films, aus dem insgesamt spielfreudigen Cast sticht aber vor allem der komödienerprobte Reilly hervor, der dem vielfach an der Oberfläche bleibenden Kammerspiel immer wieder Augenblicke subversiver Tiefe verleiht.

Insgesamt ist dem Regie-Altmeister mit der routinierten Kinoadaption des Bühnenhits ein Film für Theaterfreunde und Schauspielfans gelungen. Es ist zwar manchmal auch durchaus beeindruckend, wie hier auf engstem Raum sehr filmische Szenenauflösungen gelungen sind, denn schließlich wurde nicht an einem Set, sondern tatsächlich in einem Appartement gedreht. Doch im Wesentlichen fällt auf, wie sehr Polanski sich nach zwei Wochen intensivster Proben auf sein Ensemble und dessen verschiedene Zugänge verlassen kann – inklusive effektvoller Szenen, etwa wenn sich Winslet über den Wohnzimmertisch auf einen Kokoschka-Bildband übergibt.

Die Vergangenheit des Regisseurs, der 1977 eine Minderjährige missbraucht haben soll, von der Schweiz aber schließlich trotz Verhaftung nicht an die USA ausgeliefert wurde, dürfte dagegen weitestgehend kein Thema gewesen sein. “Wenn man einen Anruf von Roman Polanski bekommt, sagt man nicht nein”, konstatierte Winslet. Und Waltz meinte, dass er gelernt habe, “diese Person zu bewundern”. Möglicherweise darf das offene Ende, das Polanski im Gegensatz zur Vorlage wählte, aber ein wenig auf ihn selbst gemünzt werden: Auch wenn in jedem von uns ein trieborientiertes Monster steckt, das jederzeit hervorbrechen kann, so bleibt am Ende doch zumindest die Hoffnung auf Einsicht und die Möglichkeit der Rehabilitation.

(APA)

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