Der Fall Natascha

„Der Fall Natascha - Wenn Polizisten über Leichen gehen“: So betitelte der Wiener Privatdetektiv Walter Pöchhacker sein Buch, mit dem wohl ein neues Kapitel in der endlosen Kriminalstory um eine seit mehr als sechs Jahren verschwundene (damals) Zehnjährige aus Wien-Donaustadt aufgeschlagen wird.

Wie der Nebentitel nur zum Teil vermuten lässt: Die Neuerscheinung ist zu einem Rundumschlag gegen Ermittler, ihre Vorgesetzten, Justiz und Medien geraten. Für erstere wies der Sprecher des Bundeskriminalamts (BK), Major Gerald Hesztera, die Vorwürfe am Dienstag zurück.

Vorwurf der Vertuschung wird laut

Inhaltlich dreht sich das Buch um zwei zentrale Themen. Einerseits geht es um die Grabungen bei einem Schotterteich, die nach Pöchhackers Meinung keine echten Untersuchungen des Erdreichs gewesen seien. In diesem Zusammenhang erhebt er den Vorwurf der Vertuschung.

Dazu BK-Sprecher Hesztera: „Die Ergebnisse, die von den Wiener Ermittlern aus dem Fall gezogen wurden, wurden von Beamten der Kriminalabteilung Burgenland durchgeackert. Die hat auch versucht, neue Ansätze zu finden. Das ist ihnen auch gelungen.“ Jeder dieser Ansätze sei vielversprechender gewesen als der von Detektiv Pöchhacker mit der Grabung bei dem Schotterteich. Dennoch sei auch die Idee des Privatermittlers als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen worden.

Keine Bodenveränderungen fest gestellt

Das fragliche Areal sei schließlich in Netzform abgebaggert worden, so Hesztera. „Es handelte sich dabei um ein wesentlich größeres Gebiet als von Pöchhacker benannt.“ Ein Archäologe habe als Gerichtssachverständiger schließlich festgestellt, dass „der Boden zum tatkritischen Zeitpunkt oder danach nicht verändert worden ist“, sagte der BK-Sprecher. Das habe ein unabhängiger Sachverständiger festgestellt. Die Entscheidung über die Einstellung der Grabung hätten zudem die Staatsanwaltschaft und der U-Richter getroffen, nicht die Ermittler.

Pöchhacker wirft den Kriminalisten weiters vor, sie hätten ihn über einen als Klienten getarnten Beamten observiert. BK-Direktor Haidinger habe Pöchhacker gebeten, ihm den Sachverhalt so schnell wie möglich schriftlich zu übermitteln, so Hesztera dazu. Nachdem das geschehen sei, habe Haidinger die Sache an das Büro für Interne Angelegenheiten (BIA) weitergeleitet. „Das BIA hat eindeutig ermittelt, dass es sich bei dem fraglichen Klienten nicht um einen Polizisten handelt“, erklärte der BK-Sprecher.

Kritikpunkt Dr. Geiger

Hauptziel der Kritik Pöchhackers ist der nunmehrige Leiter der Wiener Kriminaldirektion 1, Dr. Ernst Geiger. Dieser war wegen Urlaubs am Dienstag nicht für eine Stellungnahme erreichbar. „Die Wiener Ermittler haben vielfältige Untersuchungen geführt, es gibt 140 Aktenordner zum Fall Kampusch. Schon daran sieht man, wie sehr sich die Ermittler bemüht haben“, sagte dazu Hesztera. Im Übrigen hätten Geiger und die Kriminaldirektion 1 immer versucht, mit dem Detektiv zu reden. „Es muss aber klar sein: Pöchhacker ist eine Privatperson, und der kann man nicht Akteneinsicht gewähren.“

Natascha Kampusch hatte sich am 2. März 1998 auf den Weg zur Volksschule gemacht und ist dort nicht angekommen. Trotz intensiver Suche in ganz Österreich und sogar in Ungarn fand sich von der pummeligen kleinen Brillenträgerin keine Spur. Öffentlichkeit und Exekutive standen damals unter dem Eindruck des knapp zwei Jahre zuvor aufgeflogenen Dutroux-Skandals in Belgien. Befürchtet wurde, dass die Zehnjährige von einem Kinderschänder entführt worden sein könnte. Zahllose Überprüfungen, die Suche mit Hubschraubern und Grabungen haben bisher keine Spur gebracht.

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