"Der blaue Engel" als Ringelspielfahrt ins Verderben

Rosa Froehlich als Lola und Erwin Steinhauer als Prof. Immanuel Rath
Rosa Froehlich als Lola und Erwin Steinhauer als Prof. Immanuel Rath ©APA
Die Inszenierung "Der blaue Engel" von Herbert Föttinger übersiedelte von den Bregenzer Festspielen zur Saisoneröffnung nach Wien Josefstadt.

“Ich bin die fesche Lola, der Liebling der Saison”, singt die junge Frau. Nach der Premiere von “Der blaue Engel” im Rahmen der Bregenzer Festspiele war gestern, Donnerstag, Abend im Theater in der Josefstadt zu überprüfen, ob diese Behauptung auch für die kommende Saison in Wien gilt. Die Zeichen stehen gut: Katharina Straßer verstand es, als “Künstlerin Rosa Fröhlich” das Publikum für sich einzunehmen. Jubel herrschte aber auch um Erwin Steinhauer als “Professor Unrat”, um Peter Scholz und Sona MacDonald als Varietekünstler und um den Rest des Ensembles.

Andere Akzente

Sich auf einen Vergleich mit den Stars der Filmgeschichte einzulassen, ist nicht ohne Risiko. Aber wie schon bei Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon (in “Some Like It Hot”) gelingt es dem Josefstadt-Team nun auch bei Marlene Dietrich und Emil Jannings sich von den übergroßen Vorbildern zu befreien und für die Diseuse Lola Lola und ihren Verehrer, den Gymnasialprofessor Immanuel Rath eigenständige Interpretationen zu finden. Da liegen naturgemäß die Akzente anders, und das Singen ist Straßers Stärke ebenso wenig wie Steinhauer der aufgeblasene Tugendwächter wirklich liegt. Aber als ungleiches Duo haben sie eine berührende Geschichte von Anziehung und Abstoßung zu erzählen, von Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit und dem Scheitern dieser Träume an der rauen Wirklichkeit.

Carl Zuckmayer, Robert Liebmann und Karl Gustav Vollmoeller hatten Ende der 1920er den Roman “Professor Unrat” von Heinrich Mann von 1904 für Hollywood aufbereitet, Josef von Sternbergs Verfilmung unter dem Titel “Der blaue Engel” wurde ein Riesen-Erfolg, nicht nur für Marlene Dietrich als Lola Lola. Natürlich hat die Handlung seither Staub angesetzt, und weder die sittliche Erregung des Herrn Professors über die Abwege zweier Schüler (Rasmus Borkowski und Ferdinand Stahl sind ganz tadellos aufsässig) ist heute nachvollziehbar noch das gesellschaftliche Verstoßen-Werden, nachdem das “Unratchen” eine Nacht an der Seite der Sängerin verbracht hat.

Dennoch langweilt die alte Geschichte keineswegs. Das liegt auch an der flotten Inszenierung von Herbert Föttinger und der straffen Bühnenfassung, bei der Peter Turrini die Josefstadt unterstützt hat, aber auch an der sich fast ohne Unterlass drehenden, karussellartigen Drehbühne von Ausstatter Rolf Langenfass, in der die spiralförmige Abwärtsbewegung des zunächst so herrischen, selbstsicheren Professors auch bildlich fassbar wird. Am Ende wird er von Zauberkünstler Kiepert (angemessen ruppig: Peter Scholz) auf der Bühne als dummer August böse vorgeführt. Und die Lieder, die Katharina Straßer als Lola – unterstützt von Bela Koreny am Piano – vor dem zerschlissenen roten Vorhang anstimmt, klingen noch gebrochener als zu vor.

Wer von Filmadaptionen in den Wiener Theatern noch nicht genug hat, bekommt schon bald weiteren Nachschub: Am Volkstheater, wo jüngst eine Almodovar-Adaption nicht wirklich überzeugte, versucht man sich im Dezember an Woody Allens “Purple Rose Of Cairo”.

http://www.josefstadt.org

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