Depression: Das Leben wird für immer mehr Menschen düster

Immer mehr Menschen fühlen sich wertlos und sehen keine Zukunft mehr: Bis 2020 wird die Depression laut Experten zu den am weitesten verbreiteten Krankheiten gehören.

Immer mehr Menschen fühlen sich wertlos und sehen keine Zukunft mehr: Bis zum Jahr 2020 wird die Depression neben Herz-Kreislauferkrankungen laut Experten zu den am weitesten verbreiteten Krankheiten gehören. Bei den Spitals-Aufenthalten liegen psychische Erkrankungen in Österreich bereits an zweiter Stelle. Mindestens jeder Vierte ist einmal in seinem Leben betroffen, sagte der oberösterreichische Psychiater Werner Schöny, Obmann von „promente Austria”, am Mittwoch bei einer von zwei Presseveranstaltungen zum Thema seelische Gesundheit in Wien.

An Depressionen leiden hier zu Lande rund 400.000 Menschen, informierte Siegfried Kasper von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Krankheit, bei der im Gehirn fast doppelt so viel des Stresshormons Cortisol ausgeschüttet wird als normal, komme praktisch in allen gesellschaftlichen Schichten vor,
sagte er bei einem Expertengespräch in Wien-Alsergrund. Dennoch gebe es Personen, die von psychischen Erkrankungen besonders bedroht sind, erörterte Schöny bei einer zweiten Pressekonferenz in der Innenstadt: Randgruppen, Migranten, Frauen, junge sowie allein stehende ältere Menschen. Armut, Einsamkeit oder Arbeitslosigkeit seien weitere Risikofaktoren.

Vor allem Jugendliche seien zu einem immer höheren Prozentsatz betroffen, so Schöny. Suizid rangiere unter den häufigsten Todesursachen bei jungen Menschen. Generell gebe es in Österreich mehr Tote durch Suizid (2005: 1.392) als durch Verkehrsunfälle (768). Die Selbsttötungsrate sei von 1950 bis 1995 um 60 Prozent gestiegen. Experten befürchten weitere dramatische Anstiege. Mitschuld am Vormarsch psychischer Erkrankungen habe etwa ein steigender Druck in der Arbeitswelt bei gleichzeitig immer weniger Sicherheiten: Partnerbeziehungen und Familien werden fragiler, sagte Alfred Pritz von der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. Die soziale Unsicherheit sei groß. Man könne nicht mehr auf stabile Strukturen vertrauen, was zu einem Isolationsgefühl führe. Der Beschleunigung des Lebens und den neuen Anforderungen, die daraus entstehen, seien Viele nicht gewachsen, meinte Schöny. Derzeit suchen monatlich rund 10.000 bis 15.000 Menschen Rat und Hilfe auf der Internetseite http://www.depression.at, berichtete Geschäftsführer der Plattform, Christian Mate. Insgesamt seien 85 Prozent der User selbst Betroffene. Mehr als die Hälfte habe zwar psychische Probleme, befinde sich jedoch noch nicht in Behandlung. Depressionen nehmen seit 1950 jährlich zu, das Interesse an den Erkrankungen werde gleichzeitig weniger, kritisierte Kasper. Patienten hätten zudem mit Stigmatisierung zu kämpfen, betonte Robert Schlögel vom Gesundheitsministerium. Man wolle nun eine Antidiskriminierungskampagne starten, damit psychische Probleme als organischen Beschwerden gleichwertig betrachtet werden, kündigte er an.

Das selbe Ziel – eine Aufwertung der psychischen Gesundheit – verfolgt auch die erste Mental Health Europe-Konferenz von Donnerstag bis Samstag in Wien. Mehr als 200 internationale Experten aus Wirtschaft, Politik und Medizin diskutieren Strategien zur Förderung psychischer Gesundheit im Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz. „Wir wollen, dass jedes Land in Europa einen nationalen Plan für die seelische Gesundheit hat”, sagte die Präsidentin von Mental Health Europe (MHE) Malgorzata Kmita. „In Österreich gibt es von Seiten des Gesundheitsministeriums erste Ansätze”, meinte Karl Dantendorfer, von Pro Mente Wien und Burgenland. Eine bundesweite Strategie fehle aber noch.

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