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Das "Wunder von Wien" soll Cordoba ablösen

Alles ist angerichtet für ein Fußball-Spiel, das Österreich in einer wohl seit Jahrzehnten nicht dagewesenen Form in seinen Bann ziehen wird.

Zwar sorgt ohnehin jedes Duell zwischen der ÖFB- und der DFB-Auswahl zumindest in der Alpenrepublik für überschäumende Emotionen, die spezielle Ausgangsposition verleiht der abschließenden Partie der EURO-Gruppe B am Montag in Wien aber eine ganz spezielle Brisanz.

Mit einem Sieg gegen Deutschland stünden die als größte Außenseiter der EM-Geschichte gestarteten Österreicher voraussichtlich im Viertelfinale der Heim-EM und hätten in diesem Fall den großen Rivalen aus dem Turnier geworfen – dieses Szenario würde das oft beschworene 3:2 bei der WM 1978 in Cordoba locker in den Schatten stellen.

Bei einem vollen ÖFB-Erfolg hätte der Cordoba-Mythos wohl endgültig ausgedient, was Teamchef Josef Hickersberger begrüßen würde. Der 60-Jährige war zwar selbst Mitglied jener legendären ÖFB-Equipe von 1978, will aber mit den Geschehnissen im “argentinischen Kaff”, wie er es noch vor wenigen Monaten genannt hatte, nicht mehr konfrontiert werden. “Ich rede sowieso nicht von Cordoba, ich werde nur immer danach gefragt.”

Seiner Meinung nach war das 3:2 vor 30 Jahren für die Entwicklung des österreichischen Fußballs sogar kontraproduktiv, “weil dann maßgebliche Herren und Funktionäre geglaubt haben, dass es jedes Jahrzehnt einen Krankl, Prohaska, Pezzey oder Schachner geben wird und zu wenig in den Nachwuchs investiert haben”.

Erst seit einigen Jahren wird laut “Hicke” wieder mehr auf die Junioren Wert gelegt. “Jetzt sind wir vielleicht sogar auf einem besseren Weg als vor 30 Jahren, auch wenn wir im Moment nicht so gute Individualisten haben.”

Wenn auch die großen Persönlichkeiten fehlen – das “Wunder von Wien” traut Hickersberger seinen Schützlingen allemal zu. “Das ist ein Endspiel und wir sind Außenseiter, aber wir haben die Unterstützung aller österreichischen Fußball-Fans. Daher sind wir gegen Deutschland glaube ich nicht chancenlos. Wenn wir so eine Leistung wie gegen Kroatien und Polen auch gegen die Deutschen bringen, wird es auch für sie schwierig”, prophezeite der Niederösterreicher, nach dessen Angaben in den Tagen vor dem Match vor allem die ÖFB-Mentalbetreuer gefragt sein werden. “Jetzt kommt es bei den Spielern darauf an, die Köpfe frei zu bekommen.”

Die geistige Frische soll einen Beitrag dazu leisten, dass am Montagabend im Wiener Happel-Stadion Geschichte geschrieben wird. “Wir wissen, dass es uns nur alle heiligen Zeiten gelingt, gegen Deutschland zu gewinnen, so zum Beispiel 1978 in Cordoba oder 1986 bei der Stadioneröffnung in Wien. Jetzt bei der EM wäre wieder so eine historische Gelegenheit. Dennoch gehe ich davon aus, dass Deutschland in diesem Spiel der Favorit ist, aber wir ein etwas kleinerer Außenseiter als vor der EM sind”, sagte der 60-Jährige.

Von einem “Duell auf Augenhöhe” könne man aber trotz des ÖFB-Aufschwungs und des jüngsten Rückschlags der DFB-Auswahl beim 1:2 gegen Kroatien aber nicht sprechen. “Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Deutschen verschlechtert haben. Ein Spiel gegen Kroatien kann man verlieren.” Der positive österreichische Trend sei jedoch nicht von der Hand zu weisen. “Wir sind zuletzt sukzessive besser geworden und haben das Gefühl, dass wir nicht das Kanonenfutter sind, als das wir bezeichnet worden sind.”

Hickersberger wurde dennoch nicht müde, die haushohe Favoritenrolle des dreifachen Welt- und Europameisters zu betonen. “Die Deutschen haben gegen Kroatien schlecht gespielt, aber wer sie kennt, weiß, mit welcher Einstellung sie am Montag aufs Feld laufen werden. Das werde ich auch den Spielern sagen”, betonte der 60-Jährige und wies darauf hin, Österreich habe “bisher noch gar nichts erreicht”. Außerdem ist der Druck auf die Deutschen laut “Hicke” auch nicht höher als anderswo. “Der ist in allen Ländern auf alle Nationalspieler und Teamchefs groß.”

Mit einem Fehlgriff des seit Monaten unsicheren und deshalb in der Kritik stehenden DFB-Goalies Jens Lehmann will der Coach nach eigenen Angaben erst gar nicht spekulieren. “Ich habe großen Respekt vor ihm. Er hat eine der schwierigsten Aufgaben, die es in Deutschland gibt, nämlich der Nachfolger von Oliver Kahn zu sein”, sagte “Hicke”, der den Schlussmann von jeglicher Schuld beim zweiten kroatischen Treffer freisprach. “Ich halte ihn noch immer für einen der besten Torhüter. Wir haben keine Gedanken, dass Lehmann einer der Schwachpunkte der deutschen Mannschaft sein könnte.”

Mit dem Alptraum-Szenario konfrontiert, dass ein Sieg über Deutschland bei einem höheren polnischen Erfolg über Kroatien wertlos sein könnte, gab sich Hickersberger gelassen. “Das wäre ein riesiger Erfolg für den polnischen Fußball, den ich in erster Linie Teamchef Leo Beenhakker sehr gönnen würde.” Er habe den Niederländer in den vergangenen Monaten persönlich kennen- und schätzengelernt, von dessen Fähigkeiten als Trainer sei er ohnehin schon seit Jahren überzeugt.

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