Dänemark: Proteste trotz Entschuldigung

Die dänischen Moslems haben die Entschuldigung der Zeitung „Jyllands-Posten“ für den Propheten Mohammed zeigende Karikaturen als nicht ausreichend bezeichnet. Pressestimmen

Die islamische Glaubensgemeinschaft in Dänemark hatte die Erklärung der Zeitung am Dienstag zunächst begrüßt. Nach einem Treffen von 27 islamischen Gruppen hieß es jedoch, die Formulierung sei nicht eindeutig. „Es ist keine klare Stellungnahme, in der die Zeitung sich für ihre Beleidigungen entschuldigt und zu ihnen steht“, sagte Sprecher Ahmed Akkari.

Die Zeitung hatte sich am Montagabend auf ihrer Web-Site für die Karikaturen entschuldigt. Der Chefredakteur von „Jyllands-Posten“, Carsten Juste, erklärte, die Zeichnungen hätten nicht gegen dänische Gesetze verstoßen, aber unzweifelhaft viele Moslems beleidigt. Bei ihnen wolle man sich entschuldigen.

Die Büros der „Jyllands-Posten“ in Kopenhagen und im Westen Dänemarks wurden am Dienstagabend geräumt, nachdem ein Anrufer vor Bomben gewarnt hatte. Die Polizei durchsuchte die Gebäude, fand aber keine Sprengsätze. Im Internet riefen irakische Aufständische ihre Anhänger zu Anschlägen in Dänemark und Norwegen auf.

Eine der Karikaturen zeigt Mohammed mit einem Turban in Gestalt einer Bombe samt brennender Zündschnur. Auf einer weiteren Zeichnung hat er ein Schwert in der Hand. „Jyllands-Posten“ veröffentlichte sie bereits am 30. September; eine norwegische Zeitung druckte sie im Jänner nach. Bereits seit Tagen gab es deswegen Proteste in mehreren islamischen Staaten.

Kopenhagen bemüht sich um Beruhigung

Nach den weltweiten Protesten aufgebrachter Moslems wegen der Veröffentlichung von den Propheten Mohammed zeigenden Karikaturen in dänischen Zeitungen ist die Regierung in Kopenhagen um eine Beruhigung der Lage bemüht. Der dänische Außenminister Per Stig Moller bestätigte am Dienstagabend nach seiner Rückkehr von der Afghanistan-Konferenz in London, dass er dort mit Kollegen aus vier arabischen Ländern über Möglichkeiten zur Beilegung der Krise gesprochen habe. Namen wollte er aber nicht nennen. „Wir waren uns einig, dass es eine langer Prozess wird, weil es so viel Zorn auf den Straßen gibt“, sagte Moller.

Auch nach der Entschuldigung der Zeitung „Jyllands-Posten“ für die Kränkung religiöser Gefühle durch die Mohammed-Karikaturen gingen die Straßenproteste in der islamischen Welt am Dienstag weiter. In Tunis verlangten 17 Außenminister der Arabischen Liga von Dänemark die Bestrafung der Verantwortlichen für die Zeichnungen.

Der dänische Regierungschef Anders Fogh Rasmussen kündigte eine umfassende diplomatische Initiative zur Beruhigung in den islamischen Ländern an. Er äußerte die Hoffnung, dass es nach der von ihm ausdrücklich begrüßten Entschuldigung durch die Zeitung nicht zu den angedrohten Boykottaktionen gegen Dänemark in der islamischen Welt kommen werde.

Verteidigungsminister Soren Gade teilte mit, dass die 500 im südlichen Irak stationierten dänischen Soldaten wegen einer angeblich von Terroristen ausgestellten „Fatwa“ in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden seien. Aus dem Irak wurden am Dienstag auch erstmals gegen Dänemark gerichtete Protestdemonstrationen gemeldet.

Rasmussen warnte bei einer Pressekonferenz alle Dänen vor Vergeltungsaktionen gegen in dem skandinavischen Land lebende Moslems. Gleichzeitig bestätigte eine Parlamentsabgeordnete der mit Rasmussens Regierung zusammenarbeitenden Dänischen Volkspartei (DVP), dass sie eine SMS-Kampagne mit Boykottaufrufen gegen islamische Geschäfte in Gang gesetzt habe. Rasmussen meinte, Zuwanderer in Dänemark dürften nicht die Leidtragenden des derzeitigen Konfliktes werden.

Bei einer Umfrage des Fernsehsenders TV2 erklärten 49 Prozent der befragten Dänen und damit eine klare Mehrheit, dass sie führende Moslems in ihrem Land für die Hauptverantwortlichen am Konflikt um die Zeichnungen halten, weil sie Proteste in andere Länder getragen hätten. 28 Prozent machten die Zeitung „Jyllands-Posten“ verantwortlich, die die Karikaturen veröffentlicht hatte. Zehn Prozent nannten arabische Regierungen, neun Prozent die dänische Regierung.

Proteste gehen weiter

Ungeachtet der Entschuldigung der Zeitung „Jyllands-Posten“ für die Kränkung religiöser Gefühle dauern die anti-dänischen Proteste in der arabischen Welt an. In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa protestierten am Mittwoch zehntausende Frauen gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen. Wütende Studentinnen verbrannten dänische Fahnen und riefen zum Boykott dänischer Produkte auf.

Nach Polizeiangaben beteiligten sich rund 80.000 Frauen an der Protestaktion. Die Veranstalter sprachen von 150.000 Teilnehmerinnen. 17 arabische Staaten forderten von Kopenhagen eine Bestrafung der Verantwortlichen für die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands-Posten“. „Wir verurteilen, was von der dänischen Zeitung veröffentlicht wurde, da es die Religion des Islams und ihren hochgelobten Propheten beleidigt“, erklärten die Innenminister der der Arabischen Liga in Tunis.

„Jyllands-Posten“ erklärte unterdessen den von ihr betriebenen „Kampf um die Meinungsfreiheit“ durch Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen für verloren. Chefredakteur Carsten Juste sagte: „Ich muss zutiefst beschämt zugeben, dass die anderen gewonnen haben.“ Mehrere europäische Zeitungen druckten die von „Jyllands-Posten“ veröffentlichten Karikaturen zum Teil auf der ersten Seite nach.

Dänische Polizei bereitet sich auf Proteste vor

Im Konflikt um Karikaturen des Propheten Mohammed in der Tageszeitung „Jyllands-Posten“ bereitet sich die dänische Polizei auf anti-moslemische Proteste in Kopenhagen vor. Im Internet gebe es Demonstrationsaufrufe mehrerer Gruppen, sagte Vizepolizeichef Kjaergaard Moeller am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Es zirkulierten zudem „Gerüchte“, dass rechtgerichtete Jugendliche Proteste vor dem Rathaus im Stadtzentrum planten. Ein offizieller Antrag auf Genehmigung einer Demonstration liege nicht vor. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Ritzau könnten Jugendliche versuchen, Koran-Exemplare öffentlich zu verbrennen.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) äußerte sich „sehr beunruhigt“ über die Reaktionen der arabischen Regierungen auf die Karikaturen im auflagenstärksten dänischen Blatt „Jyllands-Posten“. Die Empörung und die Forderung, die dänische Regierung müsse einschreiten, seien ein Indiz für das Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit in den betreffenden Ländern, sagte RSF-Chef Robert Ménard AFP. Die arabischen Regierungen „verstehen nicht, dass es eine völlige Trennung zwischen dem geben kann, was eine Zeitung schreibt und dem, was die dänische Regierung sagt“. Dänemark zähle zu den „vier oder fünf Ländern“ mit der größten Pressefreiheit. Alle europäischen Länder müssten sich hinter die Dänen zur Verteidigung dieser Prinzipien stellen.

Anders äußerte sich der Deutsche Journalistenverband (DJV). Ein DJV-Sprecher kritisierte in der „Netzeitung“ den Nachdruck von Mohammed-Karikaturen in deutschen Zeitungen. Entscheidend sei die Ziffer 10 des Pressekodex. Danach seien „Veröffentlichungen in Wort und Bild, die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, mit der Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren“. Deutsche Tageszeitungen hatten am Mittwoch die Karikaturen nachgedruckt. Der Presserat habe in ähnlichen Fällen, in denen allerdings das christliche Empfinden verletzt wurde, bereits Rügen erteilt, sagte der Sprecher.

In Indonesien verurteilte der Generalsekretär des Rats der moslemischen Gelehrten, Ishwan Sam, die Karrikaturen als Ausdruck „westlicher Arroganz“. Diese Beleidigung religiöser Symbole anderer Glaubensrichtungen sei ein Zeichen von „Dummheit“, sagte Sam der amtlichen Nachrichtenagentur Antara. Ein Sprecher des Außenministeriums sagte, „Meinungsfreiheit“ könne keine Entschuldigung sein. Indonesien ist das Land mit der größten moslemischen Bevölkerung. In Malaysia forderte die einflussreiche Moslemische Verbrauchervereinigung die Regierung auf, gegen die Veröffentlichung in Dänemark zu protestieren.

„Jyllands-Posten“ hatte Ende September 2005 zwölf satirische Zeichnungen mit dem Titel „Die Gesichter Mohammeds“ abgedruckt. Darunter war ein Bild, das Mohammed mit einem Turban in Form einer Zeitbombe zeigte. Moslems beklagten, dass die Karikaturen ihre religiösen Gefühle verletzten. Am 10. Jänner druckte die norwegische Zeitung „Magazinet“ die Zeichnungen nach, woraufhin der Streit eskalierte. Der Chefredakteur von „Jyllands-Posten“ entschuldigte sich inzwischen für die Veröffentlichung.

Attacke-Aufruf gegen Zeitungs-Homepage

Aus Wut über die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed wollen Islamisten mit Netz-Attacken den Server der dänischen Tageszeitung „Jyllands-Posten“ lahmlegen. In Diskussionsforen im Internet kursieren Links zu einer arabischen Anleitung für einen solchen Cyber-Angriff, berichtete „Spiegel Online“ am Mittwoch.

„Brüder, heute werden wir, mit Gottes Erlaubnis, damit beginnen, die Website der dänischen Zeitung lahmzulegen, die sich über unseren ehrenwerten Propheten lustig gemacht hat“: Mit diesen Worten beginnt eine arabischsprachige Anleitung für eine Attacke gegen den Server der Tageszeitung „Jyllands-Posten“. Das Blatt hat Muslime auf der ganzen Welt dadurch verärgert, dass es eine als beleidigend empfundene Serie von Karikaturen abgedruckt hat, in der der Prophet Mohammed im Vordergrund steht.

Das Ziel der Cyber-Aktivisten ist es, den Server durch eine „distributed denial of service“-Attacke in die Knie zu zwingen. Das bedeutet, dass der Server durch möglichst viele gleichzeitige Aufforderungen, zu „pingen“, also sich zu melden und seine Existenz zu bestätigen, überlastet werden soll. In der arabischen Anleitung, die offensichtlich spontan zusammengestellt wurde, wird beschrieben, wie dieses Ziel zu erreichen ist.

Auch in islamistischen Diskussionsforen, etwa „al-Hisba“, das von vielen Qaida-Sympathisanten frequentiert wird, brach sich die Wut über die Karikaturen Bahn. „Die deutsche Zeitung ’Die Welt’ hat keinen anderen Weg gefunden, sich mit dem Thema der Bilder vom Propheten zu befassen, als diese Bilder zu verbreiten – auf ihrer Titelseite!“, schrieb ein wütender Teilnehmer. „Wir müssen ihnen Widerstand entgegensetzen, dem ganzen Westen“, lautete die Antwort eines anderen Diskutanten.

„Möge Gott ihre Häuser zusammenstürzen lassen“, schrieb ein weiterer Kommentator. Auch von „französischen Hunden“ war die Rede, weil die Zeitung „France Soir“, genau wie „Die Welt“, einige der Karikaturen nachgedruckt hatte.

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