D: Nachahmer-Risiko nach Amokdrohung

Das angekündigte Massaker am Nikolaustag blieb zwar aus, aber die Aufregung um Amokläufer an deutschen Schulen macht Gewaltdrohungen für Nachahmer noch attraktiver.

Obwohl nicht jeder Folgetäter beabsichtigt, seine Ankündigungen auch umzusetzen, bestehen zwischen vermeintlichen und tatsächlichen Amokläufern durchaus Parallelen: Es ist der Wunsch nach Macht, der die einen zu wilden Behauptungen und die anderen oft in den Tod treibt, wie der Aachener Psychoanalytiker Micha Hilgers erklärt.

„Das ist natürlich ein berauschendes Gefühl, wenn da eine große Polizeiaktion anläuft.“ Wo sonst Unterlegenheitsgefühle und Ohnmacht herrschten, erzeuge die Freude daran, andere in Angst und Schrecken zu versetzen, ein lustvolles Machtgefühl.

Eine Tat wie der Amoklauf des 18-jährigen Schülers in Emsdetten im November habe für diese kleine Risikogruppe eine Modellfunktion, erklärt der Psychoanalytiker. „Nachahmer haben schon mit dem Gedanken gespielt, und für die ist das dann ein letzter Auslöser.“ Wenn erstmal zwei oder drei Amok-Warnungen durch die Medien gegangen seien, werde schnell ein Trend daraus. „Diese Gefahr sehe ich“, betont Hilgers.

Für die meisten Täter reiche die öffentliche Aufregung über ihre Gewaltankündigungen jedoch völlig aus – als Amokläufer im Kugelhagel der Polizei sterben, das wollen sie nicht. „Die Ankündiger versuchen sich zu schützen und genießen lediglich aus dem Verborgenen das Gefühl von Macht“, sagt Hilgers. „Die Ausführer hingegen haben einen immensen Hass auf andere und auf sich selbst und nehmen den eigenen Tod in Kauf. Das ist ein wesentlicher Unterschied.“ Hass und Ressentiments seien bei ihnen ungleich stärker als bei denen, die Amoktaten nur ankündigten. „Es geht um einen finalen Showdown, eine finale Abrechnung mit den subjektiv erlebten Demütigungen einer ungerechten Welt“, erklärt er. „Amokläufer sind immer auch gescheiterte Existenzen“

Das derzeit vor allem Schüler mit Gewalttaten drohen, liegt nach Ansicht des Würzburger Psychologen und Amok-Experten Armin Schmidtke an der großen Beeinflussbarkeit jugendlicher Persönlichkeiten. So, wie junge Menschen eher Popstars nachliefen, identifizierten sie sich auch leichter mit anderen Amokläufern, erklärt er. Viele Täter hätten zudem eine besondere Affinität zu Waffen und litten an narzisstischen Kränkungen. „Sie werden ausgegrenzt und wollen sich an der Institution und den Mitschülern rächen“, sagt Schmidtke. Besonders in den ersten zehn Tagen nach einem Amoklauf sei die Gefahr von Folgetaten groß.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht zudem in der gesellschaftlichen Polarisierung einen Grund dafür, dass Frustration und Hass bei Schülern in Gewalttätigkeit umschlagen. „Wir produzieren in Deutschland wesentlich mehr Verlierer als andere europäische Länder“ sagte der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen der Hannoverschen „Neuen Presse“. „Es gibt mehr Sitzenbleiber. Und es wird zu wenig getan, um das zu ändern. Amokläufer sind immer auch gescheiterte Existenzen.“

Auch Hilgers fordert, die Gesellschaft müsse sich viel mehr mit problematischen Jugendlichen beschäftigen. Bislang bestehe jedoch ein eklatanter Mangel an Schulpsychologen – wenn sich ein Betreuer an einer großen Schule um tausende Schüler kümmern müsse, sei es fast unmöglich, besonders verschlossene Persönlichkeiten zu erreichen. Als kontraproduktiv kritisiert der Psychoanalytiker aber auch die öffentlichen Reaktionen von Politikern auf Amok-Warnungen: „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Nachahmer haben werden steigt, wenn wir das Thema auch noch hysterisch behandeln.“

Kriminalpsychologe: Langeweile ist Motiv der Trittbrettfahrer

Die meisten Trittbrettfahrer, die nach der Androhung eines Amoklaufs aufgetreten sind, handeln nach Ansicht des Kriminalpsychologen Adolf Gallwitz aus Langeweile, Dummheit und Spaß. „Sie sind genau so normal wie alle anderen. Man darf sie nicht pathologisieren“, sagte Gallwitz in einem dpa-Gespräch am Donnerstag in Stuttgart. Eine wirkliche Gefahr gehe von ihnen nicht aus. Die meisten von ihnen seien ganz normale Jugendliche und junge Erwachsene. „Sie sind diejenigen, die sich mit den zurzeit diskutierten Internetspielen befassen.“ Unter den Nachahmern seien die zahlenmäßig vermutlich am stärksten vertreten.

Der Professor der Polizeifachhochschule Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) nannte drei weitere Kategorien von Trittbrettfahrern: „Der psychisch kranke Trittbrettfahrer wird durch Medienberichte getroffen. Aus dieser Destabilisierung heraus versucht er mit einer falschen Spur heraus zu finden, wie die Gesellschaft, der Staat und die Polizei darauf reagieren.“

Der „machtgestörte“ Trittbrettfahrer sei derjenige, der nichts erreicht habe im Leben. „Er ist ein Looser (Verlierer)“, sagte Gallwitz. Er fühle sich im Leben benachteiligt und wolle durch Vortäuschung von Taten einen großen Wurf landen. Solche Trittbrettfahrer lebten meist unauffällig und zurückgezogen.

Als gefährlichste Kategorie bezeichnete Gallwitz den Trittbrettfahrer mit dem Motiv Rache. „Solche Menschen wollen meist eine Schaden anrichten, sie handeln aus niederen Beweggründen. Diese Gruppe stellt eine große Gefahr dar, wenn sie beispielsweise an Waffen kommt.“

Der Kriminalpsychologe sprach sich dafür aus, die bestehenden Notfallpläne aus der Aktenordnern zu holen und diese in den Schulen mit Leben zu füllen. „Diese Dinge müssen mit den Schülern diskutiert werden.“ Auch sei es dringend notwendig, die Notfallpläne der Polizei und der Schulen aufeinander abzustimmen. „Wir müssen uns überlegen, die gemeinsamen Notfallpläne auch zu üben. Denn das Thema Amoklauf wird uns in Zukunft weiter beschäftigen.“

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