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Coronakrise: Lage für Lehrstellensuchende spitzt sich weiter zu

Lehrstellensuchende stehen Insolvenzen und geringem Stellenangebot gegenüber.
Lehrstellensuchende stehen Insolvenzen und geringem Stellenangebot gegenüber. ©APA/ANDREAS PESSENLEHNER
Die Lage für Lehrstellensuchende spitzt sich aufgrund der Coronakrise weiter zu. Mehr Schulabgänger stehen Insolvenzen und geringem Stellenangebot gegenüber.

In Anbetracht einer sich ausweitenden Lehrstellenlücke und mangelnder Maßnahmen seitens der Politik befürchten die Arbeiterkammer (AK) und die Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ), dass sich die Lage für Lehrstellensuchende im Herbst weiter zuspitzen könnte. Mehr Schulabgänger, Unternehmensinsolvenzen und ein geringeres Angebot an Lehrstellen wegen der Unsicherheit rund um die Coronakrise könnten die Lücke zwischen Lehrstellen-Suchenden und -Angebot weiter vergrößern.

Junge fühlen sich im Stich gelassen

"Wir fühlen uns vergessen, wir fühlen uns im Stich gelassen." Das seien Aussagen, die die ÖGJ derzeit häufig von Jungen höre, sagte die ÖGJ-Vorsitzende Susanne Hofer am Dienstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit AK-Präsidentin Renate Anderl. Es gebe große Probleme bei den Lehrlingen mit Distance Learning und der technischen Ausstattung, aber auch mit mangelnder Vorbereitungsmöglichkeit auf Lehrlingsprüfungen. "Ein Jahr nach der Pandemie muss garantiert sein, dass jeder die Lehrlingsprüfung schafft", so Hofer. Von politischer Seite sei bisher aber nicht ausreichend Unterstützung gekommen. "Ja, Corona hat uns über Nacht überrascht. Aber wir stehen nicht am Beginn einer Pandemie, wir haben jetzt ein Jahr Corona," sagte auch die Präsidentin der Arbeiterkammer (AK) am Dienstag.

Nicht nur die Lehrlinge, auch für Lehrstellensuchende sei die Lage derzeit alles andere als erfreulich. Die AK zählt aktuell 20.825 Lehrlinge ohne Lehrstelle in einem Betrieb. Das seien deutlich mehr als die offiziell kolportierten 6.519 Lehrstellensuchenden, heißt es in einer Aussendung vom Dienstag. Die AK bezieht allerdings auch Lehrlinge in überbetrieblicher Ausbildung und solche, die beim Arbeitsmarktservice (AMS) in einer Schulung sind, in die Zahl mit ein. "Auch die Jugendlichen in Schulungen des Arbeitsmarktservice und in der überbetrieblichen Ausbildung brauchten ja eigentlich eine Lehrstelle in einem Betrieb", heißt es in der Aussendung. Demgegenüber stehen aber nur rund 5.272 offene Lehrstellen, was eine Lehrstellenlücke von 15.553 ergibt.

Diese Lücke habe sich im Laufe der Coronakrise ausgeweitet, so die AK. 2020 lag die Zahl der Jungen ohne Lehrstelle in einem Betrieb laut Angaben der AK bei 20.462 und die Zahl der offenen Lehrstellen noch bei 6.528 (Lehrstellenlücke: 13.934).

Politik habe Lehrlinge stiefmüttlerlich behandelt

Es fehle ein ausreichendes Angebot an offenen Lehrstellen, aber auch die Politik habe die Lehrlinge in der Coronakrise bisher stiefmütterlich behandelt. "Außer einer Lehrlings-Taskforce und dazugehörigen PR-Gags ist seitens der Bundesregierung nichts gekommen. Bildungsminister Faßmann hat überdies die BerufsschülerInnen als SchülerInnen zweiter Klasse behandelt. Sei es beim Fördertopf für Nachhilfe, der für alle SchülerInnen, außer BerufsschülerInnen, vorgesehen ist, der Belieferung der Berufsschulen mit Testkits oder bei der Ausstattung von BerufsschülerInnen mit Laptops für das Distance Learning", kritisiert die AK.

Darüber hinaus könnten viele Lehrlinge wegen der Coronakrise nicht kontinuierlich ausgebildet werden, beispielsweise alle, die in Hotels oder Restaurants eine Ausbildung machen. Die Berufsschule alleine könne dies nicht abfedern, so die Arbeitnehmervertreter. Im Herbst könnte sich die Lage noch einmal verschlimmern, da es mehr Schulabgänger geben könnte, Insolvenzen von ausbildenden Betrieben zunehmen könnten und die Zahl der Lehrstellen-Angebote wegen der Unsicherheit um die konjunkturelle Entwicklung grundsätzlich abnehmen könnte.

AK und ÖGJ fordern ausreichend Ausbildungs- und Qualifikationsmöglichkeiten

Zur Entschärfung der Situation und im Hinblick auf den Herbst, wo sich die Lage zu verschlechtern droht, fordern AK und die ÖGJ ausreichend Plätze in der überbetrieblichen Ausbildung sowie ausreichende Ausbildungs- und Qualifikationsmöglichkeiten im Zusammenhang mit der Ausbildungspflicht bis 18. Zudem wird eine Freistellung vom Betrieb für Lerntage, Unterstützung für die Lehrabschlussprüfung und eine verstärkte Aufnahme von Lehrlingen im öffentlichen Dienst gefordert. Finanziert werden könne dies mithilfe des EU-Wiederaufbaufonds, so die AK. "Die Vorschläge liegen seit dem letztem Jahr auf dem Tisch - man muss nur zugreifen", richtete Hofer einen Appell an die Regierung.

Siemens und WKÖ sehen Lage genau andersherum

Bei Siemens und bei der Wirtschaftskammer (WKÖ) sieht man die Lage am Lehrstellenmarkt genau andersherum. "Wir können derzeit viele Lehrstellen nicht besetzen, weil es zu wenige bzw. nicht die passenden Bewerber für unsere Anforderungen im Bereich der Digitalisierung gibt. Vor allem bei den Bewerbern mit Matura oder den HTL-Abbrechern ist die Zahl stark zurückgegangen", sagte Siemens-Österreich-CEO Wolfgang Hesoun am Montag. Der Grund dafür sei, dass Schüler aktuell trotz einer negativen Note im Abschlusszeugnis ins nächste Schuljahr aufsteigen können sowie der Irrglaube, das die Erfolgschancen einer Bewerbung in der Coronakrise geringer wären.

Dabei biete die Lehre gerade in Zeiten der Krise eine "mindestens dreijährige Jobgarantie, von Beginn der Ausbildung an ein interessantes Gehalt, internationale Einsatzmöglichkeiten, eine zukunftsgerichtete Ausbildung und innovative Ausbildungsmodelle", so Hesoun. Auch WKÖ-Generalsekretär Karlheinz Kopf sieht keinen Mangel an offenen Stellen: "Unsere Betriebe suchen intensiv nach jungen Talenten: Österreichweit sind aktuell um gut 10.000 Lehrstellen mehr als offen gemeldet, als es Bewerber gibt", so Kopf.

Dass die WKÖ die Datenlage anderes sieht als die AK, liegt daran, dass die AK nur die sofort verfügbaren Lehrstellen in ihre Zählung aufnimmt, die Wirtschaftskammer aber auch jene Stellen zählt, die erst in ein paar Monaten frei werden.

Zummer ortet regionale Unterschiede

Es gebe aber auch regionale Unterschiede, sagte Gerhard Zummer, Leiter der Lehrlingsausbildung bei Siemens Österreich. So gebe es in den westlichen Bundesländern zu wenig Bewerber, im Osten - insbesondere in Wien - gebe es jedoch nicht genug Bewerbungen, die den Ansprüchen entsprechen würden. "Wir brauchen junge Leute, die Mathematik beherrschen, die auch Deutsch beherrschen, die affin sind für eine weitere Fremdsprache und das fehlt halt bei vielen Jugendlichen", sagte Zummer am Dienstag im Ö1-Morgenjournal des ORF-Radio. Man suche jährlich rund 100 Lehrlinge bei Siemens, auf diese Zahl kämen rund 3.000 Bewerber.

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(APA/Red)

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