Claus Peymann wird 70 Jahre alt

„Ich verkörpere einen vollständigen Anachronismus und bekenne mich als 68er, als einer, der an die Verbesserung der Welt glaubt“, sagt er von sich. Am Donnerstag wird Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles (BE), 70 Jahre alt.

Zurzeit fühlt er sich als der letzte grosse linke Theatermacher in Deutschland. „Denn alle Anderen beschäftigen sich vordringlich mit ihren Privatgeschichten oder ihren eigenen Neurosen“, begründete Peymann im Gespräch mit der Nahcrichtenagentur DPA.

Autoren wie Thomas Bernhard und Thomas Brasch, Botho Strauss, Peter Turrini, Peter Handke, George Tabori und Elfriede Jelinek gehörten und gehören zu seinen Weggefährten. Furore machte er zuletzt aber weniger mit seinen inzwischen eher klassisch angelegten Inszenierungen.

Für Aufregung sorgt immer wieder sein politisches Engagement: Er zeigte Solidarität mit dem wegen seiner Serbien-Sympathie in der Kritik stehenden Handke und bot dem ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar ein Praktikum am BE an. Zahnarztrechnungen und Globalisierung

Wie damals in den 70er Jahren, als er am Stuttgarter Staatstheater in einer aufsehenerregenden und folgenschweren Aktion Spenden für die Zahnbehandlung von RAF-Häftlingen sammelte, gehe es um den Kampf für eine gerechtere Welt, sagt Peymann. Heute sympathisiere er mit den Globalisierungs-Kritikern von Attac ohne selbst Mitglied zu sein.

Theater müsse sich ernsthaft mit existenziellen Themen auseinander setzen, fordert Peymann und wettert gleichzeitig gegen das „Trash- und Videoclip-Theater“ und die zurzeit populären Dramen- Kurzfassungen.

Mittlerweile frage er sich, ob das Theater überhaupt im Stande sei, „unsere perfekt maskierte politische Realität durchsichtig zu machen? Da fehlen neue Stücke, dafür fehlt uns ein Brecht“, erklärt Peymann. Der Theater-Papst

Claus Peymann wurde am 7. Juni 1937 in Bremen als Sohn eines Lehrers geboren. Er führte zunächst Regie am Universitätstheater in Hamburg, 1966 bis 1969 wurde er Oberspielleiter am Frankfurter Theater am Turm (TAT). 1970 wechselte er zur Berliner Schaubühne, wo er aber nicht mit dem demokratischen Modell des Theaters und dessen Leiter Peter Stein zurecht kam.

1974 bis 1979 war er Schauspieldirektor am Schauspiel Stuttgart, wo er nach seiner RAF-Zahnarzt-Aktion und dem daraus erwachsenen Skandal seinen Vertrag nicht mehr verlängert. 1979 übernahm er die Intendanz am Schauspielhaus Bochum. In seiner knapp siebenjährigen Amtszeit dort begründete er seinen Ruf als Papst der deutschen Theaterszene.

1986 übernahm Peymann die Direktion des Burgtheaters in Wien, 1999 verabschiedete er sich in Richtung Berlin, wo er bis voraussichtlich 2009 die Geschicke des von Bertolt Brecht gegründeten legendären Berliner Ensembles leiten wird. Verlorener Biss

Er hat längst Theatergeschichte geschrieben: Mit seinen Heiner- Müller-Uraufführungen und Kleists „Hermannsschlacht“ am Bochumer Schauspielhaus sowie seinen Uraufführungen von Bernhard (wie dem spektakulären „Heldenplatz“ 1988), Handke, Tabori und Turrini.

Kritiker vermissten in den vergangenen Jahren oft Peymanns früheren Biss, seinen aufklärerischen Impetus der Inszenierungen der 70er und 80er Jahre. Heute steht für ihn die Arbeit mit den Schauspielern im Mittelpunkt – das Publikum dankt es ihm mit Rekord- Auslastungszahlen.

Natürlich denkt der Theatermacher nicht ans Aufhören. Als vorerst letztes Grossprojekt will er in der Spielzeit 2008/2009 beide Teile von Goethes „Faust“ in einem Zelt auf dem Brecht-Platz inszenieren.

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