"Catch Me If You Can": Umjubelte Premiere in den Wiener Kammerspielen

Rasmus Borkowski (m.) als "Frank Abagnale Jr." und Ensemblemitglieder während der Fotoprobe von "Catch Me If You Can" in den Kammerspielen der Josefstadt in Wien
Rasmus Borkowski (m.) als "Frank Abagnale Jr." und Ensemblemitglieder während der Fotoprobe von "Catch Me If You Can" in den Kammerspielen der Josefstadt in Wien ©APA
In den nach dem Umbau neu eröffneten Wiener Kammerspielen steht derzeit die europäische Erstaufführung eines Broadway-Hits auf der Programm: "Catch Me If You Can". Bei der Premiere gab es begeisterte Standing Ovations.
Eindrücke vom Musical
Umbau der Kammerspiele

Der Inhalt von “Catch Me If you Can” in der Kammerspiele-Version: Es ist eine rundum gefälschte Welt, in der sich der junge Ausreißer Frank Abagnale Jr. bewegt. Der freche 16-Jährige manipuliert im Amerika der 1960er-Jahre Schecks, gibt sich als Pilot aus, später als Arzt, schlussendlich als Anwalt – bis er den Fahndern aufgrund eines fatalen Fehlers ins Netz geht.

“Catch Me If You Can”: Verfilmt mit DiCaprio

Die von Steven Spielberg im Jahr 2002 unter dem Titel “Catch Me If You Can” mit Leonardo DiCaprio verfilmte wahre Geschichte hat es aufgrund ihres Glamour-Faktors 2009 auch als Musical auf den Broadway geschafft. Nun ist das bunte Treiben unter der Regie von Werner Sobotka ziemlich originalgetreu auf der Bühne der soeben renovierten Kammerspiele der Josefstadt als Europäische Erstaufführung zu sehen: Als gut geöltes Kammermusical mit sexistischen Ausrutschern, dass sich die frisch gestrichenen Balken biegen.

Sexismus-Alarm in Kammerspiele-Version

Klar, man befindet sich in den 60er-Jahren. Und ja, das Klischee von männerfressenden Stewardessen und Krankenschwestern hielt sich lange. Und sicher: Auf der Verführbarkeit “der Männer ” und daraus resultierenden Wahnsinnstaten basiert die gesamte Geschichte von “Catch Me If You Can”.

Die kurzberockten Ensembledamen als Stewardessen jedoch schon am Vorplatz der Kammerspiele am Roten Teppich Spalier stehen zu lassen, sie beim Song “Der Nadelstreif ist das, was zählt” mit nichts als Baseball-Trikots und Netzstrümpfen rumhopsen zu lassen und zahlreiche eindeutige Animierbewegungen einzubauen – das muss im Jahr 2013 wirklich nicht sein. Zumal die einzige sich emanzipierende Frau im Stück Franks Mutter ist, die ihren Mann mit dessen bestem Freund hintergeht und schließlich die Scheidung einreicht, was den jungen Frank überhaupt erst dazu veranlasst, das Weite (und neues Glück) zu suchen.

Rasantes, witziges Musical

Das Musical ist nun aber mal das Musical, das Terrence McNally (Buch) und Marc Shaiman (Musik) vor vier Jahren konzipiert haben. Eine zeitgemäße Deutung wäre allein damit zu bewerkstelligen, das Werk nicht auf den Spielplan zu nehmen. Mit “Catch Me If You Can” hat das Theater in der Josefstadt jedoch nun mal beschlossen, das wirklich beeindruckend renovierte Haus wiederzueröffnen. Und womit ginge das besser als mit einem zu erwartenden Kassenschlager?

Und der scheint garantiert: Das Musical ist rasant, bunt und witzig. Es beginnt mit einer spektakulären Verhaftung am Flughafen in Miami und erzählt in Rückblenden, die als Show-Einlagen konzipiert sind, aus dem turbulenten Betrügerleben. Der Song “Live und ganz in Farbe” zieht sich als Motiv und Sinnbild für das aufkeimende Farbfernsehen durch den dreistündigen Abend.

Überzeugend: Rasmus Borkowski als Star

Dass man dieser Geschichte dann doch gerne zusieht, ist vor allem Rasmus Borkowski zu verdanken, der den jungen Aufschneider Frank mit viel Charme anlegt, stimmlich weitgehend überzeugt und auch in nachdenklichen Momenten eine Bühnenpräsenz an den Tag legt, wie man sie bei Musicaldarstellern in stillen Phasen nicht immer zu sehen bekommt. Ihm zur Seite steht als rastloser, etwas tollpatschiger FBI-Agent Martin Berger, der die Ambivalenz zwischen dem Drang nach einem Ermittlungserfolg und zunehmender Sympathie für den Gejagten hervorragend umsetzt.

Regisseur Werner Sobotka schafft es, den großen Bogen ebenso aufrecht zu erhalten wie den Darstellern in kleinen Szenen feine Charakterzüge zu entlocken. So überzeugt das optisch hochpolierte “Catch Me If You Can” (Bühne: Walter Vogelweider) besonders in den Ensemble-freien kleinen Szenen, etwa in Gesprächen zwischen Frank und seinem Vater (Axel Herrig entwickelt sich schmerzhaft authentisch vom Aufschneider zum Verlierer) oder einer Bettszene mit der Krankenschwester Brenda (Lisa Habermann), die das Lügengebäude ins Wackeln bringt, weil Frank sich erstmals verliebt und an Heirat denkt.

Songtexte auf Deutsch überzeugen nicht durchwegs

Einzig die deutschen Übertragungen der Original-Songtexte durch Sobotka selbst hinken an manchen Stellen, was die Sänger ab und zu etwas ins Straucheln bringt. Zeilen wie “Hör auf, rumzuheul’n, das hass’ ich so, aus deiner Nase tropft’s auf mein Sakko” kommen einfach schwer über die Lippen.

Umso leichtfüßiger funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Sängern und den in der Unterbühne versteckten Musikern, die Christian Frank sicher durch den Abend leitet. In den Griff kriegen muss man allerdings noch die Klimaanlage, die an manch ruhigen Stellen ziemlich laut in den Saal bläst und somit ungewollt für ein wenig Flughafen-Atmosphäre sorgt.

Neustart der Kammerspiele gelungen

Nach drei Stunden war klar: Die Kammerspiele haben mit “Catch Me If You Can” einen ruckelfreien Neustart hingelegt, die Landung erfolgte im Getöse der minutenlangen Standing Ovations des Premierenpublikums. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger hat zum Auftakt offenbar auf die richtige Destination gesetzt. Übrigens: Mittlerweile gibt es auch Flugbegleiterinnen in Hosen.

“Catch Me If You Can – Das Musical” in den Kammerspielen
Buch: Terrence McNally
Musik: Marc Shaiman.
Regie und deutsche Übertragung; Werner Sobotka.
Musikalische Leitung: Christian Frank.
Weitere Termine: ab sofort bis zum 3. November, 28. November bis 1. Dezember, 23. Dezember bis 7. Jänner (nicht am 31.12.) sowie 20. Jänner bis 5. Februar.

Karten und weitere Infos zu “Catch Me If You Can” in den Kammerspielen finden Sie hier.

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