"Cabaret" in den Kammerspielen

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"Willkommen, bienvenue, welcome." Mitunter entscheiden schon die allerersten Sätze über Sieg oder Niederlage, Glück oder Pleite. So wusste man Donnerstagabend in den Wiener Kammerspielen bereits nach weniger als einer Minute, dass der Abend nicht danebengehen wird.
Bühne: Cabaret in den Wiener Kammerspielen

Andre Eisermann eröffnete als geheimnisvoller, mit anzüglichen Handgreiflichkeiten bei den antretenden Girls und Boys gleichermaßen aktiver Conferencier die Show und machte sofort deutlich: Die Kammerspiele sind zwar nicht der Kit-Kat-Club, aber auch hier wird das Unterhaltungsgeschäft so professionell betrieben, dass der Vergleich mit einem Welterfolg wie “Cabaret” nicht notwendiger Weise peinlich ausfallen muss.

1966 wurde das Musical von Joe Masteroff und John Kander uraufgeführt (neun Tony Awards), 1972 die Verfilmung durch Bob Fosse (acht Oscars). Und noch immer nehmen einen Songs wie der Opener oder “Money money” von den ersten Takten an gefangen. Eisermann (“Kaspar Hauser”, “Schlafes Bruder”) ist in der gelungenen Inszenierung von Werner Sobotka, an der auch Choreograph Ramesh Nair keinen geringen Anteil hat, eine Idealbesetzung. Er singt ausgezeichnet (man setzt auf elektronische Verstärkung) und trifft auch sonst den richtigen Tonfall zwischen vulgär und charmant.

Christian Frank leitet das quasi im ersten Stock der schlichten und praktikablen Mini-Bühne von Amra Bergman-Buchbinder untergebrachte Mini-Orchester vom Klavier aus und bringt die rechte Stimmung in die traditionsreichen Räumlichkeiten in der Rotenturmstraße, die heuer ihr 100-Jahr-Jubiläum feiern. Ein wenig Staub hat die im Berlin der 1930er Jahre spielende Geschichte um den jungen, amerikanischen Schriftsteller Clifford Bradshaw, der einen Roman schreiben will und dabei von seiner Bekanntschaft mit dem Revue-Girl Sally Bowles und den alarmierenden politischen Zuständen behindert wird, schon angesetzt. Das liegt nicht nur an der sehr zeitbezogenen Handlung rund um die Roaring Twenties und den Tanz auf dem Vulkan, der bald von braunen Massen erstickt werden wird, sondern auch an den beiden Hauptdarstellern.

Martin Hemmer ist ein gehemmt wirkender junger Autor, ein etwas farbloser Nice Guy, dem man schwer abnimmt, mit der schwangeren Sally und einem Kind, das von jedem sein könnte, eine Familie gründen zu wollen. Ruth Brauer-Kvam muss als Sally Bowles gegen Rollen-Vorgängerinnen wie Judi Dench, Ute Lemper, Helen Schneider, vor allem aber gegen den übermächtigen Eindruck antreten, den Liza Minnelli im Film hinterließ. Ruth Brauer-Kvam, die in den Kammerspielen sonst als verliebte Emmi in Daniel Glattauers E-Mail-Romanzen bezaubert und diesmal ihre tänzerischen und sängerischen Fähigkeiten in den Vordergrund rücken kann, liefert quasi die anständige Interpretation einer sich in unanständigem Milieu bewegenden Figur. Sie raucht ununterbrochen, statt verrucht zu sein, ist nett und sympathisch, mehr Verführte als Verführerin. Das bürgerliche, ältere Gegen-Paar mit der Zimmervermieterin Fräulein Schneider (Lotte Ledl lässt leider musikalische Schwächen erkennen) und dem jüdischen Obsthändler Schultz (Kurt Sobotka ist zum Niederknien), das dem Josefstadt-Publikum als Identifikationsfiguren dient, könnte sie eigentlich vom Fleck weg adoptieren.

Nach zweieinhalb Stunden viel Freude, Jubel und Applaus. Keine Sternstunde, aber eine sehr ambitionierte, gut gemachte Produktion. Anständige Unterhaltung in jeder Bedeutung.

“Cabaret” von Joe Masteroff, Musik von John Kander, Gesangstexte von Fred Ebb.
Regie: Werner Sobotka, Choreografie: Ramesh Nair.
Wiener Kammerspiele, Nächste Vorstellungen: 17., 19., 20., 21., 28., 29.9.
Karten: 01 / 42 700 – 300, http://www.josefstadt.org

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