Blutbad in der Secession

Blut. Rot, wohin das Auge blickt. Logisch, denn "Das Auge" - so der Titel der Installation des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn im Hauptraum, die ab Freitag zu sehen ist - sieht nur rot, für alles andere ist es blind.

“Ich wehre mich gegen die Diktatur der Tatsachen”, so Hirschhorn bei der heutigen Presseführung. “Das Auge hat keine Informationen, es bewertet nicht, es sieht nur.” Natürlich ist Blut nicht das einzige Rot auf der Welt, da hängen auch Fahnen, da liegen Cola-Dosen herum, da tragen Schaufensterpuppen grelle Perücken. Aber ein wertungsfreier Blick, der nur rot sieht, muss auf dieser Welt in jedem Fall ein Blutbad anrichten.

Die leuchtend-rote Farbe auf den eingefärbten Schaumstoff-Versatzstücken, die Innereien, Hirnmasse, Schlachtungsreste oder abgerissene Gliedmaßen darstellen, wird aufs Brechreizerzeugendste konterkariert durch jedenfalls echte Fotografien von verstümmelten Leichen, zerrissenen Körpern und herausquellenden Organen, die die Wände pflastern. In der Mitte des eng verschachtelten Horrorspektakels – Hirschhorn nennt die eigens für die Secession gestaltete Arbeit nicht “Installation”, sondern “Skulptur” – verrecken ein Haufen plüschiger Robbenbabys in ihrem eigenen Blut. Tierschutzaktivisten präsentieren auf einem Laufsteg im Zentrum ihre neueste blutgetränkte Pelzkollektion. “Ich finde es sehr interessant, dass Tierschützer so eine starke visuelle Sprache verwenden”, so Hirschhorn. “Ich bin erschüttert, dass man das für Tiere macht, während man Bilder von zerstörten Menschen nicht sehen will.”

Doch Hirschhorn möchte nicht wachrütteln, den Effekt des Ekligen nicht für eine politische Botschaft nutzen. “Es geht nicht um den Irak. Ich will eine Arbeit machen, die darüber hinaus geht. Aber wie kann man das? Das ist mein Problem als Künstler.” Ein “Widerstand gegen die historischen Tatsachen”, ein Verweigern gegen den Informationsgehalt dieser Bilder, eine Reduktion auf das rein Visuelle ist sein Ausweg. “Ich habe dieses Auge erfunden, das nur rot sieht. Es ist nicht mit dem Gehirn verbunden.” Es weiß nicht, ob der Verstümmelte ein Terrorist oder ein Zivilist war, ob menschliche Gewalt oder eine Naturkatastrophe verantwortlich sind für das Schlachtfeld. Es weiß nicht, ob der Wert eines Menschen höher einzuordnen ist, als der eines süßen Tierchens.

Auch über Sinn, Zweck und Hintergründe der übervoll mit roten Versatzstücken – vom Verkehrsschild bis zum Demonstrationstransparent – ausgestatteten Ausstellung soll man am liebsten nicht urteilen, geht es nach Hirschhorn. Keinen Bezug herstellen zur Faktenlage, keine Suche nach Verständnis, sondern ein reines Erleben. Die Botschaft? “Ich möchte einfach, dass die Leute es schön finden”, wünscht sich Hirschhorn. Wie unwahrscheinlich das auch immer sein mag.

Gewollte sozialpolitische Bezüge stellen Ida Rosenberger und Miklos Erhardt in ihren in Galerie und Kabinett ausgestellten Arbeiten her. Beide beschäftigen sich mit den Folgen des Sozialismus im östlichen Nachbarland. Rosenberger zeigt einen Film über die Brücke “Novy Most” in Bratislava, auf der sie ein Porträt dreier Frauen – Großmutter, Tochter und Enkelin – und ihrer Spannungsbeziehung zum Westen gedreht hat sowie Fotoarbeiten über weitere sozialistische Denkmäler in Moskau und Ostdeutschland und ihre heutigen Funktionen. Erhardt präsentiert eine filmische Dokumentation seines zweimonatigen Integrationsversuchs in einem verrufenen Plattenbau in der Peripherie Budapests. Wer sich auf diese sorgfältigen, subtilen Arbeiten einlassen möchte, sollte den Besuch blutbesudelten Hauptraumes allerdings auf danach verschieben.

Thomas Hirschhorn: Auge”, “Miklos Erhardt” und “Ida Rosenberger”

von 5. Juli bis 4. September, Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do 10-20 Uhr,

Secession, Web: http://www.secession.at

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