Blue Valentine

Was passiert  dem vermeintlichen Happy End samt Hochzeit, wenn die Kamera abblendet und der Abspann läuft? Jahre vergehen, der Alltag tritt ein, die Liebe verblasst. So auch bei Dean und Cindy. Was zwischen dem unschuldigen Anfang und dem tristen Ende ihrer Liebe passiert, zeigt uns Regisseur Derek Cianfrance nicht. Hier geht's zum Trailer Alle Spielzeiten auf einen Blick Bilder zum Film

Stattdessen stiftet er mit “Blue Valentine” einen wahrhaftigen Film, der zwischen zwei Zeitebenen viel Interpretationsspielraum lässt und mit Ryan Gosling und Michelle Williams kein stärkeres Gespann hätte finden können. Ab Freitag (11.11.) findet das Film-Juwel mehr als ein Jahr nach seiner Österreich-Premiere bei der Viennale endlich regulär auf die österreichischen Kinoleinwände.

“Wir haben jetzt unser eigenes Lied”, sagt Dean zu Cindy. “Nobody baby but you and me” tönt kratzig aus der Anlage. Ein Moment des absoluten Glücks, in dem nichts als Zuneigung zwischen ihnen zu liegen scheint. Als Dean das Lied Jahre später wieder vorspielt, scheint die Liebe verflogen zu sein. In einer Nacht in einem Themenhotel will Dean das, was einst zwischen ihm und seiner Frau war, wieder aufflammen lassen. Doch Cindy scheint bereits zu kühl, zu distanziert – und entfernt sich ob Deans naiven, fast kindlichen Bemühungen nur noch weiter.

In Rückblenden erfährt der Zuseher, was mit einem Blickaustausch in einem Altersheim begonnen und sich in einer durchwanderten Nacht in New York zu mehr entwickelt hat – und was durch Cindys Schwangerschaft und Deans Bekenntnis, das Kind eines anderen Mannes mit ihr aufzuziehen, die junge Liebe schnell ernst werden ließ. Jahre später ist die Romantik vom mürben Familien-Alltag verdrängt worden. Dean trinkt als Tapezierer sein erstes Bier bereits frühmorgens, Cindy verdient den größten Teil des gemeinsamen Einkommens als Krankenschwester. Konflikte am Frühstückstisch treten anstelle zärtlichen Aneinanderrückens im Bus, verpasste Chancen liegen wie eine Last auf der einst blühenden Romanze.

Regisseur Derek Cianfrance wählt keinen Schuldigen in dem Szenario, spinnt keine großen Dramen, sondern lässt in kleinen Momenten erahnen, was zu dem Bruch geführt hat. Während Dean in seiner Rolle als Vater aufgeht, ist Cindy enttäuscht, dass er nicht mehr aus seinem Potenzial macht. “Wie kann man seinen Gefühlen vertrauen, wenn sie so einfach verschwinden”, fragt die junge Cindy, von der lieblosen Ehe ihrer Eltern desillusioniert. Für Cianfrance ist “Blue Valentine” ein Herzensprojekt – eine von der späten Scheidung seiner Eltern inspirierte Geschichte, die er in 67 Drehbuchentwürfen und in zahlreichen Gesprächen mit seinen Hauptdarstellern weiterentwickelt hat, um dann beim Dreh doch die Dialoge zu verwerfen und improvisieren zu lassen.

Wenn Dean und Cindy sich bei ihrer ersten Nacht in New York ihre “versteckten Talente” offenbaren und sie auf der Straße zu seinem zaghaften Ukulele-Spiel und Gesang steppt, hat Cianfrance vorher einzeln mit ihnen besprochen, was sie tun werden – und sie sich dann gegenseitig überraschen lassen. Vor Streit-Szenen stachelte er sie individuell voneinander auf, gab ihnen Anweisungen, die der jeweils andere nicht kannte. Zwischen denen auf 16 mm gedrehten Szenen bis zur Hochzeit und der mit der RED-Digitalkamera aufgenommenen zwei Tage in der Gegenwart wohnten Gosling und Williams ein Monat lang in einem Haus, drehten mit ihrer entzückenden “Filmtochter” Faith Wladyka Home-Videos, lebten wie in einer Ehe.

Der Hingebung der beiden starken Darsteller, aber auch der einzigartigen Erzählform und der verwackelten, dokumentarhaftigen Kamera ist es zu verdanken, dass “Blue Valentine” so authentisch ist und derart ans Herz geht. Der lieblich melancholische Soundtrack der Indie-Band Grizzly Bear tut sein übriges, um dem Film einen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken. “You always hurt the one you love” singt Dean auf seiner Ukulele. Am Ende stehen zwei Menschen, die irgendwann nicht anders können, als sich gegenseitig zu verletzen – und uns die Realität wahrhaftig vor Augen führen. Auch wenn es wehtut.



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