Biografie mit Anekdotenreichtum

Im Jahre 1967 überrollt die Sexwelle die Bundesrepublik, in Berlin wird der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen, und Eintracht Braunschweig wird Deutscher Fußballmeister.

Im fränkischen Kulmbach stapft derweil ein junger Mann mit auffällig blonden Locken und einer persianergrauen Pelzkappe mit Leninkopf und rotem Stern durch die Gassen – ein Revoluzzer? Nein, bloß Thomas Gottschalk, den noch keiner kennt, mit der neuen Scheibe der Beatles („Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“) unterm Arm.

Woher wissen wir, dass der damals 17 Jahre alte, bereits hoch aufgeschossene Jüngling in dieser Montur als kleiner Bürgerschreck, aber ohne politische Motivation, durch die beschaulichen Kulmbacher Straßen gelaufen ist? Von Gert Heidenreich, dem Autor der Biografie „Thomas Gottschalk“, die am Montag mit einer Startauflage von 100 000 Exemplaren in den Handel kommt. Heidenreich gelang bereits ein Vorabdruck in der „Bild“- Zeitung, und Gottschalk selbst äußerte sich in der „Bild am Sonntag“ zufrieden mit seinem Biografen.

Kein Wunder, denn der 60-jährige Heidenreich kennt den 54-jährigen Gottschalk seit dessen ersten Gehversuchen beim Bayerischen Rundfunk. Der Autor weihte den TV-Helden frühzeitig in seine Pläne ein und erhielt somit die Erlaubnis, mit Gottschalks engsten Vertrauten zu reden: unter anderem auch mit Gottschalks im Juni dieses Jahres gestorbener Mutter Rutila und den Geschwistern Raffaela und Christoph. Somit trug Heidenreich viele wichtige Fakten, Anekdoten und Einschätzungen über den TV-Sunnyboy zusammen. Die kritische Distanz behält Augenreich, ohne aber am Starkult zu kratzen.

Im Gegensatz zu anderen bekannten Persönlichkeiten wie Dieter Bohlen profitiert Gottschalk nicht vom Verkauf des Buches, sagt Heidenreich. Er führt den Leser über die schlesische Herkunft der Eltern über den recht frühen Krebstod seines Vaters, seine ersten Karriere-Klimmzüge bis zum entscheidenden Gespräch zwischen Anwalt Peter Schmalisch, „Wetten, dass…?“-Erfinder Frank Elstner und Gottschalk im Jahre 1987, als der damals 37-Jährige den Vertrag für die Moderation des ZDF-Zugpferdes unterschrieb. Thematisiert werden aber auch die Tiefpunkte seiner Laufbahn – die Auseinandersetzungen mit RTL-Chef Helmut Thoma, der nach der Absetzung von Gottschalks teurer Late-Night-Show bei RTL raunzte: „Der Parasit hat den Wirt verlassen.“

Der Einblick reicht bis ins aktuelle familiäre Umfeld des Showmasters. Heidenreich erläutert, warum Thea und Thomas Gottschalk ihren zweiten Sohn Tristan adoptierten, und er lässt die öffentlichkeitsgeplagte Thea zu Wort kommen, die keine Lust auf große Auftritte hat. Weil die „Bunte“ das Privatleben kaputt schrieb, gab Gottschalk dem Burda Verlag einst seine Bambis zurück – vor zehn Millionen Zuschauern demonstrativ im TV. Freund und Wegbegleiter Günther Jauch durfte die Trophäen in einer ZDF-Show aus Gottschalks Hand entgegennehmen.

Die Frage, wie lange Gottschalk noch „Wetten, dass…?“ moderieren wird, bleibt auch im Buch offen. Das Beziehungsgeflecht mit seinem Beraterstab und Bruder Christoph und die Werbeverträge machen ein Entrinnen schwierig.

Gert Heidenreich: „Thomas Gottschalk“, Deutsche Verlags-Anstalt, 20,50 Euro, ISBN 3-421-05818-0

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