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Bilder des Grauens in Westindien

Nach dem Massaker gaben Hindus den Moslems die Schuld an der Eskalation der Gewalt. Männer, Frauen und Kinder fielen Anschlägen zum Opfer.

In den Straßen liegen bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leichen, daneben türmen sich zerfetzte Kleider, Schuhe und zertrümmerte Motorräder. Mehr ist nicht geblieben von den wenigen moslemischen Familien, die noch 24 Stunden zuvor inmitten ihrer hinduistischen Nachbarn lebten. 52 Männer, Frauen und Kinder fielen in dem Elendsviertel Naroda bei der westindischen Stadt Ahmadabad Brandanschlägen nationalistischer Hindus zum Opfer.

Nach dem Massaker gaben Hindus den moslemischen Einwohnern die Schuld an der Eskalation der Gewalt. Der frühere Kongressabgeordnete Ahsan Jaffrey, ein Moslem, habe davor von seinem Balkon aus Warnschüsse auf rund 200 Hindus abgegeben, sagte der 48 Jahre alte Babu Lal am Freitag. Dabei seien drei Menschen verletzt worden, und es sei Panik ausgebrochen. Randalierende Hindus zündeten muslimische Häuser, Geschäfte und Hotels an; bis zu 38 Menschen verbrannten, viele von ihnen im Schlaf. „Wenn Jaffrey nicht geschossen hätte, wäre es nie so weit gekommen“, sagte Lal der Nachrichtenagentur AP.

Das Elendsviertel Chamanpura, in dem der von Moslems bewohnte Komplex Naroda liegt, gehört zu den westindischen Gebieten, in denen Muslime eine Minderheit bilden. Sie bewohnten in dem Viertel ganze zwölf Appartements und waren an allen Seiten von ihren rund 100.000 hinduistischen Nachbarn umgeben. Jahrzehntelang lebten sie weitgehend friedlich nebeneinander.

Auslöser des Blutbads war ein Brandanschlag von Moslems auf einen Zug, bei dem am Mittwoch in Godhra 58 Hindus umgekommen waren. Seitdem ziehen hinduistische Banden plündernd und brandschatzend durch Ahmadabad, die größte Stadt des Unionsstaates Gujarat. Im gesamten Staat wurden bei Unruhen laut Regierungsangaben bislang 251 Menschen getötet.

Der seit zehn Jahren andauernde Streit entzündete sich an einem Plan radikaler Hindus, in Ayodhya über einer ehemaligen Moschee einen Tempel zu errichten. In der nordindischen Stadt haben sich inzwischen fast 20.000 Hindus versammelt, die am 15. März mit dem Bau beginnen wollen. Mehrere tausend Sicherheitskräfte wurden nach Ayodhya verlegt, nachdem die Polizei eine Terrorwarnung der muslimischen Guerillaorganisationen Lashkar-e-Tayyaba erhalten hatte.

Die Sicherheitskräfte errichteten am Donnerstag Straßensperren, um die Einreise weiterer radikaler Hindus zu verhindern. Sämtliche Züge wurden umgeleitet und Schulen geschlossen. Die Hindus in Ayodhya wollen trotz der Unruhen an ihrem Bauvorhaben festhalten. „Wir haben zwar Angst vor einem Anschlag“, sagte Rama Batiben aus Gujarat. „Aber das hat unseren Willen, den Tempel zu bauen, nur gestärkt.“

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