Bereits 150 Tote in Ägypten - Erneut Protest tausender Demonstranten

Nach der politischen Revolte droht Ägypten in Anarchie zu versinken: Plünderer, Brandstifter und Räuber terrorisieren die Bevölkerung in vielen Landesteilen.
Armee übernimmt die Kontrolle
Die Akteure in Ägypten
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Angst nach Plünderungen
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Sender Al-Jazeera abgestellt
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Tausende Häftlinge geflohen
Lage in Kairo am Morgen ruhig
Berichterstattung aus Ägypten
Iran unterstützt Proteste in Ägypten
Fast 100 Tote in Ägypten
Keine Österreicher verletzt
Soleiman Ali für Rücktritt Mubaraks
Schwere Unruhen halten an
Polizei geht gegen Kundgebung vor

Die Zahl der Toten bei den Unruhen stieg am Sonntag auf mindestens 150. Neue Opfer gab es seit der Nacht zum Sonntag vor allem in mehreren Gefängnissen außerhalb Kairos, aus denen Häftlinge ausbrachen, wie arabische Nachrichtensender berichteten. Dabei wurden auch Brände gelegt, bei denen mehrere Menschen starben. In den Straßen der ägyptischen Hauptstadt Kairo forderten am Sonntag erneut tausende Menschen den Rückzug der politischen Führung unter Präsident Hosni Mubarak. Die Reisewarnung des Außenamts für ganz Ägypten bleibt weiter aufrecht.

Außenamtssprecher Peter Launsky-Tieffenthal sprach von einem “Sicherheitsvakuum” in Ägypten. Die Nachfrage nach Rückflügen aus Ägypten nach Österreich sei insbesondere von Österreichern, die sich in Kairo und den nördlichen Städten des Landes aufhielten, gestiegen und man versuche konkrete Hilfe und Flugplätze anzubieten. Mittlerweile seien drei heimische Unterstützungsteams in Kairo, Hurghada und Sharm el-Sheikh im Einsatz. Sie würden etwa Österreicher, die in Not geraten, unterstützen. Die österreichische Botschaft in Kairo “hat keine Probleme”, so Launsky-Tieffenthal. Sie ist “funktionsfähig”.

Die Austrian Airlines (AUA) als auch Flyniki haben ihre für Sonntag geplanten Ägypten-Flüge wie geplant durchführen können. Die AUA legte einen Vormittagsflug zeitlich vor. Für den Vormittagsflug hat die AUA auch eine größere Maschine verwendet, um mehr Touristen zurückholen zu können. “Wir mussten keine Sondermaschinen einsetzen”, sagte Flyniki-Sprecherin Milena Platzer. Über Nacht habe es sechs Charterflüge gegeben, am heutigen Sonntag würden noch drei Maschinen nach Österreich kommen.

Der heimische Mineralölkonzern OMV holt derzeit wegen der Unruhen in Ägypten seinen österreichischen Mitarbeiter und dessen Familie vorübergehend nach Österreich zurück.

Die ägyptische Armee, die seit Freitag in Kairo massive Präsens zeigt, rückte am Sonntag in Teile der Touristenregion Sharm el-Sheikh am Roten Meer ein. Auch in Al-Arisch im Norden der Sinai-Halbinsel hätten Soldaten Stellung bezogen, berichteten Augenzeugen und Sicherheitskreise auf dem Sinai. Sharm el-Sheikh ist bei vielen Urlaubern beliebt, die Lage dort wurde am Wochenende als ruhig beschrieben.

Im Stadtzentrum der Hauptstadt Kairo überwachte das Militär mit Panzern die Straßen, Soldaten fuhren Patrouillen. Zunehmend zu schaffen machen den Menschen Plünderer- und Räuberbanden, die bis in den späten Abend hinein durch die Stadt zogen. Teilweise stellten sich ihnen Bürgerwehren entgegen. Am Rande Kairos machten Straßenräuber Autofahrern zu schaffen. Die Armee nahm bei Einsätzen gegen Plünderer rund 450 Menschen fest. Allein in den Städten Alexandria und Ismailija hätten Soldaten mehr als 250 Kriminelle festgesetzt, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija am Sonntag. Sie sollen vor Militärgerichte gestellt werden.

Angesicht der unsicheren Lage versuchten Hunderte Ausländer, die Millionenstadt zu verlassen. Einige Staaten wie Großbritannien oder die Türkei begannen damit, ihre Staatsbürger aus dem Krisenland auszufliegen. Die US-Botschaft in Kairo hat am Sonntag den Amerikanern nahegelegt, Ägypten so rasch wie möglich zu verlassen.

Trotz Ausgangssperre, die am Sonntag bis 08.00 Uhr Ortszeit galt, wurden selbst Krankenhäuser von Kriminellen angegriffen und ausgeraubt. In einem Krankenhaus im Kairoer Bezirk Abbasija hätten Ärzte Molotowcocktails hergestellt, um das Hospital verteidigen zu können, hieß es.

Unterdessen flohen tausende Häftlingen aus Gefängnissen, darunter Schwerverbrecher und islamistische Extremisten. Nach Informationen des lokalen Fernsehens gelang allein im Gefängnis Abu Saabel, außerhalb Kairos, ungefähr 6.000 Gefangenen die Flucht. Weitere Ausbrüche wurden aus Wadi al-Natrun nördlich von Kairo und aus der Oasenstadt Fajum südlich von Kairo gemeldet. Dort sollen die Häftlinge einen Polizeigeneral getötet und einen weiteren General verschleppt haben.

Ein Augenzeuge berichtete in Kairo, Hooligans hätten bereits am Samstag ein großes Gerichtsgebäude angezündet. Dabei seien auch viele Strafakten von den Flammen vernichtet worden. Nach Angaben der langjährigen Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo, Wafaa el-Saddik, kam es auch in der berühmten Antikensammlung zu Plünderungen und Zerstörungen durch Wachpersonal und Polizisten. Die ägyptische Börse und Banken sollen bis auf weiteres geschlossen bleiben.

Das Büro des arabischen Fernsehsenders Al-Jazeera in Kairo wurde am Sonntag von ägyptischen Behörden geschlossen. Der in Katar beheimatete Sender musste daraufhin seine vom Regime kritisierte Live-Berichterstattung von Brennpunkten der Proteste einstellen. Bereits am Freitag waren die Internetverbindungen in Ägypten gekappt worden. Reporter des Senders lieferten zunächst nur noch Telefonberichte, die der in Katar beheimatete Sender ausstrahlte. In einer Erklärung des Senders wurde die Entscheidung der ägyptischen Behörden als “Zensur der Stimme des ägyptischen Volkes” scharf verurteilt.

Das Land schloss auch seine Grenze zum Gazastreifen bis auf weiteres. Israel verfolgt die Unruhen im Nachbarland mit großer Aufmerksamkeit. “Unser Ziel ist es, die Stabilität zu bewahren und zu gewährleisten, dass der Frieden zwischen uns und Ägypten bei jeder Entwicklung bestehenbleibt”, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanyahu.

Deutschland, Frankreich und Großbritannien riefen die ägyptische Regierung und die Demonstranten zum Gewaltverzicht auf. In einer gemeinsamen Erklärung forderten die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und der britische Premierminister David Cameron den 82-jährigen Mubarak auf, einen Transformationsprozess einzuleiten hin zu einer “Regierung, die sich auf eine breite Basis stützt, sowie freien und fairen Wahlen”.

Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak hatte am Samstag eine neue Führungsriege gebildet, in der Geheimdienst und Militär dominieren. Er ernannte Geheimdienstchef Omar Suleiman am Samstag zu seinem Stellvertreter. Am Sonntag ernannte er für einige Regionen neue Gouverneure und besuchte Armeeeinheiten.

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