Benoit Gratton: "Ich habe schon verletzt gespielt!"

Vienna Capitals Kapitän Benoit Gratton stellte sich den eingesandten Leserfragen. Im Gespräch mit Thomas Muck sprach der Kanadier unter anderem über Francois Fortier, Verletzungen, einen verlorenen Zahn, Zukunftspläne, trash talk und gibt Einblicke in sein Privatleben.

Vienna Online: Benoit, danke das du dich den Fragen unserer Leser stellst. Ist es das erste interaktive Interview in deiner Karriere? Was sind deine Erwartungen?

Benoit Gratton: Ja, es ist das erste Mal in Europa. Ich bin schon sehr gespannt auf die Fragen. Ich finde es toll, dass die Fans eine Möglichkeit haben ihre eigenen Fragen einzusenden und diese gestellt werden.

Vienna Online: Wir haben über 500 Mails mit etwa 2000 Fragen bekommen. Es gibt einige Fragenschwerpunkte. Die Hauptsorge vieler Fans gilt der zweiten Linie. Gemeinsam mit Fortier und Rotter trägt deine Linie momentan das Offensivspiel der Capitals. Woran liegt es aus deiner Sicht? Was muss passieren, dass bei anderen Linien das Tore schießen funktioniert?

Benoit Gratton: (atmet tief durch) Wenn wir in der Saison erfolgreich sein wollen benötigen wir Punkte von anderen Linien. Als Mannschaft arbeiten wir mit Nachdruck daran. Ich persönlich konzentriere mich aber auf meine Linie und die Arbeit die wir auf dem Eis verrichten.

Aber um auf die Frage zurückzukommen. Es ist jetzt falsch einzelne Spieler zu kritisieren. Nimm die Rodman-Brüder zum Beispiel. Sie arbeiten sehr hart auf dem Eis. Im Laufe einer Saison hast du eine Phase wo es nicht läuft. Du kämpfst aber es will dir scheinbar nichts gelingen. Dann beginnst du zu überlegen und der Abwärtstrend geht weiter. Gelingt ihnen ein Erfolgserlebnis stimmt auch wieder das Selbstvertrauen und sie werden für die notwendigen Punkte sorgen. Natürlich fehlt uns auch Cory Larose. Er hat bislang leider großes Verletzungspech. Wir haben aber nicht nur diese drei Spieler mit viel Qualität. Es ist nur eine Frage der Zeit bis einigen Spielern bei uns der Knoten aufgeht und sie sich konstant in die Punkteliste eintragen werden.

Vienna Online: Unsere Leser fragen sich wie es möglich ist, dass ein Tandem wie Fortier und Gratton auf dem Eis erfolgreich sein kann. Muss man sich privat gut verstehen oder was ist das Geheimnis?

Benoit Gratton: Es ist lustig weil wir eigentlich völlig unterschiedliche Charaktere sind. Francois ist eher der ruhige Typ und ich bin doch eher der wortgewaltige (lacht). Ich versuche auch körperlich auf dem Eis präsent zu sein – Francois ist der ruhige der sich auf sein Spiel konzentriert.

Aber es ist kein Geheimnis, dass ich mich mit Francois auf und abseits der Eisfläche sehr gut verstehe. Es ist schon in Hamburg begonnen und es ist kein Geheimnis, dass ich auch mit ihm bei den Capitals spielen wollte.  Ich wusste, dass wir gemeinsam erfolgreich Eishockey spielen werden. Aber es ist schwer zu sagen was das Besondere an der sportlichen Chemie zwischen Francois und mir ist. Er ist ein sehr guter Schütze und hat so einen harten, präzisen Schuss. Francois steht auch immer am Eis auf der richtigen Stelle. Das machte es auch einfach, denn Francois ist ein sehr intelligenter Spieler. Natürlich suche ich ihn auf dem Eis. Vielleicht ist das unser Geheimnis. Aber ich denke wir ergänzen uns einfach extrem gut.

Vienna Online: Wie hoch würdest du persönlich die Wahrscheinlichkeit einschätzen, dass die Capitals heuer Meister werden?

Benoit Gratton: (atmet tief durch) Das ist schwer zu sagen und eigentlich mag es nicht schon jetzt früh in der Saison zu beurteilen. Natürlich ist es unser Ziel Meister zu werden. Aber es ist einfach sehr schwer einzuschätzen. Im Moment haben wir auswärts Probleme unsere Spiele zu gewinnen. Wenn du Meister werden willst musst du die Spiele auswärts gewinnen.

Es gibt so viele Dinge die du im Laufe einer Saison nicht kontrollieren kannst. Wie zum Beispiel Verletzungen. Daher sind solche Prozentsätze extrem schwer auszurechnen und zu beurteilen. Ich weiß es ist eine ausweichende Antwort, aber das ist wirklich praktisch unmöglich zu beantworten.

Vienna Online: Viele Fragen haben wir natürlich über ‚ein gewisses Spiel in Linz’ mit einen ‚gewissen Check’ (Anm.: Linz Verteidiger Lukas wurde für 12 Spiele gesperrt!) bekommen. Du willst dich darüber öffentlich nicht äußern. Daher lass mich die Frage anders stellen. Was würdest du denken wenn du diesen Check in der NHL sehen würdest? Was würde dir dann durch den Kopf gehen?

Benoit Gratton: Das einzige was ich dazu sagen möchte und kann ist, dass du in der NHL wohl deutlich mehr als zwölf Spiele Sperre gesehen hättest. Denn es war ein Check als das Spiel abgepfiffen war. Wenn das Spiel läuft ist es schnell, rassig, hart und du bist auf Checks vorbereitet. Aber so ein Check nachdem abgepfiffen war ist es nicht akzeptabel. Aber gut es gab eine Sperre und daher geht es weiter. Es ist jetzt in der Vergangenheit und jetzt müssen wir alle in die Zukunft blicken und weiter Eishockey spielen.

Vienna Online: Hast du deinen Stil als Kapitän der Capitals geändert? Nach deiner Verletzungspause, nach dem Spiel in Linz, hatten viele Leser den Eindruck du wärst in deinem Spielstil verändert.

Benoit Gratton: Nein, nicht wirklich! Spiele ich nicht mit Feuer und Intensität dann bin ich nicht Effektiv und bin keine Hilfe für die Mannschaft. Überall wo ich bisher gespielt habe war ich immer Leistungsträger weil ich immer in jedem Spiel immer alles gegeben und habe nie meinen Stil verändert. Würde ich nicht so spielen wie ich spiele würde ich wahrscheinlich nicht mehr Eishockey spielen. Würde ich meinen Stil verändern, wäre ich nicht effektiv.

Vienna Online: Nach diesem ‚bewussten Spiel’ in Linz warst du verletzt. Weder du noch die Capitals haben dies offiziell bestätigt. Die Frage eines Lesern bezieht sich auf das Thema Verletzungen. Hast du schon mit Verletzungen gespielt?

Benoit Gratton: Ja, da gab es einige Male wo ich trotzdem gespielt habe. Im Finale der American Hockey League (AHL), dem Calder Cup, hab ich mit einer schweren Schulterverletzung gespielt. Ich hatte vor der Serie schon eine Verletzung die sich in der Serie drastisch verschlechtert hat. Ich konnte meine Schulter im Sommer zwei Monate kaum bewegen. Letztes Jahr hatte ich eine Schulterverletzung die auch sehr schmerzhaft war.

Aber das ist ein Teil des Lebens des Profisportlers. Wenn es um etwas geht, besonders in wichtigen Playoff Spielen spielst du trotzdem – auch mit Schmerzen! Aber das ist jetzt nicht etwas was ‚nur ich’ mache. Schau in die NHL was ein Steve Yzerman gemacht hat oder in der NFL ein Brett Favre. Der spielt mit gebrochenen Knochen in den Beinen oder in den Armen. Warum? Weil er ein Wettkämpfer ist!

Generell gesprochen: als Wettkämpfer nimmst du Schmerzen anders wahr. Jeder Sportler hat schon einmal mit einer Verletzung gespielt. Es gehört dazu zum Leben als Profisportler. Besonders in der Play Off. Da ist jeder gleich und schaltet die Schmerzen weg.

Vienna Online: Ein Thema bei unseren Lesern ist dein verlorener Schneidezahn. Weißt du noch wann du ihn verloren hast?

Benoit Gratton: Das war letztes Jahr vor der Saison bei einem Vorbereitungsspiel. Wenn ich mich richtig erinnere war es bei einem Vorbereitungsspiel in der Slowakei. Es war ein hoher Stock ins Gesicht.

Schon heuer im Sommer habe ich mich darum gekümmert. Wenn ich als Eishockeyspieler aufhöre werden wir eine Krone oder eine andere Lösung finden. Aber solche Sachen gehören zum Spiel dazu. Also für mich ist es keine große Sache.

Vienna Online: Wo siehst du dich selbst in fünf Jahren?

Benoit Gratton: Das ist eine sehr gute Frage! Ich bin jetzt 33 Jahre alt und möchte nächstes Jahr weiter Eishockey spielen. Ich bin jetzt an dem Punkt in meiner Karriere wo ich alles von Jahr zu Jahr entscheide. Schau nie zu weit nach vorne – denn du weißt nie was geschehen kann. Ich bin jetzt einzig und alleine auf die heurige Saison fokussiert. Es kann so viel so schnell passieren. Du weißt nie was geschieht. Fünf Jahre ist ein sehr langer Zeitraum mit so vielen Dingen die du jetzt noch nicht bedenkst oder berechnen kannst.

Vielleicht bin ich dann auch nicht mehr als Eishockeyspieler aktiv. Ich möchte aber auf alle Fälle weiter in dem Sport erhalten bleiben. Vielleicht werde ich Trainer. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Vienna Online: Würde dich eine Laufbahn als Trainer reizen?

Benoit Gratton: Wenn ich als aktiver Spieler zurückgetreten bin werde ich meine Optionen analysieren. Ich kann jetzt noch nicht sagen welche Möglichkeiten ich bekommen werde. Wie gesagt ich würde gerne dem Sport erhalten bleiben und weiter täglich auf dem Eis stehen.

Natürlich ist die Familie in der Planung ein sehr wichtiger Punkt. Es wird immer schwieriger zu übersiedeln. Ich habe das in meiner Karriere einige Male mitgemacht. Die Kinder werden älter. Mal sehen was die Zukunft bringt und in fünf Jahren können wir uns ja über diese Frage noch mal unterhalten.

Vienna Online: Eine häufig gestellte Frage ist wie dein Vertrag heuer mit den Capitals aussieht. Offiziell hast du Vertrag bis zum Saisonende. Kannst du uns hier ein Update geben?

Benoit Gratton: Das ist richtig. Die Capitals haben aber eine Option für die kommende Saison. Ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht wann sie diese aktivieren müssen. Hoffentlich wollen sie mich weiter behalten.

Vienna Online: Klingt als würdest du gerne bei den Capitals bleiben wollen?

Benoit Gratton: Ja, definitiv! Ich liebe die Stadt und die Lebensqualität. Wir haben eine tolle Wohnung gleich neben der Eishalle. Das ist natürlich sehr angenehm. Meine Kinder gehen in eine tolle französische Schule. Ihnen gefällt es hier in Wien und das ist mir als Vater sehr wichtig. Im momentanen Stadion meiner Karriere ist auch wichtig, dass meine Familie abgesichert ist. Das ist hier in Wien definitiv der Fall. Das Gesamtpaket passt für uns einfach perfekt. Das macht es für mich einfach mich auf meinen Beruf als Eishockeyprofi zu konzentrieren.

Vienna Online: Einige unserer Leser haben geschrieben du wärst ein Meister des ‚trash talk’. Welchen Stellenwert hat er aus deiner Sicht im Eishockey und gibt es spezielle Teams oder Gegenspieler auf die du dich freust?

Benoit Gratton: (lacht) Es gibt einige wirklich gute ‚trash talker’ in der Liga. Wie schon gesagt ich bin ein intensiver Spieler der gerne in den Kopf des Gegners kommt. So schaffst du es, dass gute Spieler den Fokus auf das Spiel verlieren. Ich bin so seit ich ein Nachwuchsspieler bin. So spiele ich und so bin ich am besten wenn ich intensiv auf dem Eis bin. Da ist ‚trash talk’ natürlich auch ein Thema. Es gibt wirklich einige in unserer Liga die wirklich sehr gut sind. Ich kann mich im Moment nicht an alle und deren Namen erinnern. Aber ihr könnt mir glauben – es gibt viele Experten  (lacht).

Vienna Online: Ist ‚trash talk’ nur etwas für das Eis oder bist du der Meinung, dass er auch im Fernsehen gebracht werden sollte wenn er von den Mikrofonen aufgezeichnet wird?

Benoit Gratton: Ich bin nicht der Typ Spieler der über andere schlecht im Fernsehen oder zur Presse spricht. Solche Sachen sage ich nur auf dem Eis und dort gehört es auch hin. Ich bin nicht jemand der sich hinter Mikrofone oder anderen Mitspielern versteckt. Ich bin der Meinung solche Sachen gehören nur auf das Eis.

Vienna Online: Eine interessante Frage hat uns zu deiner Familie erreicht. Wie du selbst sagst bist du ein sehr präsenter Spieler. Deine Frau und deine Kinder sind bei praktisch jedem Heimspiel dabei. Wenn du nach einem harten Spiel heimkommst wird dann im Kreise der Familie über das Spiel gesprochen?

Benoit Gratton: Vor zwei, drei Jahren waren meine Kinder noch zu jung um zu verstehen um was es beim Eishockey geht. Aber jetzt wissen sie um was es geht. Sie kennen mich und welche Art Spieler ich bin. Sie wissen wenn ich in ‚Problemen’ bin und natürlich gibt es dann auch daheim Diskussionen. Beispiel ist der Lukas Check. Es war ein TV-Spiel und meine jüngste Tochter hat nach dem Check zu weinen begonnen weil sie dachte, dass ich verletzt bin. Darüber haben wir danach natürlich gesprochen. Aber sie wissen, dass Eishockey eine schnelle Sportart ist wo immer etwas passieren kann. Privat bin ich aber ein völlig anderer Mensch als auf dem Eis. Darum funktioniert unser Familienleben sehr gut.

Vienna Online: Ist es hart für dich deiner Frau und deinen Kindern zu erklären was auf dem Eis passiert?

Benoit Gratton: Also meine Frau weiß es mittlerweile ganz gut. Denn wir sind zusammen seit ich 16 Jahre alt bin. Sie kennt mich und meinen Spielstil seit dem Nachwuchs, der NHL und den Minors und jetzt in Europa. Sie weiß genau wie ich spiele.

Für die Kinder ist es manchmal schon hart. Eishockey ist ‚nur’ ein Spiel. Das Körperspiel ist Teil des Spiels. Das mussten sie lernen und ich glaube schon, dass sie es jetzt wissen was mein Job ist.

Vienna Online: Noch ein Thema ist der Schneider Check aus dem Vorjahr. Es gibt noch immer einzelne Artikel die dich dafür kritisieren. Der Spieler selbst hat dich von aller Schuld freigesprochen und gemeint es wäre alles fair gewesen. Ärgern dich diese Berichte und was hast du über Schneider und sein Interview gedacht?

Benoit Gratton: Lass mich zuerst über Schneider etwas sagen. Es war toll zu hören, dass er so ein Interview gibt und so über die Situation spricht. Als Sportler magst du es nicht wenn ein Gegner verletzt am Boden liegen bleibt. Wenn er dann lange ausfällt dann tut einem es sehr leid. Das hat es mir auch getan – auch wenn ich dafür nichts konnte. Es war auch nie ein Gedanke von mir, dass ich in den Check gehe um einen Gegenspieler zu verletzen. Ich wollte einfach meinen Check zu Ende fahren. Es war einfach eine unglückliche Situation bei der er sich leider verletzt hat. Aber wie gesagt es ist ein schnelles Spiel wo Verletzungen leider passieren.

Er ist ein sehr guter Spieler, ein harter Wettkämpfer und wohl auch ein guter Mensch wie das Interview gezeigt hat. Ich habe nachher mit Andrew versucht zu sprechen und habe auch mit Christoph Brandner darüber gesprochen. Ich kenne ihn aus unserer gemeinsamen Zeit in Nordamerika. Ich war sehr froh, dass er wieder am Eis ist und wieder spielt.

Zu den Medien möchte ich nur sagen, dass es ein Teil des Geschäfts ist. Die Journalisten haben einen sehr harten Job und jeder kann schreiben was er möchte oder was er für richtig hält. Ich persönlich habe damit kein Problem.

Vienna Online: Benoit die letzte Frage die aus der Redaktion kommt. Wer stellt die härteren Fragen? Unsere Leser oder doch ein Sportjournalist?

Benoit Gratton: Beide stellen sehr gute Fragen. Es hängt natürlich auch davon ab wo du gerade bist. Ich war in Städten wo die Journalisten wirklich sehr hart waren. Aber die Leser haben mir sehr gute Fragen gestellt. Sie haben sich wirklich den Kopf zerbrochen bevor sie die Fragen eingeschickt haben. (Fragt nach wie viele Fragen gekommen sind) Bei der Menge ist es natürlich klar, dass wir einige heute nicht beantworten konnten. Es würde mir aber Spaß machen bald wieder euren Lesern Rede und Antwort zu stehen.

Das Gespräch führte Thomas Muck

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