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Bauindustrie - kein Aufschwung durch die Flut

In diesem Jahr Verlust von 80.000 Stellen befürchtet - Lage in Ostdeutschland besonders düster - Verband fordert massive Investitionen in Infrastruktur

Trotz des milliardenschweren Aufbauprogramms nach der Jahrhundertflut an der Elbe sieht die deutsche Bauwirtschaft keinen Ausweg aus der Krise. „Die Flutkatastrophe hilft uns ein bisschen, aber sie löst unsere Probleme nicht“, sagte Ignaz Walter, Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, am Dienstag in Berlin. Für das laufende Jahr rechnet der Verband mit weiteren 8.000 Unternehmenspleiten und mit dem Verlust von 80.000 Arbeitsplätzen. Der Umsatz werde um 5,2 Prozent auf rund 87 Mrd. Euro zurückgehen. Noch im Jänner hatte Walter ein weitaus geringeres Umsatz-Minus von einem Prozent vorausgesagt.

Durch die schwache Konjunktur und die Finanzkrise vor allem der kommunalen Haushalte sei die übliche Sommerbelebung der Baukonjunktur in diesem Jahr ausgefallen, erläuterte Walter. Der Umsatzrückgang um insgesamt sieben Prozent im ersten Halbjahr könne daher auch mit dem regional beschränkten Effekt der Elbeflut nicht mehr aufgeholt werden. In Westdeutschland müsse für das Gesamtjahr ein Umsatz-Minus von fünf Prozent, in Ostdeutschland sogar von sechs Prozent einkalkuliert werden.

Besonders düster sieht es in den neuen Ländern aus. Hier sind im ersten Halbjahr vor allem die Umsätze im Wohnungsbau eingebrochen; sie lagen um 17,1 Prozent niedriger als im ersten Halbjahr 2001. Mit dramatischen Folgen für den Arbeitsmarkt: Während in Westdeutschland die Zahl der Beschäftigten um acht Prozent auf 637.300 zurückging, musste die ostdeutsche Bauwirtschaft im gleichen Zeitraum 16 Prozent ihrer Mitarbeiter kündigen. Noch 1995 hatte die Branche in den neuen Ländern 443.000 Menschen beschäftigt – bis Juni 2002 sank die Zahl auf 220.000. In ganz Deutschland fielen seit Mitte der 90er Jahre, als rund 1,4 Millionen Menschen im Bauhauptgewerbe tätig waren, rund 40 Prozent der Stellen weg.

In dieser „wirklich katastrophalen Situation“ könne auch die Elbeflut keinen Aufschwung bringen, sagte Walter. Obwohl der Verband allein die Schäden an Wohngebäuden und Infrastruktur vorläufig mit sieben bis zehn Mrd. Euro beziffert, würden die freien Kapazitäten der Bauwirtschaft damit nur zu einem Bruchteil ausgelastet. Angesichts der leeren Kassen in Bund, Ländern und vor allem Kommunen befürchtet die Branche außerdem, dass die Beseitigung der Flutschäden in Sachsen und Sachsen-Anhalt durch geringere Bauinvestitionen in anderen Teilen Deutschlands erkauft werden könnte.

Von der Politik fordert die Bauindustrie nun die schnelle, unbürokratische Beseitigung der Flutschäden und massive Investitionen in die Infrastruktur. Michael Knipper, Hauptgeschäftsführer des Verbands, appellierte an die Behörden in den betroffenen Ländern, den Wiederaufbau in den Hochwassergebieten jetzt nicht durch langwierige Planfeststellungsverfahren zu behindern. Stattdessen müssten etwa für den Neubau von Brücken vereinfachte Verfahren zugelassen werden.

Für die Zukunft forderte Knipper eine wirksame Vorsorge durch Investitionen in die Infrastruktur. So brauche Deutschland dringend ein groß angelegtes Deichbau-Programm. Als Beispiel für das bisherige Versagen der Politik nannte er den verspätet begonnen Bau eines Deichs im Müglitz-Tal bei Glashütte in Sachsen, der überdies wegen Geldmangels bald wieder eingestellt worden sei. Das Hochwasser habe den halb fertigen Deich einfach weggespült und immense Schäden angerichet.

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