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Barbara

Völlig entspannt sitzt Christian Petzold in der Bar des Wiener Hotels Triest, wenige Stunden vor der Österreich-Premiere seines jüngsten Films "Barbara". Er sehe es nicht als Kritik, wenn geschrieben werde, dass das Drama einer in die Provinz versetzten Ärztin im DDR-System - brillant gespielt von Stammschauspielerin Nina Hoss - sein bisher zugänglichster, vielleicht auch erwachsenster Film sei. Alle Spielzeiten auf einen Blick

In gewisser Weise gehe es ja auch im Film um ein wachsen, ein erwachsen werden, so der deutsche Filmemacher, der kürzlich bei der Berlinale den Silbernen Bären für die beste Regie gewann. Dass es auch ein sehr persönlicher Film war, erfährt man schnell, wenn man den Erzählungen des Sohnes von DDR-Flüchtlingen lauscht. Am Freitag startet “Barbara” regulär im Kino.

Inspiriert ist das Drama von der gleichnamigen Novelle des österreichischen Schriftstellers Hermann Broch, die es Petzold schon lange angetan hatte, doch eine Verfilmung der eigentlich in den 1920er angesiedelten Geschichte einer kommunistischen Widerstandskämpferin konnte er sich lange nicht vorstellen. Erst vor einigen Jahren kam ihm das Werk zufällig bei Dreharbeiten wieder in Erinnerung, erzählt er, nachdem ihm von der Praxis berichtet wurde, wonach DDR-Ärztinnen in Provinzkrankenhäuser versetzt wurden, wenn sie Ausreiseanträge gestellt hatten. “Es herrschte ein großer Ärztemangel, die konnte man nicht einfach ziehen lassen.” Mit dieser Ausgangsposition sieht sich auch Barbara konfrontiert, die im Spital in der Pampa auf den Kinderarzt Andre Reiser (Ronald Zehrfeld) trifft.

Andre schreibt Berichte über Barbara, über ihr Verhalten, ihre Moral. Dazu wurde er von der Stasi verpflichtet, landete er doch selbst nur zwangsversetzt in dem Kaff an der Ostsee, um einen Fehler an seiner früheren Wirkungsstätte zu vertuschen. Barbaras Alltag ist geprägt von Misstrauen, und trotzdem beginnt sie langsam Vertrauen zu fassen. Es ist fast ein Ringen um ein gegenseitiges Vertrauen, ein Ringen mit Verpflichtungen und Gefühlen. Petzold begegnet der DDR mit einer unaufgeregten Selbstverständlichkeit, ohne Verzerrungen, ohne Beschönigungen. Und dennoch könnte dieses Streben nach individueller Freiheit, nach Unabhängigkeit auch in jedem anderen System Thema sein. Im Überwachungsstaat wird schlicht die Fallhöhe größer, werden die Konsequenzen härter.

“Es ist ein sehr erwachsenes Kennenlernen der Beiden”, attestiert Petzold, “es sind erwachsene Gespräche von zwei erwachsenen Personen.” Andre ist beeindruckt von den beruflichen Fähigkeiten Barbaras, diese ist erstaunt, wie geerdet und gut vernetzt ihr Kollege auch an den Randzonen des Systems ist. Im Krankenhaus hat er sich ein kleines Labor eingerichtet, an der Wand hängt ein Rembrandt, wenn Barbaras Klavier verstimmt ist, schickt er ihr kurzerhand den Klavierstimmer vorbei. Sie wird gleichzeitig zur Vertrauensperson einer flüchtigen Jugendlichen, macht sich mit einem selbst reparierten Fahrrad unabhängig von Gemeinschaftsverkehrsmitteln und bereitet still und heimlich die Flucht in den Westen vor, auch wenn die Stasi regelmäßig ihre Wohnung durchsucht.

Petzold verzichtet auf eine künstliche Mysteriösität, erweist sich vielmehr als versierter Erzähler, der je nach Stimmung zwischen Drama und Politthriller changiert, der die teils expressiv ausgeleuchteten Innenräume mit der herbstlichen Natur kontrastiert, das Ticken der Uhren mit dem Rauschen des Windes. Kein Wort, keine Einstellung ist hier zu viel, gegen “Barbara” wirkt der Oscar-Gewinner “Das Leben der Anderen” wie ein Märchen. “Kein Bild ist hier unschuldig, weil jeder Blick und jede Handlung schon gefiltert sind”, fasste ein Kritiker zusammen. Aber es gehe im Film nicht um eine Rückkehr zur Unschuld, “sondern wie man in einer zwangsläufig immer durch Unaufrichtigkeit kontaminierten Welt trotzdem zueinander und zu sich selbst finden kann”. Besser könnte das auch Petzold nicht sagen.

(APA)
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