Ausstellung: Die Staatsoper stellt sich der NS-Zeit

Die Ausstellung dokumentiert Vertreibungen, Günstlinge und Opportunismus im Haus am Wiener Ring während der NS-Herrschaft. Direktor Ioan Holender: "Wir wollen niemand schuldig sprechen."

“Die Direktion sieht sich veranlasst Ihnen mitzuteilen, dass Sie mit sofortiger Wirksamkeit von ihrer Tätigkeit als Ballettschullehrerin enthoben sind”: Nur Tage nach dem Anschluss wurde in der Wiener Staatsoper mit der Vertreibung jüdischen Personals begonnen. So wie Risa Dirtl mussten noch rund 90 weitere Mitarbeiter “von heute auf morgen” das Haus am Ring verlassen, schilderte Direktor Ioan Holender am Montag bei der Eröffnung der Schau “Die Wiener Staatsoper und der ‘Anschluss’ 1938” durch Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (S). “Das soll jeder wissen, der dieses Haus besucht”.

“Mit dieser Nachdenklichkeitsausstellung stellt sich die Staatsoper in die Reihe jener Institutionen, die sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen – auch wenn sie noch so schmerzhaft ist”, sagte Gusenbauer einleitend. Dies sei auch heute “noch immer die Ausnahme”. Österreich lebte, nicht nur beim Identifikationsort Staatsoper, “gerne in seinen Illusionen”, die Staatsoper wurde nach ihrer Wiedereröffnung als “prunkvolles Wundpflaster” gesehen, Fragen sollten keine gestellt werden.

Keine Illusion braucht man sich bei der von den Staatsopern- Dramaturgen Andreas und Oliver Lang gestalteten und vom Historiker Oliver Rathkolb wissenschaftlich geleiteten Schau darüber zu machen, dass die Staatsoper zur Zeit des Nationalsozialismus ein Refugium geblieben wäre: Erschütternde Dokumente, wie Holender betonte, zeigen im Gustav Mahler-Saal, wie jüdische Staatsopern-Mitarbeiter entlassen wurden, die danach vertrieben, verfolgt oder in Konzentrationslagern ermordet worden sind. Ebenso dokumentiert sind Anbiederung an die neuen Nazi-Machthaber und Postenschacher in der Staatsoper – viele der Entlassungen hatten direkte und indirekte Nutznießer. “Auch die Künstler sind nicht bessere Menschen, auch sie sind nicht als Helden geboren”, so Holender. Gusenbauer ergänzt: Die Staatsoper “war nicht schlimmer” als andere Institutionen. “Sie war aber auch eines nicht – leider: ein Refugium”.

In den Schaukästen sind anlässlich des 70. Jahrestages des sogenannten “Anschlusses” Österreichs an Deutschland bis 30. Juni Entlassungsdokumente, Fotos und Zeitzeugenberichte von Betroffenen sowie erläuternde Texte zu sehen – eine beklemmende Dosis Operngeschichte für die Aufführungspausen. Anhand eines Plakates der Aufführung “Das Land des Lächelns” vom 28.2.1938 wird aufgelistet, wer vertrieben, wer verfolgt, wer ermordet (wie Fritz Löhner) wurde. Penible Listen mit Künstlern und Mitarbeitern, die gekündigt werden sollten, sind zu sehen, die Schicksale von Tänzern, Sängern, Dirigenten zu verfolgen. Zum Gedenken an die dunkle Vergangenheit der Staatsoper soll auch die Skulptur “Der Schreibtischmörder” des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka beitragen.

So rasch und umfassend waren die Entlassungen, dass sowohl Chor als auch Orchester ihre Arbeit teilweise nicht mehr aufrechterhalten konnten. So wurden Extra-Ansuchen gestellt, um entlassene Künstler vorübergehend wieder beschäftigen zu können – teilweise auch ohne Wissen der Nazis, wie im Falle des mit einer Jüdin verheirateten Schlagwerkers Arthur Schurig. Werke wurden verboten, heitere Opern in den Vordergrund gestellt, aufwändige Werke wegen Sängermangels hintangestellt – was ausgerechnet auch die von Hitler so geliebten Wagner-Opern betraf. Dokumentiert ist auch, wie wenige der Vertriebenen nach dem Krieg wieder aktiv zurückgeholt wurden.

Andererseits widmet sich die Schau gemäß ihres Titels “Opfer, Täter, Zuschauer” auch jenen, die es über NSDAP-Mitgliedschaft und überzeugte Nazi-Gesinnung nach oben schafften – und die Kontinuität, die viele dieser Günstlinge auch nach dem Krieg weiter in hohen Positionen behielt. “Wir wollen niemand schuldig sprechen”, sagt Holender. Es gehe darum, “ein bisschen Licht” in die Geschehnisse zu bringen. “Wir haben versucht, nicht nur die bekannten, großen Namen zu zeigen, sondern die ganze Bandbreite”, so Oliver Lang. Licht in die Mechanismen der Nazi-Herrschaft und der Nachkriegszeit bringen etwa zwei Briefe von Karl Böhm: 1935 suchte er um ein Dirigat in Wien an, um “den Anhängern der nationalsozialistischen Idee neue Anregungen zu geben”. 1946 wollte er laut einer Erklärung dann “nach besten Kräften für die freie, unabhängige und demokratische Republik Österreich” eintreten.

“Die Wiener Staatsoper und der ‘Anschluss’ 1938: Opfer, Täter, Zuschauer.”
Ausstellung im Gustav-Mahler-Saal der Wiener Staatsoper.
10. März bis 30. Juni, www.staatsoper.at

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