Asiatische Kampfsportarten erlernen: Selbstverteidigung und Kunstform

Asiatische Kampfkünste als Mittel zur Selbstverteidigung.
Asiatische Kampfkünste als Mittel zur Selbstverteidigung. ©www.wild bild.at/beigestellt
Nicht zuletzt für Frauen werden Kampfsportarten aus dem asiatischen Raum als Mittel zur aktiven Selbstverteidigung immer interessanter - wobei es für Anfänger oftmals schwierig ist, die richtige Art und die richtige Schule zu finden. Worauf man als interessierter Neuling achten sollte, erklärte Sportler und Kampfkunstexperte Michael Stapel VIENNA.AT im Interview.

Auf die Frage, warum er selbst vor vielen Jahren begonnen hat, asiatische Kampfkünste zu praktizieren, zuckt Michael Stapel nur lächelnd mit den Schultern: “Ganz simpel: Ich war ein Mobbing-Opfer. Mein Großvater hat mir dann eines Tages einen Zeitschriftenbericht über Samurai gezeigt – da habe ich Feuer gefangen und begonnen, Karate, Judō, Aikido und schlussendlich  Jūjutsu zu erlernen. So ging es dann Schritt für Schritt weiter – nun sind es schon 46 Jahre geworden.”

Der heute 56-Jährige ist ausgebildeter Polizeibeamter und übte diesen Beruf dreizehn Jahre lang aus, bevor er sich gänzlich auf das Unterrichten von Kampfkünsten spezialisierte. Nun leitet er in Auggen im deutschen Baden-Württemberg sein Dōjō “Sui Getsu” (also seine “Wassermondhalle” um den “Weg zu üben”).

Kampfsportarten – eine körperliche Kunstform

Wie viel “Kampf” steckt nun tatsächlich darin? “Ein Teil ist Kunst, ein Teil Sport, ein Teil Selbstverteidigung”, schlüsselt Stapel auf. “Wobei etwa in Japan die Ansicht der ‘Kunst’ klar überwiegt. Japaner schütteln zu Recht den Kopf über das manchmal negative Image, das Kampfkunstformen hier bei uns in Europa teilweise haben. In dieser Sportart stecken vielleicht 30 Prozent Kampf gegen andere – die restlichen 70 Prozent sind der Kampf gegen sich selbst. Viele haben aber das falsche Bild, dass man nach einem Jahr Training schon ein zweiter Bruce Lee werden kann – man muss sich bewusst sein, dass man bei diesem Sport nicht nur konsumiert, sondern vor allem investieren muss. Ein Leben lang.”

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Für den Shihan (japanisch für “Lehrmeister” und “Vorbild”) spielen auch die Philosophie und eine gesunde Lebensweise, die sich vom regelmäßigen Training über eine bewusste Ernährung spannt, eine wesentliche Rolle.

“Schule nur so gut wie der Lehrer”

Nicht zu vergessen die Disziplin – welche oft von Eltern falsch interpretiert wird: “Manche Eltern schicken ihre Kinder zu Kursen in ein Dōjō , weil sie sich erhoffen, dass der Sprössling dort diszipliniert wird. Diese Haltung lehne ich ab – ich bin kein Pädagoge oder Therapeut. Wenn Kinder mit Kampfkunst anfangen, sollte von ihnen selbst das Interesse kommen. Und mit diszipliniertem, häufigem Training kommen dann auch die eigenen Erfolge.”

Wenn Stapel aber merkt, dass ein Schüler aus den ‘falschen Motiven’ heraus die Techniken erlernen möchte, zieht er konsequent die Bremse. “Wer sich im Unterricht daneben benimmt, wird beim ersten Mal abgemahnt – beim zweiten Mal folgt der Rausschmiss mit lebenslangem Hausverbot.” Das sei ein wichtiges Credo für den Shihan, denn: “Die Schule ist nur so gut wie ihre Lehrer. Man muss daher darauf achten, ein qualitatives Niveau zu halten und dieses den Schülern vermitteln.”

“Viel Betrug in der Szene”

Leider würden nicht alle Schulen nach diesem Credo unterrichten. Laut Stapel gibt es in der Kampfsport-Szene leider auch zahlreiche Schwindler. “Es gibt nicht viele Profis, die auf eine langjährige Ausbildung zurückblicken können. Viele von ihnen sind schlicht und einfach Betrüger – ihre Kurse sind von der Qualität dann auch dementsprechend. Als Laie erkennt man das jedoch kaum. Vielen Schülern vergeht durch den schlechten Unterricht oder einen unfähigen Lehrer die Freude und sie hören gänzlich auf. Das ist traurig – und eine Schändung der Kunst!”, kritisiert der Profi.

Als Neuling sollte man sich daher vor Beginn möglichst ausführlich über das Dojo und die Ausbildung und Erfahrung des Lehrers informieren. Ob Jūjutsu, Aikidō, Karate, Judō oder eine chinesische Art – welche Kamfkunstform für einen selbst passt, kann man nur durch Ausprobieren feststellen. Wobei Stapel Anfängern rät, hier sehr auf das persönliche Wohlbefinden zu achten. “Ob man nun Budō (Sammelbegriff für japanische Kampfkünste, Anm.), Kung Fu oder eine völlig andere Art ausübt – bei diesen Künsten ist es wie mit einem italienischen Markenschuh: Er muss genau passen, ohne zu drücken. Sobald der Unterricht oder die Kunstform selbst ein schlechtes Gefühl hervorruft, sucht man sich besser etwas anderes.”

Selbstverteidigung für Frauen

Galt Kampfsport früher vielleicht als Männer-Domäne, finden heute immer mehr Frauen Gefallen daran – insbesondere in Sachen Selbstverteidigung. Nicht unproblematisch sei die Vorstellung, dass Kurse in Kampfsportschulen oft von “Machos” besucht werden würden, die sich gegenseitig nur eins auf die Nase geben wollen – ein manchmal nicht unbegründetes Klischee. “Da kommt wieder das Stichwort Qualität ins Spiel – ein guter Lehrer achtet darauf, dass der Unterricht nicht in so einer Form ausartet”, bekräftigt Stapel erneut. Hat frau nun einen guten Kurs gefunden, gilt es auch andere Dinge zu beachten – und manchmal auch zu überwinden: “Kampfkünste sind ein Kontaktsport. Für einige Schülerinnen heißt es, die Hemmschwelle hier zu überwinden, denn viele Techniken können nur durch Berührung vermittelt werden.”
Kontrolltechnik-600
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Natürlich gehört auch eine Prise Talent dazu, aber in erster Linie sei es der “nötige Biss” beim Training, durch den man lernen würde, sich auch effektiv zu verteidigen. Für den Shihan ist aber klar, dass die Künste den Schülerinnen “vieles mitgeben können”. “Ich habe großen Respekt vor Frauen, die Gewalterfahrungen gemacht haben und dann lernen wollen, sich zu wehren. Gerade Österreich steht in Sachen Sexualdelikte gegen Frauen nicht gut da – die Dunkelziffer ist hoch, Politik und Rechtssystem könnten weitaus mehr tun,” kritisiert Stapel.

“Wenn man als Lehrer dann sieht, wie sich mithilfe der Kampfkunst ein neues Selbstbewusstsein bei den Schülerinnen einstellt – das ist schon ein sehr schönes Gefühl.”

Einen Überblick zu Verbänden und -schulen in Österreich finden Sie im österreichischen Kampfkunst-Forum. Auch die Universitätssportinstitute USI bieten zahlreiche Kurse an.

Red.: (ABE)

Bilder:  wildbild.at

 

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